Väterchen, erzähl mir etwas Trauriges

Pramoedya Ananta Toer, der große indonesische Erzähler, der vor einigen Jahren verstorben ist, schuf sein berühmtestes Werk als politischer Gefangener. Als Gegner des Dikators Soeharto hatte er seine Stimme erhoben. Als man ihm drohte, ließ er sich nicht einschüchtern, was zur Folge hatte, dass er sich für sieben Jahre auf einer kleinen, entlegenen Insel wiederfand, wo er als Gefangener Zwangsarbeit verrichten musste. Dort begann er einen Roman zu schreiben, und zwar im Kopf. Ihm wurden weder Stift noch Papier zugebilligt, elektronisches Equipment gab es noch nicht. Was machte Pramoedya? Er begann, die sich in seinem Kopf entfaltende Geschichte den Mitgefangenen zu erzählen. Und zwar so, wie das in der Geschichte alle großen Erzähler gemacht haben, als Fortsetzungsroman. So entstand die nach der Insel benannte Buru-Tetralogie. In ihr wird das Erwachen der indonesischen Nation aus dem Flickenteppich der Kolonisation beschrieben. Es ist brillant erzählte, bewegende, hoch politische Literatur. Und es ist nicht gewagt zu behaupten, dass Indonesien in der heutigen Form ohne dieses großartige Werk nicht vorstellbar ist.

Abgesehen von der Absicht, diesen großen Literaten unbedingt zur Lektüre zu empfehlen, stellt sich mir angesichts der „Produktionsmethode“ dieses Stücks großartiger Literatur, nämlich der mündlichen Erzählung, die auch in der europäischen Literatur der Vergangenheit unvergessene Dokumente hinterlassen hat, die Frage, was aus dieser Art der Literatur wird, wenn man sich nichts mehr erzählt. Die mündliche Erzähltradition scheint in den komplexen, modernen Gesellschaften am Ende zu sein. Man hinterlässt sich Nachrichten, aber die Erzählung langer Geschichten gehört nicht mehr zum Repertoire. Walter Benjamin wies auf dieses Genre einmal hin, als er sich mit einem russischen Erzähler befasste, da schrieb er von den fahrenden Gesellen, die die mündliche Überlieferung zu einem Genre der Literatur vorbereitet hatten. Da, wo es fahrendes Volk gab, da entstanden später große Werke. Ich selbst begriff das, weil ich das Phänomen aus dem eigenen Haus noch kannte. Mein Vater war fahrender Schmied gewesen, und wenn er abends zu erzählen begann, dann wurde die Nacht zum kollektiven Abenteuer. Noch heute, Jahrzehnte später, habe ich die Geschichten und Episoden mit ihren schillernden Figuren deutlich vor Augen, als seien sie eingebrannt.

Natürlich existieren andere Genres von Literatur, und die Moderne, in der die fahrenden Gesellen so langsam, kaum bemerkt, am Horizont verschwanden wie die Stimmen der vergangenen Zeit, die Moderne hat ebenfalls großartige Konstrukte von Literatur hervorgebracht, die von dem wilden Verlauf des Wissens und der Technik zeugen. Und die Referenz für die mündliche Erzähltradition soll kein Affront sein gegen einen Joyce, gegen einen Dos Passos oder gegen einen Brecht oder Döblin. Sie sind quasi die Mutterbänder der komplexen Moderne. Und dennoch: wenn das Kollektiv verlernt, zu erzählen, dann bringt es auch diese Literatur, in der sich das orale, kollektive Gedächtnis mit seinen ganzen Eskapaden widerspiegelt, wenn das Kollektiv verlernt zu erzählen, dann stirbt nicht nur die große Erzählung, dann verschwindet auch der kollektiv reflektierte Sinn.

Was kommen wird, und ob etwas kommt, das diesen Verlust kompensieren wird, liegt im Bereich der Spekulation. Der amerikanische Kongress hat vor einigen Jahren beschlossen, den kompletten Twitterverkehr in der National Library zu dokumentieren. Das ist klug in Bezug auf die anzustellende Spekulation. Denn die Frage ist, wie die Geschichte Pramoedya Ananta Toers zeigt: Völker können entstehen, wenn sie in der Lage sind, sich ihre Geschichte zu erzählen. Und sie verschwinden von der Bildfläche, wenn sie das nicht mehr können.

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6 Gedanken zu „Väterchen, erzähl mir etwas Trauriges

  1. Pingback: Väterchen, Erzähl mir etwas Trauriges | per5pektivenwechsel

  2. gkazakou

    Hat dies auf GERDA KAZAKOU rebloggt und kommentierte:
    Mir hat dieser Beitrag über einen Schriftsteller, den ich nicht kenne (shame on me!) und eine Literatur, die seit Homer als erzählende lebendig war, sehr gefallen.

  3. www.wortbehagen.de

    Völker verschwinden von der Bildfläche, wenn sie nicht mehr von ihrer Geschichte erzählen können! Ein Satz, der das offenbart, was uns viel zu selbstverständlich geworden ist und das zu Selbstverständliche wird nicht mehr genügend beachtet, also vielleicht auch nicht weitererzählt.
    Ich lauschte meiner Oma so gerne und ich bin sehr froh, daß sie es getan hat.

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