Von Migranten, Schleppern und stagnierenden Gesellschaften

„Der Mensch ist frei und sein Feld ist die Welt“. Dieses Zitat Goethes stand bis zum Krieg an dem Überseeterminal der Hamburger Landungsbrücken. Alle, die sich, aus welchem Grunde auch immer, auf den Weg in die Neue Welt begaben, hatten dieses Motto vor Augen und für viele war es ein Versprechen, das die dann real angesprochene Welt nicht für sie parat hatte. Da stieß man nicht selten auf Feindschaft und Ablehnung und das mindeste war eine gnadenlose Konkurrenz untereinander. Allein aus Zentraleuropa machten sich von Mitte des 19. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts 17 Millionen Menschen auf in das verheißungsvolle Amerika, wobei der größte Anteil aus Deutschland kam. Nach heutiger Definition handelte es sich um Wirtschaftsflüchtlinge, von denen einige scheiterten, vielen eine neue Existenz gelang und wenige zu weltberühmten Hoteliers, Industriellen oder Bürgermeistern wurden. Die größte Schlepperorganisation bei dieser Massenmigration von Zentraleuropa in die USA war übrigens HAPAG Lloyd.

Wer sich für die Emigration entschied, dem waren die Existenzbedingungen in seiner angestammten Heimat wirtschaftlich zu dürftig oder politisch und kulturell zu eng. Wer angesichts dieser Situationsanalyse zu der Schlussfolgerung kam, den Atlantik überqueren zu wollen und ins Ungewisse zu segeln, der hatte zumindest eine Risikobereitschaft, die für damalige Verhältnisse als überdurchschnittlich beschrieben werden muss. Wer blieb, fand sich ab oder setzte auf die Veränderbarkeit des Bestehenden, wer ging, wollte das Tempo der Veränderung unter Risikoinkaufnahme erhöhen oder, ganz profan, wurde vielleicht auch wegen eines Gesetzeskonflikts gesucht.

Was nicht bestritten werden kann ist die Tatsache, dass sich ein großer Anteil unter den Emigranten befand, der durchaus als Auslese bezeichnet werden kann. Sie waren veränderungs-, risiko- und einsatzbereit, und daher ist es kein Wunder, dass viele mit den Namen derer, die heute noch auf den Passagierlisten zu finden sind, durchaus ein Renommee gewonnen haben, das über ihr eigenes irdisches Schicksal hinausging.

Interessant ist, dass sowohl in den Ländern, die massenhaft verlassen wurden als auch in denen, die als Ziel der Migration galten, eine gefühlte Stagnation vermittelten, vor der die Migranten einerseits flohen und die sie andererseits belebten. Dort, wo sie gingen, zementierten sie den Stillstand, und dort, wohin sie gingen, dynamisierten sie die Gesellschaft. Diese doppelte Wirkung ist es, die bei der Diskussion um Migration in unseren Tagen so sehr untergeht, wenn sie überhaupt geführt wird.

Und es geht nicht darum, dem ach so klugen Argument zu folgen, dass die Migranten, die nun zu uns streben, besser dort blieben, woher sie kommen, weil sie damit ihrer Heimat besser hülfen. Das gilt nach der hiesigen Logik nämlich nur eingeschränkt: junge und qualifizierte Immigranten aus Spanien schaden ihrer Heimat bekanntlich nicht, während die Kriegsflüchtlinge aus Syrien dieses tun. Dieser weit verbreiteten und nicht nur dort herrschenden Doppelmoral sei einfach das Diktum entgegengestellt, dass die Migranten mit ihrem Weggang ihren Ländern per se schaden und uns per se nützen. Dass in Syrien Krieg herrscht und in Spanien eine Massenarbeitslosigkeit herrscht, hat etwas mit den Aktivitäten des eigenen Landes in NATO und EU zu tun und insofern existiert überhaupt keine moralische Kategorie, die ohne Bedenken gezogen werden könnte.

Seien wir einmal zynisch, einfach weil es besser wirkt: Die Immigranten sind die zweite Rendite für eine bellizistische Politik im Nahen Osten oder in Afghanistan und eine Exportoffensive auf Kreditbasis, gekoppelt an eine Austeritätspolitik in Europa.

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7 Gedanken zu „Von Migranten, Schleppern und stagnierenden Gesellschaften

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  2. Reactionär

    Ihre Sichtweise ist eine Frage des Standpunktes, denn für die Indianer war die Einwanderung alles andere als eine Erfolgsgeschichte.

    Auch das Römische Reich überlebte die Völkerwanderung nicht. Die einwanderten Germanen, oft genug mit Billigung der römischen Kaiser, lösten eine enorme Umstrukturierung der Besitzverhältnisse aus. In Gallien ansässige Römer wurden gezwungen zwei Drittel ihres Bodens und ein Drittel ihrer beweglichen Habe an die »Zuwanderer« abzutreten, was eine dramatische Pauperisierung der römischen Landbevölkerung zur Folge hatte.

    Aus Sicht der einheimischen Bevölkerung waren Migrationsbewegung immer eine unerfreuliche Angelegenheit. Das trifft auf Teile der amerikanischen Gesellschaft zu, die unter der Einwanderung aus dem Süden des Kontinents ächzt. Der Absturz der amerikanischen Mittelklasse kommt nicht von ungefähr und es gibt nicht wenige, die, in ›bester‹ rassistischer Manier, ein Ende des »alten weißen Mannes« herbeisehen.

  3. alphachamber

    Für Wanderungen gab immer nur 2 Gründe: Krieg (oder Eroberung) und Armut.
    Wir denken, man sollte den Vergleich mit den heutigen Immigrationsbewegung aus Afrika und dem Orient nicht weiter mit der nordamerikanischen Einwanderung strapazieren. Es ist ein Unterschied, riesige, weitgehend menschenleere Gebiete wie Amerika und Australien zu erschließen, oder dicht-besiedelte, hoch-strukturierte Industriegesellschaften – mit Menschen aus diametral entgegengesetzten Gesellschaften, die der Gastkultur oft feindselig gesinnt sind (bitte keine Indianer-Einwände, da stimmen wir mit „Reactionär“ überein :-)).
    Die „moralische Kategorie, die ohne Bedenken gezogen werden könnte“ ergibt sich (a) aus den wahren Gründen der Asylantenströme und (b) aus der Handhabung in Politik und der Praxis: Die BRD grenzt weder an Syrien noch an eine afrikanische Nation. „Bellizistische Politik Exportoffensiven“ werden stets mit dem Nationen-Konzept verbunden bleiben – ebenso wie grob-fahrlässiges Missmanagement von Flüchtlingsbewegungen, mit oder ohne UN-Beteiligung.

  4. almabu

    Wenn die Welt ein globales Dorf ist, an dessen Rohstoffen und Energiereserven wir uns global bedienen, in dem wir global importieren und exportieren und global nach unserem Gutdünken Kriege führen, Resourcen vernichten und Umweltzerstörungen initiieren, dann brauchen wir uns um den Besuch des seit Anbeginn seiner Existenz nomadisierenden Wesens Mensch in unseren total überholten, rückständigen nationalen Grenzen doch nicht wirklich zu wundern, oder?

    1. alphachamber

      Almabu,
      globalen Beziehungen (die in der Kolonialzeit ebenso „ausgeprägt“ waren), schließen unterschiedliche Gesellschaften nicht aus. Wie sehen Sie denn eine Grenzen-lose, nicht-nationale Welt?
      Global werden Milliarden zum Schutze von Systemen ausgegeben (z.B. Demokratien gegen Diktaturen), nicht zuletzt von den UN, die ein Mandat zum Schutz von Souveränitäten und gefährdeten Völkern haben. Nationen sind Interessengruppen, sind sie der Weltherrschafts-Dystopie eines H.G. Wells vorzuziehen?

  5. monologe

    Gabs shon, grenzenlose Welt: zu Zeiten, als es noch keine Zivilisation gab. Das war, als das Recht des Stärkeren galt, Beruf Eroberer, Räuber, und zwar ein nomadisierender – wie sonst? Das Ganze ist doch alles rein ideologisch, nicht vernünftig und am wenigsten werte-orientiert.

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