Frantz Fanon und die Verdammten dieser Erde

Der Kolonialismus stellt eine Phase in der Entwicklungsgeschichte menschlicher Gesellschaften dar, die mit dem Beginn und dem Ende der eigentlichen Epoche längst nicht abgeschlossen war und ist. Vor dem Kolonialismus, der auch für die systematische Ausplünderung eines Landes durch ein anderes steht, standen imperiale Machtstrukturen, die es ebenfalls in sich hatten. Aber militärische und wirtschaftliche Vorherrschaft hatten nicht annähernd die verheerende Wirkung wie der Kolonialismus, weil sie kulturelle Brüche zuließ, zuweilen sogar eine eigene Religion, eine andere Rechtsprechung und kulturelle Identitäten wie die Sprache respektierten. Rom war der Inbegriff für diese Form der toleranten Herrschaft, des Regierens durch Abgaben bei Respektierung der lokalen Eigenheiten.

Der Kolonialismus, der entwicklungsgeschichtlich als die notwendige Vorstufe für die Manufakturwirtschaft und den späteren Industrialismus steht, hat den Kapitalismus mit Rohstoffen beflügelt, den Krieg um Ressourcenzugriff als Dauerzustand etabliert und die Globalisierung eingeleitet. Die Länder und Gesellschaften, die unter der Herrschaft des Kolonialismus zu leiden hatten, haben sich in der Regel bis heute nicht erholt und keine noch so radikale Unabhängigkeit und Autonomie hat es vermocht, diesen Ländern einen Platz unter den freien und gleichen Nationen zuzusichern.

Die Theorie, dass das alles kein Zufall gewesen sein kann, dass diejenigen, die kolonisiert haben, eben die Tüchtigeren waren und die, die kolonisiert wurden mit ihrer Rückständigkeit dazu eingeladen hätten, wird bis heute reproduziert, obwohl sie die Frage der Systematisierung der Gewalt bewusst herunterspielt. Der technologische Vorsprung im Bereich der Kriegstechnik wurde eskortiert von einer Skrupellosigkeit, die keinerlei zivilisatorische Wurzeln hat.

Bis heute, bis in die Zeit einer weiteren großen Globalisierung, hat sich das Ungleichgewicht zwischen den ehemaligen Kolonialstaaten und den ehemaligen Kolonialmächten nicht wesentlich geändert. Und die Entmündigung hat dekadente Züge zutage treten lassen, die nach dem Kolonialismus etablierten Strukturen sind nicht selten Konstrukte der rohen Gewalt und der nackten, schamlosen Gier.

Die Gemeinsamkeit, die beide zivilisatorischen Blöcke momentan zu beklagen haben, ist die mangelnde Existenz einer Ideologie der Befreiung. So wie der Marxismus durch die Experimentierphase in Osteuropa und Asien ziemlich desavouiert wurde, so sehr liegen die Theoreme einer Befreiung vom Kolonialismus und der Phase einer vollumfänglichen Autonomie irgendwo in der Asservatenkammer der Geschichte. Der Che Guevarismus ist zu fragmentarisch, der Castroismus zu totalitär und der Gandhiismus zu pazifistisch und verhaltensbezogen, als dass sie genügend Charme versprühten, um die tatsächlich Verdammten dieser Erde wieder zu einen.

Nur derjenige, der die berühmte Zeile aus der Internationale bemüht hat, um seine Gedanken zum antikolonialen Kampf zusammenzufassen, könnte noch frische Zugänge zu einem Weg aus dieser Aporie liefern. Der Psychiater Frantz Fanon, 1925 in der französischen Kolonie Martinique geboren, hat in seinem kurzen Leben, das 1961 in Algerien endete, die Fragen brillant variiert: In seinem Buch mit dem Titel „Schwarze Haut und Weiße Masken“ beschrieb er die Brüche, die im Bewusstsein der Kolonisierten entstanden, indem sie permanent die Weißen spielen mussten, um minimal akzeptiert zu werden. „Im fünften Jahr der algerischen Revolution“ zeigte jedoch einen bereits radikalisierten Politiker und in „Die Verdammten dieser Erde“ vollzog er den Bruch mit allem, was aus den alten Kolonialmächten kam.

Letzteres wurde realiter in allen De-Kolonisierungsphasen nie verfolgt. Vielleicht sollte das dazu inspirieren, sich mit diesem Frantz Fanon noch einmal zu befassen.

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4 Gedanken zu „Frantz Fanon und die Verdammten dieser Erde

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  2. almabu

    „…So wie der Marxismus durch die Experimentierphase in Osteuropa und Asien ziemlich desavouiert wurde, so sehr liegen die Theoreme einer Befreiung vom Kolonialismus und der Phase einer vollumfänglichen Autonomie irgendwo in der Asservatenkammer der Geschichte… “

    Interessanterweise wird der Marxismus für gescheitert erklärt am Beispiel der SU, Chinas, Kubas, etcetera. War deshalb falsch was Marx schrieb? Weil es nicht 1:1 umzusetzen war in der Welt des 20. Jahrhunderts und zweier Weltkriege?

    Sind die von ihm beschriebenen Probleme verschwunden, ist etwas besser geworden, von alleine, irgendwo?

    Aber eines wissen wir ganz genau, Kommunismus, Sozialismus, nicht einmal die weichgespülte Variante Sozialdemokratie sind noch hoffähig. Nein, alle pfui!

    Spezialdemokratie á la Juniorpartner in der Großen Koalition von „Big Mama“ ist angesagt, wow!

  3. Reactionär

    Wie sähen heute Indien oder Afrika ohne Kolonialismus aus? Man unterstellt die Zerstörung funktionierender, quasiharmonischer Gemeinwesen durch Kolonialisten. Ich ziehe diese stringente These in Zweifel.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Eine immer wiederkehrende, spekulative Frage, die niemand seriös beantworten kann. Was wäre geschehen, wenn Caesar den Müll getrennt hätte?

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