Mensch, Maschine III: Applikation

Mein Freund Menne, der Bauernsohn, Erfinder zahlreicher Weltpatente und Ingenieur des Jahres, pflegte schon zu Schulzeiten zu sagen, die Vereinfachung ist der strukturelle Feind der Kompetenz. Später, als er längst ein weltweit angesehener seines Faches war, fügte er hinzu, die Entwicklung ginge immer über eine einfache, aber geniale Idee, die dann in ihrem technischen Verlauf über eine komplizierte Lösung bis hin zu einer federleichten führe. Und damit ist das Dilemma auch der digitalen Technologie bestens beschrieben.

Die heutige Anwendung ist bereits so einfach, dass alle sie beherrschen. Die damit transportierte Ambivalenz ist die Schlichtheit der Botschaften, die mit ihr übermittelt werden. Das Zauberwort neben der Standardisierung, welches auch als die immer wiederkehrende, identische Methode übersetzt werden kann, ist die sich hinter dem Kürzel App verbergende Applikation. Neben dem Standard also die Anwendung. Immer das gleiche Muster, und das überall angewendet. Das in diesem Kontext ausgerechnet auf den sozialen, kulturellen und politischen Feldern besonders häufig von Vielfalt die Rede ist, könnte als Kompensationshandlung gewertet werden. Uniformität ist die Realität, garantiert durch die Standardisierung und ihre Applikation auf alle möglichen Lebenswelten.

Von dem tendenziellen Fall der unmittelbaren Erfahrung war bereits die Rede. Die Garantie für die Abnahme der eigenen, mit einem ständigen Lernprozess einher gehende Erfahrung sind die Apps. Sie garantieren den synthetischen Zugang, zu allen möglichen Bereichen, ohne Fehler, ökonomisch, ohne Kontrollverlust. Was dadurch verloren geht, ist das eigentliche Leben.

Das beste Beispiel sind so genannte Reise Apps, über die die Nutzer sich an fremden Orten orientieren. Über das Display erfährt man alles über die Sehenswürdigkeiten, die Wege, Restaurants bis hin zu öffentlichen Toiletten. Es gibt keine vergeblichen Wege mehr, keine Treffen mit kuriosen Gestalten, die man um Auskunft bittet, keine Verirrungen, die Geschichten erzeugen, die man aufgrund ihrer Dramatik bis ans Lebensende erzählt und keine Notsituation, aus der man für das Leben lernen könnte. Reise wird zu einer Gebrauchsanweisung, wie das Leben selbst. Die Anwendung, App, Applikation ist die Enthumanisierung der Lebensbereiche.

Enthumanisierung bedeutet Synthetisierung. Synthetisierung bedeutet kulturelle Maschinendominanz. Die Lobby der Technologie hat ganze Arbeit geleistet. Wer sich zu einer Kritik versteigt, hat sehr schnell das Schisma des rückständigen Querulanten am Revers. Der bekannte Hirnforscher und vordem besonders in Pädagogenkreisen gefeierte Manfred Spitzer ist das beste Beispiel. Durch sein Buch mit dem Titel „Lernen“ räumte er mit der Rückständigkeit des deutschen Schul- und Vorschulalltags auf und wurde dafür gefeiert. Mit seiner Veröffentlichung „Digitale Demenz“ erwarb er sich den Ruf des schrulligen Kauzes, der die Welt nicht mehr versteht. Die Lobby der digitalen Technologie ist, was Marktanteile und Herrschaft anbetrifft, genauso wenig modern und genauso wenig zimperlich wie die von Blutdiamanten.

Die Kreativität, die der Technologie an sich zugeschrieben wird, ist durch den Mythos der omnipotenten und omnipräsenten Anwendungen zu der wohl bedeutendsten Illusion der Epoche geworden. Der Todfeind der Kreativität verbirgt sich hinter den Hauptsolgans der Standardisierung und deren Anwendung. Eine größere Mystifikation hat es selten gegeben.

Standardisierung und Apps, die generierte, industriell produzierte Garantie auf Stupidität und Langeweile, werden nach wie vor vermarktet als kreative Produkte und Schlüssel zu einer aufregenden Welt. Die Ideologiekritik am digital-technologischen Zeitgeist könnte wunderbar auf diesem Feld beginnen. Zu erklären, wie banal das alles ist und zu enthüllen, welche Art von Erkenntnissen und Kompetenzen dadurch verhindert werden.

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4 Gedanken zu „Mensch, Maschine III: Applikation

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  2. Alice Wunder

    Und wenn wir tatsächlich mittlerweile einfach viel zu viele geworden sind? Wäre es da nicht eine Anmaßung, auf Individualität zu beharren und den vielen notdürftigen den schnellsten Weg zur Toilette zu verstellen?

  3. fredoo

    die probleme entstehen (noch) nicht aus der schieren zahl 7.2 milliarden …

    die (ersten) probleme entstehen aus deren extrem gewachsenen mobilität …
    was auch der massenzugang zum digitalen per mobil entstehen lässt …
    damit werden diese massen per sehnsuchtsinformation dann rasend schnell zu einem „wehe wenn sie losgelassen“ …

    wir in europa sind gerade dabei dessen folgen zu spüren .

  4. wol

    Man kann sich aber auch in dieser digitalen Welt ganz schön verheddern und dabei zu seltsamen Erkenntnissen gelangen.
    Auch auf einer 1000 km langen Radtour teilweise geführt durch eine Radapp passieren kuriose Dinge und man trifft auf Interessantes und interessante Leute. Vielleicht auch nur etwas anders als ohne Digi aber nicht minder spannend.

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