Warum kein vereinigtes Korea?

Nach dem II. Weltkrieg gehörte Korea zu einem der Länder, deren Schicksal ungeklärt war. Selbst seit 1910 durch Japan besetzt und von diesem Regime kontinuierlich gedemütigt, wuchs im Kontext des II. Weltkrieges der Widerstand gewaltig und die Niederlage Japans ließ ein Machtvakuum entstehen, das einerseits durch die Kommunistische Partei des Nordens und nationalistische Gruppen des Südens genutzt werden sollte. Der Konflikt wuchs sich aus zu einem Stellvertreterkrieg. Der Norden wurde durch das benachbarte China unterstützt, der damals wesentlich kleinere Teil im Süden durch die USA. In einer ersten militärischen Intervention, juristisch wie so oft völkerrechtswidrig, wurden die Truppen des Nordens weit zurück gedrängt. Daraus resultierte ein mehr als zweijähriger „Bürgerkrieg“ (1951-1953), dessen Resultat die seitdem bestehende Waffenstillstandsgrenze am 38. Breitengrad darstellt und bei dem ca. eine Million Soldaten und drei Millionen Zivilisten ums Leben kamen. Ein Friedensvertrag existiert bis heute nicht.

Zumindest diese spartanisch beschriebene historische Grundlinie sollte bekannt sein, wenn man sich politisch und journalistisch mit dem Thema beschäftigt. Die Bilder, die hierzulande zum Thema Korea produziert werden, reflektieren weder die Historie noch tragen sie dazu bei, die Bedürfnisse der Koreanerinnen und Koreaner in Nord wie Süd herauszufinden und zu verstehen. Stattdessen existiert nur der irre Diktator Kim Il Jong, der wie ein verfettetes, ungezogenes Kind an irgendwelchen nuklearen Baukästen herumfummelt und nichts anderes im Sinn hat, alle andern, vor allem die USA, zu verärgern. Dass es zu jedem der tatsächlich durchgeführten Raketentests Vorschläge aus dem Norden gibt, die sich mal auf einen Friedensvertrag und mal auf Manöver mit US-Beteiligung beziehen, wird geflissentlich überhört und somit verschwiegen.

Und dass der koreanische Süden gerade eine der größten politischen Krisen seit der Teilung, allerdings mit Bravur überlebt hat, spielt ebenfalls nur eine untergeordnete Rolle. Die Präsidentin wurde aufgrund von Massenprotesten wegen Nepotismus und Korruption abgesetzt, was zur Folge hat, dass die südkoreanische Gesellschaft durchaus bereit sein dürfte für neue Wege. Was den Norden wie den Süden bis heute eint, ist das Trauma aufgrund der ungeheuren Verluste während des Bürgerkrieges. Und dass es im Norden wie im Süden eine immer größere Zustimmung zu einer Politik der Versöhnung gibt, ist nicht nur Trägern von Geheimnissen bekannt. Dieser Wunsch wird zunehmend auf beiden Seiten mit sehr pragmatischen, so gar nicht propagandistischen Vorschlägen formuliert. Aber diese Tatsache könnte nur stören, solange man sich exklusiv dem Aufbau und dem Erhalt von Feindbildern widmet.

Geostrategisch ist ein gespaltenes und somit militärisch verfügbares Südkorea für die USA ein Pfund. In Zeiten, in denen China die Form des einzig potenten Gegenspielers der USA um Weltherrschaft annimmt, ist eine Militärbasis direkt vor der Nase Chinas Gold wert. Dass dieser Aspekt weder bei der Diskussion noch bei der Berichterstattung Erwähnung findet, bezeugt, dass sich ein Teil der Beteiligten der Fähigkeit einer einfachen Analyse beraubt haben und der andere Teil sich dem Gewerbe der Propaganda längst begonnen hat anzuschließen.

Angesichts eines analogen Schicksals, der Teilung des eigenen Landes als Folge des II. Weltkrieges, sollte gerade in Deutschland ein empathischerer, verständnisvollerer Standpunkt Raum gefasst haben. Das Einzige, das bei der Betrachtung des politischen Diskurses in diesem Land noch fasziniert, allerdings im denkbar schlechtesten Zusammenhang, ist die Tatsache, dass die schlimmsten Dunkelmänner in Sachen politischer Aufklärung diejenigen sind, die selbst aus den Kammern einer vermeintlichen Diktatur entfleucht sind. Der Kalte Krieg und das Ressentiment haben auch sie geprägt und zu Monstern gemacht.

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3 Gedanken zu „Warum kein vereinigtes Korea?

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  2. almabu

    Dafür, dass die USA weder in Korea noch in Vietnam militärisch überzeugten haben sie sich aber verdammt lange dort in Asien in strategisch wichtigen Stellungen gehalten. Eine wie auch immer geartete Annäherung oder gar Wiedervereinigung der beiden Teile Koreas würde vermutlich nicht von einem Abzug der USA aus Asien begleitet werden. Also hätte China von seiner solchen politisch-geostrategischen Änderung nichts gewonnen?

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