Mensch, Maschine I

Über die wohltuende Produktivität von Muße wußten nicht nur die griechischen Philosophen zu berichten. Was ihnen als Gewissheit galt, wurde immer wieder in den Fokus der Betrachtung gezogen. Nein, Muße, d.h. eine Zeit fern von Zwängen und Verpflichtungen, wurde immer wieder als unabdingbar für den menschlichen Erkenntnisprozess erkannt und behandelt. Althochdeutsch muoza bedeutet Gelegenheit, Möglichkeit. Die Möglichkeit, sich über sich selbst Klarheit zu verschaffen, das eigene Erlebte zu betrachten und dabei Schlüsse zu ziehen, ist von psychologischer wie pädagogischer Seite immer wieder betont und herausgestellt worden. Mit der Akzeleration, die die Technisierung und Industrialisierung der Moderne mit sich brachte, wurde das epistemologische Refugium der Muße jedoch ein immer rareres Gut, das heute fast wie ein ein Relikt in der Vitrine der eigenen Entwicklungsgeschichte steht.

Wer sich heute das Recht herausnimmt, den Zustand der Muße zu suchen, gilt bereits entweder in dem hysterisierten Schöpfungsprozess als nicht mehr verwertbar oder bereits als Rebell. Die immer schnelleren Prozesse und die damit verbundene Rastlosigkeit bei einem Zustand, der mit dem Synonym Online am besten beschrieben werden kann, ist keine Zeit mehr für die nicht zweckrational komponierte Reflexion. Wer das Sein an sich zu betrachten gedenkt, der hat sich dem vermeintlich produktiven Prozess entzogen. Ob die erwähnten Prozesse allerdings tatsächlich produktiv sind, sei dahin gestellt. Dass sie einen Zweck erfüllen, steht fest. Er kann auch als Bändigung des freien Willens beschrieben werden. Denn welchem Zweck diente sonst die Tatsache, keine Zeit mehr zu haben für das, was essenziell ist: Das Nachdenken über die eigne Bestimmung und die Erwägung dessen, was als die eigene Zukunft bezeichnet werden kann.

Es sind die Umstände, die dazu beigetragen haben, dass die Reflexion in einer saturierten Ruhe nicht mehr stattfinden kann. Das Monstrum der Digitalisierung, dem immer noch und immer mehr Heilswirkungen in Bezug auf die Arbeitsprozesse wie auf die menschlichen Beziehungen zugeschrieben werden, hat bereits ganze Arbeit geleistet. Der Blick auf ganz profane Vorgänge fördert dieses zutage. In den Büros werden die Pausen vor den Bildschirmen abgehalten, statt sich zu unterhalten wird gescrollt, in den Restaurants und Cafés starren diejenigen, die sich zwecks sozialer Beziehungen eigentlich treffen wollten, gebannt auf ihre Smartphones und schweigen. Und eine Unzahl von Menschen existiert nur noch im synthetischen Dialog mit der Maschine. Mit freiem Willen oder kulturellem Verfall hat das wenig zu tun. Es ist die Herrschaft der Technik über den Menschen.

Anstatt diesem die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie er sich den Zugriffen der Technik erfolgreich entziehen kann, um sich selbst zu finden und soziale Kontakte zu ermöglichen, werden in den Schulen bereits Camps eingerichtet, in denen die Bindung an die Maschinenwelt und die mit ihr verknüpften Verwertungsprozesse bereits eingeübt werden. Mit Lernen hat das nichts zu tun, es handelt sich um großartig angelegte Programme und üppig finanzierte Maßnahmen der Konditionierung.

Wohl denen, die in Elternhäusern aufwachsen, denen bewusst ist, was an Kreativität und Chancen durch das Mantra der Digitalisierung vernichtet wird und die wie die letzten Kämpfer einer versinkenden Kultur den Konsum der digitalen Drogen zu rationieren suchen. Gesamtgesellschaftlich wird das nicht reichen. Wenn es bereits als erwiesen gilt, dass Computerprogramme den Ausgang von Wahlen beeinflussen können, wäre es doch an der Zeit, sich Gedanken über Strategien zu machen, die digitale Maschinenwelt in die Schranken zu verweisen, die ihr gebührt: Sie vom Sockel des Wertes an sich zu werfen und sie zu einem nützlichen Zweck zu reduzieren.

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9 Gedanken zu „Mensch, Maschine I

  1. Pingback: Mensch, Maschine — form7 | per5pektivenwechsel

  2. Nitya

    Guten Morgen, lieber Gerd, mir fällt eine kleine Geschichte zu deinem heutigen Thema ein, die ich unbedingt loswerden möchte. 😉

    Ich glaube, ich war 16 als ich ins Kino ging und mir einen Sissi-Film anguckte. Wenn ich geahnt hätte, was ich da gleich erleben würde, wäre ich nie in diesen dämlichen Film gegangen. Internet gab’s noch nicht, sodass ich mich nicht vorher hätte informieren können, was da für eine Schmonzette auf mich zukam. Ich saß da also im Dunkeln und … so eine Scheiße, ich musste die ganze Zeit Rotz und Wasser heulen. Meine Fresse, war mir das peinlich. Ich versuchte aus Leibeskräften wenigstens leise zu heulen, was mir leider nicht immer gelingen wollte. Ein 16-Jähriger, also ein richtiger Kerl, heult bei so einem Weiberkram! Meine Ehre war zutiefst verletzt.

    Als der Film vorbei war, stürmte ich geradezu an die Kasse und holte mir sofort ein neues Ticket, um mir diesen lächerlichen Film noch mal anzugucken. Diesmal war ich vorgewarnt. Diesmal sollten sie mich nicht mehr kriegen! Aber wie das so ist: Der Mensch denkt, Gott oder weiß der Geier wer lenkt. Wieder heulte ich an genau den gleichen Stellen wie beim ersten Mal. Und ich ging noch ein drittes Mal in den Film, aber es war aussichtslos. Ich hatte auf der ganzen Linie verloren: Ich war eine dumme Heulsuse.

    Damals dämmerte mir, nein, es wurde mir überdeutlich, was ich dann später bei Georgi Iwanowitsch Gjurdschijew und anderen Bewusstseinsforschern lesen konnte: Der Mensch ist eine Maschine!

    Aber was war es, das mich dreimal hintereinander dieselbe Schmonzette angucken ließ? War das etwa auch Maschine? Dieses Thema hat mich all die kommenden Jahre nie losgelassen und ich finde es auch heute noch total spannend. Danke für deinen Beitrag!

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Wilhelm, Dein Signet ist die brutale Ehrlichkeit, auch und vor allem Dir selbst gegenüber. Jedesmal ein herrliches Erlebnis, das aber auch die allgemein akzeptierte Verlogenheit enthüllt. Ich wünsche Dir einen wunderbaren Tag! Gerd

  3. westendstorie

    Dazu empfehle ich
    Julia Engelmann, Eines Tages Baby
    Fightclub
    und diesen Link. Den mir gerade mein Sohn neulich schickte

    Es lebe die Revolution 😉 die hin und wieder wohl schon ein kleines Nein darstellt. Oder den Schritt beiseite.
    Lass mal an den Maschinenknöpfen ein wenig drehen. Es wird Zeit….

    1. Bludgeon

      Seuuuuufzzz. Wunderschön. Warum wurde in Deutschland Bukowski Bestseller? Warum entstand das Engelmann-Phänomen? Auch dieser Paulo Coelho gehört in diese Riege… Sensucht nach Veränderung. Lesen, hören, wohlfühlen und – funktionieren, weil irgendwoher die Kohle für den Hawaii-Urlaub ja kommen muss. F***

      1. Bludgeon

        In etwa die gleichen: Unterdrückte natürliche Triebe ausleben in Zeiten ohne Raubritter und Piraten: Kampf-Brutalität-Selbstbewusstsein des Mannes — ausleben des domestizierten angry young man —- die andere (dunkle) Seite des Kassenwarts.

  4. user unknown

    Ich würde von großartig angelegten Programmen der Konditionierung nicht reden. Eltern und Lehrer wissen es doch meist besser aber kapitulieren, weil sie gegen die Verlockungen der Smartphones nicht ankommen, nicht bei sich selbst und nicht beim Nachwuchs.
    Wenn Computerprogramme den Ausgang von Wahlen beeinflussen, gebt allen eins! Was diese Firma nach Brexit und US-Wahl verbreitet hat, das hat sich doch m.W. als Marketinggedöns erwiesen.

    Der Fall James Damore bei Google beunruhigt mich allerdings sehr, insbesondere die weitgehende Ignoranz in den deutschen Medien. Als Arbeitgeber spielt Google/Alphabet natürlich in Deutschland keine wichtige Rolle, aber neben der Suche dominiert Google bei YouTube, auf dem Smartphone den Androidmarkt und bei unzähligen weiteren Diensten und der Rest der IT-Welt operiert unter den gleichen Gesetzmäßigkeiten, mit Ausnahme einiger sehr großen Player in China, die für uns aber auch keine Alternative sind.
    Eine Suche nach Bildern amerikanischer Erfinder ist wohl noch die Ausnahme, was die inhaltliche Manipulation der Dienste betrifft, in bester Absicht natürlich vorgenommen, damit sich Stereotype nicht perpetuieren und um Frauen und Minderheiten Vorbilder zu liefern.

    In die Arbeitsweise quasi-monopolistischer Dienste haben wir aber keinen Einblick. Viele behaupten, dass unliebsame Meinungen über den Entzug der Monetarisierung bei YouTube benachteiligt werden. Bei Videos die millionenfach abgerufen werden verdienen die, die sie bereitstellen, dank vorgeschalteter Werbung auch Geld damit. Und einige erfolgreiche Youtuber stecken das Geld auch in teures Equipment, teure Bearbeitungsprozesse und investieren derart viel Zeit, dass sie auf das Geld auch angewiesen sind. Dreht Google den Geldhahn zu, dann wird es dunkel.
    Es gibt zugegebenermaßen auch andere Videodienste, aber einerseits hat YT ein Quasimonopol, andererseits arbeiten die anderen und auch solche Dienste, über die man Spenden akquirieren könnte (PayPal, Patreon, …) unter den gleichen, undurchsichtigen Bedingungen.

    Damore berichtete, dass er sehr viel Zustimmung aus der Googlebelegschaft seiner Abteilung bekommen habe, über 50% der Beschäftigten wähnt er auf seiner Seite. Aber öffentlich traut sich keiner den Mund aufzumachen. Ähnliches hört man vom Psychologieprofessor Jordan Peterson aus Kanada, der sich gegen Zumutungen offiziell verordneter, inklusiver Sprache wehrt und mit seiner Uni darüber im Streit liegt. Die Studenten seien zwar sehr an dem Thema interessiert, aber sich öffentlich frei zu äußern traut sich keiner mehr.

    Ich dachte wir leben in einer Demokratie und diese sei relativ robust, was freie Meinungsäußerung betrifft. Dass es Opportunismus gibt, geschenkt. Aber das es soweit geht hätte ich nicht für möglich gehalten.

    Ende der 70er Jahre war ich im Sommerurlaub in Ungarn mit einer Jugendgruppe. Wir trafen da auch 2 Lehrerpaare aus der DDR, sprachen über dieses und jenes am Lagerfeuer. Unweigerlich kam das Gespräch auch auf die Politik und sie gaben zu verstehen, dass sie nicht zufrieden sind mit Mauer, Wahlrecht, Presse- und Meinungsfreiheit in ihrem Land. Wein war geflossen, aber sehr schnell fiel ein Satz, dass man nie wissen könne wer mithört und wer einen bei Gelegenheit verpfeift. In Frage kam hier natürlich das befreundete Lehrerpaar, der jeweilige Partner aber auch wir aus dem Westen oder angeblich aus dem Westen konnten faule Eier sein – wer konnte es wissen?

    Von Staats wegen kann man sich in der BRD über wenig beschweren, was die Rede- und Meinungsfreiheit betrifft. Was jedoch jetzt über die Wirtschaft, die keiner Kontrolle durch Gerichte unterliegt, die keinen Rechtsweg kennt und keinen Minderheitenschutz, an Kontrolle sich aufbaut, ist bedrohlich. Wenn man selbst für Vielfalt und Gleichberechtigung eintritt, dann kann einem nicht viel passieren, mag man denken. Das hat James Damore auch gedacht. Ein solcher Umgang mit abweichenden Meinungen und Kritik ist Gift für die Gesellschaft.

    Eine Konsequenz dieses Gifts ist, dass sich vor allem die noch trauen abweichenden Meinungen eine Plattform zu geben, die ohnehin schon weithin geächtet sind – man weiß, welche Medien und Gruppen das in Deutschland sind. Dass solche Meinungen bei der extremen Rechten anzusiedeln sind beweist sich dann als selbsterfüllende Prophezeihung. Erst verbannt man kritische Geister aus den eigenen Reihen und dann verteufelt man sie als extremistische Sonderlinge. Hinterher hat man es dann vorher schon gewusst und unterschlägt den Anteil, den man selbst an dem Prozess hatte.

    Und diejenigen, die weniger artikuliert sind als ein James Damore? Die sind nun wirklich gehalten den Mund zu halten, denn wie schnell ist man in ein Fettnäpfchen getreten in der Hitze einer Auseinandersetzung. Man erzeugt so eine politische Lage, deren Konsequenz ein Donald Trump ist, ohne deren Lösung zu sein.

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