Komplexe Phänomene und Volkes Stimme

Es besitzt durchaus Charme, bestimmte Bilder aus dem Alltag zu bemühen, um wirklich große und komplexe Phänomene verständlich zu machen. Manchmal ist das zielführend, manchmal aber auch nicht. Es kann auch auf die gefährliche Bahn dessen führen, was im Allgemeinen als Populismus verstanden wird. Die berühmte schwäbische Hausfrau ist so ein Bild. Ihre Eigenschaften werden gerne von Politikern selbst bemüht, um die eigene Politik zu erklären. Unter dem Strich steht dann zumeist die Aussage, dass man nicht mehr Geld ausgeben kann, als man besitzt. So trivial richtig der Satz ist, so irreführend kann er auch sein.

Denn eine Politik, die keine Hypotheken auf die Zukunft aufnimmt, kann fatal sein. Und eine schwäbische Hausfrau nähme vielleicht auch ein Darlehn auf, um die Ausbildung der Tochter gewährleisten zu können. Was, um etwas giftig zu sein, die schwäbische Hausfrau kann und die Politik im Allgemeinen nicht, sie kann auf Ausgaben verzichten und anders priorisieren. Damit tut sich die Politik sehr schwer, weil keine Interessengruppe verzichten will, auch wenn die Ausgabe oder Subvention unsinnig ist. Es ist festzustellen, dass notwendige politische Investitionen mit einem einseitigen Bild der Sparsamkeit nur dürftig kritisiert werden können.

Ein anderes Bild, das aus dem komplexen Feld von Politik und Ökonomie stammt, ist das der strategischen Überdehnung. Es handelt sich dabei um ein Phänomen, mit dem irgendwann alle Imperien konfrontiert waren. Sie mussten eine gewaltige Infrastruktur unterhalten, um ihre globalen Machtansprüche gegen alle möglichen Konkurrenzen und Widrigkeiten durchzusetzen, die Kosten wurden allerdings irgendwann so groß, dass das ganze Imperium in die Knie ging. Das war so im großen Rom, das erfuhren die neuen Zaren im Moskauer Kreml und vieles spricht dafür, dass die imperialen Strategen am Potomac zu Washington derweilen mit dem gleichen Dilemma zu kämpfen haben.

Im Alltag, dem ganz profanen, wären wir wiederum nicht verlegen, um Bilder für das Phänomen der strategischen Überdehnung zu finden. Ein sehr schönes beschreibt die Redewendung, die davon spricht, dass die Augen größer als der Magen seien. Das ist plastisch und schildert den Drang, sich mehr auf den Teller zu legen, als man verspeisen kann. Es ist eine Metapher für unstillbare Gier. Der Schuster, der bei seinen Leisten bleiben soll, akzentuiert da eher auch die mentale Überforderung, die bei einer Usurpation von allzu Fremden sich einstellen kann. Und die schöne Berliner Formulierung, ob man es nicht auch kleiner habe, umreißt das Geckenhafte und Skurrile, das sich hinter dem großen Anspruch zumeist auch immer verbirgt.

So sehr davor zu warnen ist, berühmte Volkes Stimme unreflektiert dazu zu verwenden, um große Politik zu erklären, so sehr sollte man sich nicht dazu verleiten lassen, die Weisheit, die sich dahinter verbirgt, zu unterschätzen. Die drei wahllos aus dem Stegreif bemühten Redewendungen taten nichts anderes, um drei Aspekte der strategischen Überdehnung ziemlich präzise zu umreißen: Es existiert dabei ein physisches Problem des Verkraftens, eine kulturelle des Verstehens und eine exzentrische, ins Pathologische führende Selbstüberschätzung. Als Einstieg in die weitere Analyse ist das nicht schlecht. Und wer sich darin übt, der steht schon an der Schwelle zur Textanalyse. Das Grundrauschen der großen, komplexen Phänomene erzeugt ein ziemlich präzises Bild auch in der Alltagssprache.

 

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4 Gedanken zu „Komplexe Phänomene und Volkes Stimme

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  2. almabu

    Warum fällt mir nur passend zu diesem Artikel der G20-Gipfel in HH ein, bei dem die Organisatoren eine halbe Stadt blockieren, Massenproteste und Gewaltausbrüche fürchtend, bei deren Eintreffen unschuldige, unbeteiligte Hamburger gefährdet werden könnten, nur weil man solch einen Selbstdarstellungs- und Selbstbeweihräucherungs-Gipfel im Zentrum einer deutschen Großstadt abhalten muss?

    Warum nicht mit zwei, drei Kreuzfahrtsdampfern zur Unterbringung auf Reede vor Helgoland und den Gipfel auf dem Felsen in der Nordsee abhalten, wo die Sicherheit der politischen Teilnehmer und Beteiligten der Medien viel einfacher und leichter zu gewährleisten wäre und nicht eine Million Hamburger zur Geisel genommen würden?

    Das wäre wohl zu unspektakulär und zu billig geworden? Statt dessen Bereitschaftspolizei, Rot-Kreuz-Mitarbeiter (und Feuerwehren?) aus dem 250km entfernten Ostwestfalen nach HH karren und dort 12-Stunden-Schichten machen lassen…

    1. alphachamber

      Almabu, weil dieser Staat sein Volk nicht fürchten muss…
      Sie haben recht, es ist das Zeitalter des „bürokratischen Imperialismus“.

  3. monologe

    Da gibts noch »Man muss sich nach der Decke strecken«, besonders für die, denen man die Decke zugeschnitten hat, und »Gürtel enger schnallen«, und dazu muss man nichts mehr sagen. Hat man allerdings schon lange nicht mehr gehört. Scheint vor verengten Horizonten und von Schranken versperrten Tunnels, wo hinten Licht an ist, auch so zu gehn.

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