Mensch, Maschine VI: Subversion

Alles macht nur Sinn, wenn auch Gedanken auf eine besondere Art des Umgangs aufgewendet werden. Die Argumente, die per se existieren, um die Hoffnungslosigkeit eines Unterfangens zu untermauern, das sich mit der Zügelung einer neuen Technologie befasst, existieren zuhauf. Ja, neue Techniken an sich sind nicht das Problem, ja, neue Techniken bieten große Chancen der Erleichterung. Nein, wer will schon Maschinenstürmer sein, nein, wer stellt sich schon gerne dem Fortschritt in den Weg. Aber das alles zählt nichts im Vergleich zu den negativen Folgen, die die konkrete Anwendung dieser Technologie allein in Bezug auf den Weltfrieden nach sich gezogen hat.

Und wie immer, der Widerstand, der nicht von destruktiven Phantasien, sondern von der Vernunft geleitet wird, beginnt mit sehr praktischen Dingen. Er beginnt mit der Frage, wann das Instrument tatsächlich gebraucht wird, um Arbeit zu erleichtern. Es geht weiter mit der Frage, ab wann die Nutzung bereits Einschränkungen der Selbstbestimmung mit sich bringt und inwieweit die nicht digitale Aktion beschwerlicher ist als die digitale. Das ist oft eine einfache Rechnung, deren Ergebnis in vielen Fällen verblüfft. Das Interessante dabei ist sogar die Erkenntnis, dass die Digitalisierung neben allen bereits geschilderten Nachteilen und Anmaßungen auch dazu beigetragen hat, dass vor allem aus der Sicht des Kunden vieles beschwerlicher geworden ist. Neben aller Potenz ist auch diese Technologie an vielen Stellen ein ganz ordinäres Schlachtermesser der Rationalisierung.

Wichtig bleibt die Erkenntnis, dass der stärkste Widersacher des technologischen Abusus das freie Individuum bleibt, das nach wie vor darüber entscheiden kann, inwieweit es mit der Nutzung mitgehen kann und will und wo die rote Linie durchbrochen ist. Das mag manchen zu dürftig erscheinen, ist es aber gar nicht, wenn man bedenkt, wem die Rationierung und die Blockade so alles gelingt. Das sind positive Signale, die nicht unterschätzt werden sollten. Die Perspektive, es mit einem Werkzeug zu tun zu haben, das nur aktiviert wird, wenn es in der Lage ist, zu nutzen, ist einfach und eindeutig und von jedermann anwendbar.

Diejenigen, die sich an den großen Widersprüchen und Strukturen abarbeiten, sei ebenfalls eine frohe Botschaft hinterlegt. So fatal auch die Wirkungen der Digitalisierung sind, von allem in kriegerischen Nutzungszusammenhängen, so simpel ist auch die umgekehrte Nutzung. Wer das Unrecht sät, wird schnell ebensolches ernten. Die Geschichte von staatlich autorisiertem sowie privatem Terror verdeutlicht, dass eine Art Demokratisierung der Zerstörung erfolgt ist. Jeder Kriminelle und Schwerverbrecher ist in vielerlei Hinsicht genauso mächtig wie die von milliardenschweren Flugzeugträgern entsandten Bomber oder Drohnen. Ist das Ziel ungeschützt genug, reichen ein Smartphone, etwas Sprengstoff und eine Packung Nägel. Die Perversion des Krieges ist an jeder Straßenecke auch in Friedenszeiten erlebbar.

Und noch ein Hinweis, der unter dem Aspekt der Subversion durchaus nicht von der Hand zu weisen ist. Um die jeweilige Hochtechnologie lahm zu legen, bedarf es nicht mehr unbedingt einer starken Angriffsarmee oder der Lufthoheit über endlose ballistische Orgien. Die Bevölkerung wird in Zukunft wahrscheinlich weniger zu leiden haben als in Zeiten des konventionellen Krieges, als Produktionsstätten und Infrastruktur zerstört werden mussten, um die Handlungsfähigkeit des Gegners empfindlich einzuschränken. Das Ausschalten der Stromversorgung alleine wird ausreichen, um die voll vernetzte Gesellschaft zurück ins Neandertal zu werfen.

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2 Gedanken zu „Mensch, Maschine VI: Subversion

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  2. almabu

    Die Unterbrechung der Stromversorgung und vor allem die der Handelwege für Energie, Rohstoffe und Waren würde Millionen Menschen schlicht verhungern lassen. Ob das ein bellizistischer Fortschritt wäre, das ist wohl Ansichtssache. Mir gefällt eine solche Perspektive überhaupt nicht. Im WW1 sind viele Menschen den Hungernöten und Seuchen von 1918ff zum Opfer gefallen, als der eigentliche Krieg schon vorüber war. Im WW2 wurde der Tod von Zivilisten bereits strategisch geplant, z.B. Leningrad, Bombenkrieg und natürlich der Holocaust. Daneben liefen aber die eigentlichen klassischen Militärmaßnahmen. Im WW3 könnte man durch Kontrolle der Waren-, Dienstleistungs- und Rohstoffströme und -wege ganze Länder „entvölkern“, quer durch die Gesellschafts- Geschlechter- und Altersstrukturen, ganz „ohne Ansehen der Person“, wie es so gruselig heisst…

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