Falken am Potomac, moralinsaure Prediger an der Spree

Der G 20-Gipfel hat auch sehr positive Seiten. Er bringt die Sprache auf weltpolitische Themen, die im nationalen Diskurs tunlich ausgeblendet werden. Ein grandioses Beispiel dafür ist der vor einigen Tagen vom Innenminister und dem Chef der Geheimen Dienste vorgelegten Verfassungsschutzbericht 2016. Die zentralen Aussagen, die von den beiden Protagonisten zu unterschiedlichen Anlässen getätigt wurden, lesen sich wie eine Bedienungsanleitung für Irreführung: Die rechtsextreme Szene ist gewachsen, die linksextreme auch, aber weniger, obwohl ihre Gefahr nicht zu unterschätzen sei und der Salafismus sei auf dem Vormarsch. Das allein sollte bereits zu Nachfragen anregen, weil  zumindest letzterer ohne den internationalen Kontext amerikanischer und europäischer Kriegspolitik nicht zu erklären ist.

Stattdessen wurde, ohne einen einzigen Beweis vorzulegen, wieder von der russischen Bedrohung im Netz gesprochen, und vor allem im Hinblick auf die bevorstehenden Bundestagswahlen. Um gleich dem Bündnis mit den USA zu entsprechen, wurde die russische Cybergefahr gleich noch mit der chinesischen und iranischen angereichert und schon wurde aus einem Bericht die Konstruktion eines Feindbildes. Und übrigens: amerikanische, geheimdienstliche Übergriffe auf deutsches Datengut wurden nicht festgestellt. So, als hätte es Wikileaks nie gegeben, blickten die beiden rotäugigen Vertreter des Homo sapiens in die Kameras. Da freut sich doch jeder Freund der Demokratie und da staunt jeder Demagoge über die Möglichkeiten der Gestaltung. Als die tolldreisten Geschichten von Lothar und Hans-Georg wird dieser Text wohl in die Literaturgeschichte eingehen.

Da gehen von G 20 andere Signale aus. Und zwar die richtigen. Bei den Akteuren, die sich dort treffen, wird nämlich nicht lange herumgeredet. Trump will mit amerikanischem Flüssiggas auf den europäischen Markt und deshalb weiter Front gegen Russland machen. Erdogan setzt die Faschisierung der Türkei fort, wird aber weiter von der medial so kokett zur Führerin der Freien Welt auserkorenen Bundeskanzlerin als Bündnis- und NATO-Partner nicht problematisiert und der sich abzeichnende Krieg gegen Katar und abermals um dessen Gasfelder manifestieren den festen Platz der Republik im Bündnis USA-Saudi Arabien bei der Neuaufteilung der Welt. Da beruhigt es nahezu, eine Annäherung zwischen Russland und China zu beobachten, nicht weil der Binnenzustand dieser Länder so schön anzusehen wäre, aber weil sich eine Allianz abzeichnet, die die Falken und Cowboys am Potomac und die moralinsauren Prediger von der Spree zu mehr Vorsicht zwingen.

Deutlich wird, dass es nichts mehr gibt, was das Eintreten für Werte, die aus den Geburtsstunden der bürgerlichen Gesellschaft stammen und die in zweihundert Jahren Aufklärung in Form gegossen wurden, belegen würde. Die Art der Interessen, die tatsächlich getätigten Geschäfte, das militärische Engagement, alles spricht für das erneute Wagnis einer deutschen Sonderrolle. Bei so viel Schwung nach oben kann man schon einmal den Kopf verlieren, es sei allerdings zu bedenken, dass der wohl dosierte Griff nach der Weltmacht in diesem Land keine erfolgreiche Tradition hat. Da konkurrierten immer psychopathologischer Größenwahn und kleinmütige Versagensängste miteinander, die allerdings eines gemeinsam hatten: beides wirkte in hohem Maße destruktiv und war alles andere als eine Inspiration für die Wiederholung.

So unromantisch es in diesen wilden Zeiten auch klingen mag, es wäre an der Zeit, sich eine realistische Selbsteinschätzung zu gönnen und eine seriöse Vorstellung der Risiken zu bekommen, die am Tisch der großen  Pokerspieler verteilt werden. Nichts von dem ist zu sehen. Und nichts wäre mehr vonnöten.

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2 Gedanken zu „Falken am Potomac, moralinsaure Prediger an der Spree

  1. gkazakou

    abber wir könnens doch, sind im Fußball die besten, sind Exportweltmeister! Wieso sollen wir es nicht auch mit den Weltmächten aufnehmen können und endlich mal siegen? Sieg Heil!

  2. Bludgeon

    Jau. Auf den Punkt. Die sogenannten bürgerlichen Werte waren allerdings immer eitel Blendwerk, damit die Geschäfte nicht gestört werden. Welchem konzern hätten denn die Militärpleiten des 20. Jahrhunderts wirklich geschadet? Nichtmal der IG Farben, die nach Zwangssplittung ihr Vermögen auf die Nachfolgefirmen verteilte.

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