Überleben im Stress

Manchmal kommt es geballt und konzentriert. Da entsteht das Gefühl, als hätten sich alle, die etwas von einem wollen, in einer konzertierten Aktion darauf verständigt, dir an den Kragen zu wollen. Alles, was man von dir fordern kann, liegt plötzlich auf dem Tisch. Ob berechtigt oder unberechtigt. Diejenigen, die da vor dir stehen, machen nicht den Eindruck, als machten sie Spaß. Du sollst, du musst liefern, sonst bist du nicht mehr lange in der Lage, die Rolle zu spielen, die man dir zubilligt. Wenn der beschriebene Zustand von Dauer ist, dann läuft etwas grundlegend schief und du musst die Reißleine ziehen, sonst gehst du zugrunde. Physisch, psychisch, oder beides. Es gibt Menschen, die dieses Schicksal erfahren, sie haben nicht die Stärke, den Mut oder das Glück, dass sie radikal alles in Frage stellen können. Sie gehen unter.

Ist der Zustand der Überlastung hingegen temporär, zuweilen sogar saisonal, dann gibt es sehr hilfreiche Strategien, um damit umzugehen. Und schon ist das Rätsel, quasi nolens volens gelöst, denn wer eine Strategie besitzt, der ist auch in der Lage, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Er oder Sie hat eine Struktur, die ihm das Leben rettet. Denn wer nicht sagen kann, was von Bedeutung ist, der liegt bereits im Verlies der Beliebigkeit. Heute wird die Struktur, die sich aus der Strategie ergibt, auch gerne die Tugend der Priorisierung genannt. Der Begriff trifft den Umstand nicht exakt, aber sei es drum. Wer nicht priorisieren kann, der geht auch temporär unter.

Alles auf einmal, alles gleich vehement und alles dramatisch wichtig, das ist die Stunde, in der strategisch orientierte Menschen zwar in der Lage sind, sich eine Struktur zu geben. Aber das alleine reicht zumeist nicht. Dazu gehört noch ein eiserner Wille, die Fähigkeit, sich selbst zu disziplinieren und die daraus resultierende Ruhe. Es ist der Wille, sich für den zu betrachtenden Zeitraum selbst einem autoritären Regime zu unterwerfen, auch wenn das autoritäre Regime das eigene Ich zweiter Ordnung ist. Du stehst auf einer höheren Plattform als das geforderte und bedrohte Ich und du siehst, wie es dem Stress die Stirn bieten kann. Und wenn du Glück hast, freust du dich, wenn das bedrohte Ich den Erfordernissen entspricht: über eine Strategie zu verfügen, sich eine Ordnung zu verleihen, den Willen zu haben, die Zeit der hohen Anspannung zu überstehen

Der Mensch, der sich auf die Betrachtung zweiter Ordnung zu begeben weiß, hat eine größere Chance, mit sich und seiner Umwelt zurecht zu kommen, weil er sich aus dem emotionalen Strickwerk befreien kann und eine kalte analytische Ebene erreicht. Das hilft immer, wenn das Blut in Wallung kommt und das Herz zu rasen beginnt. Die Ratio ist nicht der ganze Mensch, aber ohne Ration ginge er mit einer kürzeren Halbwertzeit und einer größeren Beschädigung durchs Dasein. Kopf und Bauch sind die Sphären, in denen sich die humane Existenz abspielt und wohl dem, der in beiden atmen kann.

Der Rat an alle, die sich in der eingangs beschriebenen Situation gegenwärtig befinden: betrachtet den Zustand als ein Experimentierfeld, auf dem ihr erfahren könnt, wie es um eure Strategie, eure Disziplin und euren Willen bestellt ist.

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5 Gedanken zu „Überleben im Stress

  1. Pingback: Überleben im Stress | per5pektivenwechsel

  2. almabu

    …Alles, was man von dir fordern kann, liegt plötzlich auf dem Tisch. Ob berechtigt oder unberechtigt. Diejenigen, die da vor dir stehen, machen nicht den Eindruck, als machten sie Spaß. Du sollst, du musst liefern, sonst bist du nicht mehr lange in der Lage, die Rolle zu spielen, die man dir zubilligt…“

    Diese Beschreibung deutet darauf hin, im Vorfeld nicht aufgepasst, nicht rechtzeitig strukturiert zu haben? Wenn die vor mir den Eindruck machen, als machten sie keinen Spaß dann beherrsche ich diesen Auftritt auch recht ordentlich und sortiere erst einmal die Unberechtigten aus! Das führt im Allgemeinen die Fordernden zunächst einmal in die Defensive und Beweisführung ihrer Ansprüche und verschafft mir Luft. Der nächste Schritt, der Umgang mit berechtigten Forderungen ist dann letztlich eine Machtfrage, WER will WAS und WANN von mir.

    „…Alles auf einmal, alles gleich vehement und alles dramatisch wichtig, das ist die Stunde, in der strategisch orientierte Menschen zwar in der Lage sind, sich eine Struktur zu geben…“

    Meiner Meinung nach ist dieser Zeitpunkt bereits eindeutig zu spät für grundsätzliche Strukturierungen. Diese müssten soweit im Vorfeld beginnen, daß eine unangenehme Überraschung der geschilderten Art eigentlich nicht vorkommen sollte?

    Antwort
  3. Reactionär

    Na ja. Plötzlich wissen alle, Du bist schuld. Es gibt immer eine Quelle, die solche Gerüchte streut. Man muss sie nur finden, ihr die Nase brechen und alles wird gut.

    Antwort

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