Von Verhältnissen und Sensationen

Es ist ein altes Thema, wird aber jeden Tag von neuem belebt. Es geht um den Drang der Medien, eine sensationelle Neuigkeit zu präsentieren. Alles muss dabei sein, es muss brandaktuell sein, es muss dramatisch sein und es muss in die Bauchgegend derer vordringen, denen das Ganze präsentiert wird. Das gilt für die Branche, die mit Neuigkeiten handelt, und kaum ein Vertreter dieses Genres entgeht dem Zwang.

Heute ist wieder so ein Tag. Da brennt ein Hochhaus mitten in London und das Geschehene wird live und auf allen Kanälen präsentiert. Das Drama, das tatsächlich dahinter steckt, speist sich lediglich aus der Möglichkeit einer Duplizität im eigenen Kulturkreis. Hochhäuser könnten auch hier brennen. Tun sie aber im Moment nicht. In Bangladesch könnten nicht nur, nein, dort brennen immer wieder als so genannte Sweat Shops bezeichnete Textilfabriken, in denen zumeist Frauen und Kinder für die hier eher weniger Bemittelten billige Kleidung nähen, die dann auf wiederum billigem Wege in das Herz Europas gebracht werden, um dort verkauft zu werden. Diese Fabriken brennen regelmäßig lichterloh und mit der ganzen Billigware verglühen dort die schönen Frauen und die herzigen Kinder. Solche Brände wurden bis heute zwar ab und zu erwähnt, aber sie hatten nie die Intensität dessen, was zum Beispiel seit heute Morgen in dem Haus in London los ist.

Die Meldung des heutigen Morgens hat einzig und allein den Zweck, dem Publikum das Gefühl zu geben, dass das Leben gefährlich ist, es jeden treffen kann, aber die Dramatik des Tages es wollte, dass man heute als unbeteiligter, aber durchaus interessierter Zuschauer einen leichten Schauer erwerben kann, wenn man das Drama in London weiter verfolgt.

Die Antwort, die man bekäme, sollte man fragen, warum die Meldung eines mehr oder weniger belanglosen Brandes in der vorliegenden Form gehypt wird, liegt eigentlich schon vor und wird in solchen Fällen gerne wiederholt: Wenn wir das nicht machen, dann machen es die anderen. Und fragte man weiter, warum nicht eine Textilfabrik aus Bangladesch oder eine Favela in Sao Paulo mit brennendem Fleisch so aufbereitet würden, dann würde der Fragende noch als pietätlos bezeichnet.

Da drängt sich allerdings eine Logik auf, die aus den Tiefen des Humanismus kommt und die durchweg berechtigt ist: Ist es nicht frevellos, über relativ belanglose Katastrophen zu berichten, als seien sie das alles Entscheidende und es gleichsam dabei zu belassen, über die Katastrophen zu berichten, die nach radikaler Veränderung rufen? Wer sich dieser Technik des Wegschauens schuldig macht, der akzeptiert das Unrecht und arrangiert sich damit.

Wie wäre es, wenn das einfache Prinzip der Kausalität, das der Betrachtung von Ursache und Wirkung genommen würde, um die Katastrophen, unter denen Menschen leiden, auf ihre Vermeidbarkeit hin zu untersuchen. Damit ist nicht die heutige, unglückliche Bemerkung des Londoner Bürgermeisters Khan gemeint, der nach einer Kontrolle des Brandschutzes ruft. Denn die Verregelung in Europa steht der explosiven, unverantwortlichen  Anarchie in Bangladesch und im Sudan, in Sao Paulo und in Mumbai gegenüber.

Die Erhöhung des Unbeeinflussbaren zur eigentlichen Katastrophe vermittelt ganz gezielt das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit. Das ist der eigentliche Sinn hinter dem so genannten Sensationsjournalismus. Verhältnisse sind von Menschen gemacht und Verhältnisse werden von Menschen geändert.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Von Verhältnissen und Sensationen

  1. Pingback: Von Verhältnissen und Sensationen | per5pektivenwechsel

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.