Helmut Kohl und die Gunst der Stunde

Nihil nisi bene. So bin ich erzogen und so passt es zu meinem Naturell. Ich kann nicht zornig sein auf Menschen, die nicht mehr sind. Mir geht es emotional so ähnlich wie dem Kollegen aus Ostdeutschland. Ich wuchs in der ehemaligen BRD auf, als sie noch das bessere Beispiel zweier Systeme sein wollte und sich anstrengte, das zu beweisen. Helmut Kohl war lange Zeit Kanzler. In meinem Gedächtnis bleiben nicht bestimmte Einzelheiten. Nur  ein dumpfes Gefühl, das nicht zu Unrecht auch als bleierne Zeit beschrieben wurde. Kohl kam an die Macht, weil die Sozialdemokratie gespalten war, Teile den Sturz Brandts nie verziehen hatten und andere den Pragmatismus Schmidts so liebten. Die FDP ging mit Kohl und damit wechselte die Macht.

Kohl war ein Vertreter des rheinischen Kapitalismus. Heute glaube ich, dass diese Lebenseinstellung von der Landkarte verschwunden ist. In unseren Tagen, in dem der Berliner Protestantismus spröde und humorlos wirkt, kommt einem Helmut Kohl vor wie einer der letzten Menschen in der Politik. Er ging in Ludwigshafen in die städtische Sauna und saß in Mannheim bei Da Gianni und verzehrte seine geliebte Carbonara. Oft lief ich an der Karosse des Bundeskanzlers vorbei, wenn er dort mal wieder eingekehrt war und musste schmunzeln. Oder, als ich einen Anzug in einem hiesigen Kaufhaus kaufen wollte und die Verkäuferin mich lobte, dasselbe Modell habe der Helmut Kohl gerade auch bei ihr gekauft. Wer weiß, wo man gut isst und einen erlesenen Wein angeboten bekommt, und wer dort verkehrt, wo alle anderen auch, der hat etwas Menschliches.

Andererseits war die politische Biederkeit, dokumentiert durch die Bilder vom Wolfgangsee, wo er mit Strickjacke und Pfeife im Ruderboot sitzt, für mich und meine Generation eine Provokation an sich. Wir waren alle aus unseren Provinznestern und Familien getürmt, um eine neue Zeit zu begründen. Und dann Reformstau und Stillstand.

Die Einheit, von deren Zeitpunkt alle überrascht waren, auch er, lasst euch keinen Mythos verabreichen, diese Einheit wäre ohne die neue deutsche Ostpolitik von Brandt und Bahr nie möglich geworden. Und sie wäre ohne Helmut Kohl nicht über Nacht gekommen und zum Faktum geworden. Brandt und Kohl sind die Väter der Einheit, und das täte keinem von beiden weh.

Wie sie dann gemanaged wurde, diese Einheit, daran habe ich bis heute große Zweifel. Wahrscheinlich hat Kohl, der in großen Linien dachte, sich keine Gedanken zu den Details gemacht. Da waren so Griffelspitzer wie Schäuble gefragt, die aus der Einheit einen Anschluss machten. Der Einigungsvertrag besiegelte das Ende aller schöpferischen Optionen, die existierten. Wir hätten uns alle reformieren können, von der Verfassung bis hin zur Art der Demokratie, aber es ging um die schnellen Fakten a la Bonn. Dass der rheinische Kapitalismus sich damit selbst abschaffte, ist nur das kleinere Übel. Die große Enttäuschung über das wahre Gesicht des neuen, protestantischen Kapitalismus in der ehemaligen DDR ist bis heute eine Hypothek, die explosiven Charakter hat.

Ich sehe Helmut Kohl vor mir, wie er im Rollstuhl sitzt. Ein alter Mann, von der Krankheit gezeichnet. Der in seinen besten Tagen einen Riecher hatte für die Gunst der Stunde. Und der sehr deutsch war. Deshalb haben ihn viele immer wieder gewählt, auch wenn es niemand zugab. Mit diesem Bild im Kopf kann ich nicht zornig sein. Wenn ich manche Ergebnisse seiner Politik sehe, bin ich das schon.

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5 Gedanken zu „Helmut Kohl und die Gunst der Stunde

  1. Pingback: Helmut Kohl | per5pektivenwechsel

  2. almabu

    Ich habe „den Dicken“, gelegentlich auch „Birne“ genannt, nie gewählt und an meinem alten Fahrrad klebt noch heute aus purer Nostalgie ein Juso-Aufkleber „Kohl muss weg!“
    Gott ließ sich sehr viel Zeit, bevor er jetzt dieser alten Juso-Forderung nachgab.
    In der Minute aber, wo er von „seinem Mädchen“ Merkel abgesägt wurde, war meine Forderung politisch erfüllt und nachtragend war ich noch nie. Im Gegenteil, im Rollstuhl und von Krankheit gezeichnet, tat er mir einfach nur Leid…
    Jetzt sehe ich die Gefahr, daß Merkel und die CDU die europäische Trauerfeier in Straßburg, die Rheinfahrt nach Speyer, die deutsche Trauerfeier, vermutlich im Juli, schon für den Bundestagswahlkampf instrumentalisieren könnten, was „dem Dicken“ vermutlich gefallen hätte?

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  3. nektutir

    das Schöne an den Beiträgen hier ist, dass sie differenzieren. Was heute viel zu selten getan wird 🙂

    Antwort
  4. monologe

    Da verwechselt einer Differenzierung mit Verharmlosung tun. Na schön. Kann man denn sagen, dass die Merkel die »letzte Rache« Kohls ist? Oder die große Unterschätzung? Vielleicht dass er dachte, die machen wir schon klein. Hats ja alles schon gegeben.

    Antwort

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