Bilanz an der Elbe

Machen wir es kurz. Ein vermeintliches politisches Großereignis hat seine Spuren hinterlassen. Es waren nicht die, die sich die Initiatoren erwartet hatten, sondern die, welche viele Kritiker von vornherein befürchtet hatten. Was die Resultate anbetrifft, so sind sie so dürftig wie die gesamte Geschichte von G20. Die Welt zum Besseren gewendet hat diese Gemeinschaft nicht, sitzen doch in ihr die Treiber von Kriegen und Konflikten. Immer, wenn es substanziell um etwas geht, scheren Mitglieder aus, weil sie andere Interessen haben. Ceterum censeo: Was den Klimawandel angeht, steht im Abschlusskommuniqué, dass es Dissens gibt und beim freien Welthandel hat eine laue Formulierung den protektionistischen Kurs der USA etwas übertüncht. Substanzielle Hilfen für die Länder, die ihrer Bevölkerung nahezu nichts mehr garantieren können, wie z.B. eine Entschuldungs- und Investitionsstrategie hat es nicht gegeben.

Diese Resultate als Erfolg darzulegen, ist Unsinn. Was bleibt, ist eine Betrachtung dessen, was vorher auch von Regierungsseite immer wieder beschworen wurde. Wichtig sei, so hieß, dass manche Akteure überhaupt miteinander sprächen. Wenn diese Hoffnung eine Berechtigung hatte, dann bei einer Neuinszenierung der Kommunikation zwischen den USA und Russland. Denn wenn ein Konflikt desaströse Folgen für uns alle haben kann, dann der zwischen diesen beiden Ländern. Auf dem Gipfel trafen tatsächlich Trump und Putin aufeinander und sie unterhielten sich lange, viel länger als geplant. Wie zu hören ist, gab es so etwas wie eine Kontur von gegenseitigem Verständnis und eine Einigung auf eine Schutzzone in Syrien. Das Eigenartige bleibt, dass ausgerechnet die Bundesregierung und ihre journalistische Entourage genau dieses Treffen eher ignorierten oder, wenn darüber berichtet wurde, mit Häme bedachten. Angesichts solcher Äußerungen bleiben Fragen über die Agenda der Bundesregierung offen, sie beginnt aber immer monströser zu wirken. Glaubt in dem stets abstinenten, aber dennoch trunkenen wirkenden Lager, Deutschland und seine Kanzlerin seien auf dem Weg, die neuen Führer der freien Welt zu werden?

Und ja, Olaf Scholz hat Recht, wenn er Hamburg als Stadt Größe und Weltoffenheit bescheinigt. Keine andere Stadt in Deutschland hat ein internationaleres Format wie Hamburg, und keine andere Stadt hat eine Bürgerschaft, die so historisch bewusst und selbstbewusst ist. Dennoch war die Entscheidung, den Gipfel mitten in der Stadt durchzuführen, eine provinzielle. Sie unterschätze schlichtweg den Konfliktstoff, den diese Gipfel immer mit sich bringen. Man stelle sich vor, G20 hätte schlicht jenseits der Elbe getagt. Da wäre Vieles nicht passiert bzw. Vieles hätte gar nicht passieren können. Es war ein Provinzfehler, vom Ersten Bürgermeister wie von der Kanzlerin, und mit dieser Diagnose deutet sich an, wie riskant das große globale Spiel mal wieder ist, wenn die Posse den Weitblick ersetzt.

Letztendlich, was wäre der politische Diskurs hierzulande, wenn die Hunde Pawlows nicht zuverlässig zur Stelle wären. Sie kläffen in großem Rudel über die Gewalt auf Hamburgs Straßen, sprechen von Faschistenbanden und was sonst noch alles, wenn sie das Strandgut eines Verwerfungsprozesses beschreiben, der längst im Gange ist und die Welt radikal dem Privatinteresse unterwirft. Dieses Strandgut, das marodierend durch die Straßen zog und zeigte, dass man sich auf dieses Kontingent verlassen kann. Die Büchsen für den Wahlkampf sind längst geladen, der Feind steht zuverlässig wieder links und die innere Sicherheit ganz oben auf der Agenda. Klimaschutz? Nein. Freihandel? Ja. Bekämpfung der Armut? Nein. Innere Aufrüstung? Ja. Eine klare Bilanz.

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6 Gedanken zu „Bilanz an der Elbe

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  2. gkazakou

    Was meinst du: Hat sich der Aufwand gelohnt, weil P und T zwei Stunden miteinander gesprochen haben? Ich hätte da gern deine Ansicht.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Gestern BBC gehört: wohltuend, man ging ausschließlich Licht auf die Ergebnisse ein, sehr sachlich, die wurden allerdings als dürftig bewertet, die Krawalle wurden nicht einmal erwähnt. Und seien Sie mal nicht so überheblich, das ist armselig.

  3. almabu

    Man stelle sich vor die Führer der G20-Asis hätten statt dessen skype oder whatsapp benutzt. Hätte es dann weniger Ergebnisse gegeben, noch weniger unverbindliche Absichtserklärungen, oder Vereinbarungen die dann, ätsch, nicht ratifiziert werden (á la Erdogan)?

  4. Gerhard Mersmann Autor

    Lesen und auf sich wirken lassen: was ist der Unterschied zwischen der von mir angesprochenen Bürgerschaft und den Politikern, die Sie so echauffieren?

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