Die Wahrheit wieder einmal komplizierter als sie schien

In Zeiten des abnehmenden Lichts. Matti Geschonneck
Acht Jahre nach erscheinen von Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist nun ein Film entstanden. Matti Geschonneck hat versucht, den als Montage konzipierten Roman anhand eines abschließenden Ereignisses zu fokussieren. Im Großen und Ganzen ist dieses gelungen. Um einen alten, manchmal zu abgegriffenen Begriff zu verwenden, der in diesem Fall allerdings kein Klischee ist: es ist sogar ein Sittengemälde der DDR, die kurz vor ihrem endgültigen Zusammenbruch steht, gelungen.

Um das Ereignis, den neunzigsten Geburtstag des Familienpatriarchen, ranken sich die Geschichten der einzelnen Familienteile und Familienmitglieder. Das Ganze spielt im Jahr 1989 und der Zuschauer weiß um die Endlichkeit der politischen Verhältnisse, in denen sich das Leben ausbreitet. Auch wenn die eine oder andere komische Inszenierung kurz aufblitzt, es handelt sich nicht um eines jener Werke, dass sich über die Weltfremdheit und das Skurrile der DDR lustig macht. Auch wenn viele Szenen grotesk wirken, so wird den Akteuren dennoch nicht abgesprochen, dass sie ihre eigene biographische Logik haben, die sogar in einem Systemzusammenhang steht.

Atmosphärisch wird der Eindruck vermittelt, den man hatte, wenn man die späte DDR besuchen konnte. Zumeist ein verschleiertes Licht, viele Grautöne, ruinöse Immobilien, antike Automobile, schlecht gekleidete Menschen und hölzern und unzeitgemäß wirkende Phrasen. Das wäre nichts Neues, wenn es nicht gelänge, die Motive der Handelnden und die dahinter stehenden Geschichten zu entschlüsseln. Der Veteran, der mit Mexiko das falsche Exil gewählt hatte, weil die späteren Parteikarrieren von denen gemacht wurden, die in Moskau waren. Seine Frau, der das Großbürgerliche in jeder Geste anhaftet, die mit ansehen musste, wie aus ihrem verehrten großen Welterklärer ein dogmatischer Besserwisser wurde. Ihr Sohn, der ins russische Exil wollte, aber zusammen mit seinem Bruder in einem Gefangenenlager landete, von wo nur er, aber mit einer russischen Frau und einer Schwiegermutter im Gepäck zurückkehrte, um ein angesehener Historiker zu werden, der verschweigt, was er im Gulag gesehen hat. Und sein Sohn, der im Film, kurz vor dem großen Geburtstag des Patriarchen, auch noch rüber macht.

Bis in den letzten filmischen Winkel werden Geschichten erzählt, die die Menschen sympathisch und nicht lächerlich machen. Die zumindest im Film größte Wirkung erzielt die Russin und Mutter des geflohenen Sohnes. Sie ist die Seele der Epoche, sie spürt den nahenden Untergang und sie sträubt sich mit ihrem ganzen Wesen. Quasi in der Schlüsselszene führt sie, angetrunken und exzentrisch gekleidet, einen Dialog mit der gesamten Hochzeitsgesellschaft. Sie seziert die in Formalismen erstarrte Gesellschaft und ihre Zukunft mit einer vernichtenden Offenheit. Das zentrale Statement ist ein Zitat: „Wenn es kein Brot gibt, können wir Kartoffeln essen, aber was ist, wenn die Ideen ausbleiben?“ Es ist folgerichtig, dass die Erzählung mit dem Ende dieser figurierten Seele endet.

„In Zeiten des abnehmenden Lichtes“ ist ein aus meiner Sicht wichtiger Film, weil er jenseits der Siegerperspektive Einblicke in die Tragik eines Projektes gewährt, das von sehr starken Charakteren und durchaus sympathischen Menschen in Angriff genommen worden war. Der Film macht ohne Triumphhalismus deutlich, dass die Wahrheit wieder einmal komplizierter war als es aus dem Blickwinkel der Sieger schien.

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2 Gedanken zu „Die Wahrheit wieder einmal komplizierter als sie schien

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  2. Bludgeon

    Hab das Buch gelesen und es hat mich begeistert, wie Tellkamps „Turm“. Die Verfilmung des letzteren ist ein epochaler Gau gewesen, deswegen plagt mich nun die Neugier auf den anderen: Geschonnek ist schon ein guter – ich trau ihm zu, dass er das geschafft hat.

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