Die eurasische Doktrin und die Lufthoheit

Wie war das noch mit der Lufthoheit? Und zwar gar nicht militärisch, sondern deutungsbezogen. Wer die Lufthoheit besitzt, kann vieles machen, ohne dass er befürchten muss, auf allzu großen Widerstand zu stoßen. Und die Bellizisten, d.h. diejenigen, die in den militärischen Dimensionen von Sieg oder Niederlage denken, die besitzen momentan die Lufthoheit. Auch das ist ein Befund so kurz vor der Wahl. Auch das ist ein Ergebnis bundesrepublikanischer Politik der letzten Jahre. Und das ist Besorgnis erregend.

Dazu gehört eine Regierung, die sich hat von transatlantischen Strategen in den USA in den historisch mehrfach falsifizierten Traum hineinziehen lassen, wer Eurasien beherrsche, der beherrsche die Welt. Das dachte hier in Europa Napoleon so, das dachte Kaiser Wilhelm und das dachte der wahnwitzige Hitler. Alle scheiterten böse, um genauer zu sein, es war das Ende aller. Wer meinte, Russland unter die militärische Fuchtel nehmen zu können, war bereits bei seinem eigenen letzten Kapitel der Geschichtsschreibung angelangt. Und so ist dort auch immer wieder zu lesen, trotz aller Größe, ein noch größerer und tödlicher Fehler war es, in Russland einzufallen.

In den USA glauben sie, in den Think Tanks, die so fein auch an einem germanischen Nachwuchs gearbeitet haben, der heute die Regierung berät und in den Medien verbreitet ist wie eine scheußlich inspirierende Mode, in diesen Think Tanks geht man davon aus, dass die Beherrschung Eurasiens Weltherrschaft bedeutet. Mit Eurasien ist das technologisch hoch entwickelte Zentraleuropa mit Deutschland im Herzen gemeint und Russland als unendliches Reservoir für strategisch wichtige Ressourcen. Das kommunizieren sie nicht laut, aber sie kommunizieren es und es hat seine Wirkung.

Alles, was seit 1990 mit der Wiedervereinigung Deutschlands, dem Zerfall der Sowjetunion und der Befreiung vieler osteuropäischer Länder geschah, ist im Lichte der eurasischen Doktrin zu sehen und zu bewerten. Und die Logik war eine durchgängige, systematische Osterweiterung der NATO, vom Baltikum bis zu Schwarzen Meer. Und das letzte Glied sollte die Ukraine sein. Jeder halbwegs strategische Mensch wusste, dass die Ukraine die Sollbruchstelle für ein sich immer mehr in die Enge getriebenes Russland darstellen würde. Die Destabilisierung der Ukraine und das in Aussicht gestellte Junktim von EU- und NATO-Mitgliedschaft sollte die Provokation sein, die den ersehnten Konflikt eskalieren ließ. Es soll NATO-Offiziere geben, die bei dem Wort Ukraine heute noch Schreikrämpfe bekommen, weil sie glauben, die Politikelite des Westens hätte völlig den Verstand verloren, als sie den Weg zu dieser Politik einschlug.

Und die Bundesrepublik machte mit, sie war entgegen der eigenen Einsicht bündnistreu und stürzte sich in ein Abenteuer, das noch nicht zu Ende ist. Die eurasische Doktrin, die momentan als reale Politikvorlage bestimmend ist, konnte nicht direkt den Menschen in Europa schmackhaft gemacht werden, weil sie in ihrem kollektiven Gedächtnis das Verhängnis von Invasionen nach Russland noch in einer gewissen Weise präsent haben.

Und so mussten die Medien, ja, und vor allem die des Staates, sich in die Geschwader einreihen, die die Lufthoheit erkämpfen sollten. Und tatsächlich hat dieses Unternehmen Erfolge gezeitigt. Nun, bei einem Manöver russischer und weißrussischer Streitkräfte auf deren eigenem Territorium, wird davon gesprochen, dass man sich an der Außengrenze der NATO, also direkt an der russischen Grenze, für deutsche Soldaten also 1000 Kilometer entfernt vom eigenen Staatsgebiet, bedroht fühle. Russland ist der Aggressor, die Lufthoheit ist errungen, der Verstand implodiert.

Advertisements

2 Gedanken zu „Die eurasische Doktrin und die Lufthoheit

  1. Pingback: Die eurasische Doktrin und die Lufthoheit — form7 | per5pektivenwechsel

  2. almabu

    Wir nähern uns in fataler Weise uralten Konstellationen aus Koalitionen von Freunden und Feinden an. Die gegenwärtige Lage Europas iin der Nach-BREXIT-Phase sieht der Ausgangslage vor dem WW1 nicht ganz unähnlich. England, draussen aus der EU, kann im Auftrag seines nordatlantischen „Herrchens“ nach Bedarf die Seiten wechseln und den Wadenbeisser geben. Die Wirtschaftsunterschiede zwischen Mittel-, Süd- und Osteuropa bieten genügend Bruchstellen um die uralten Freund-Feind-Schemata wiederzubeleben. USA im wirtschaftlichen und politischen Niedergang werden nicht zögern vorher den potentiellen Konkurrenten EU auf handliches Maß zurechtzustutzen. Die Reparationspolen sind vermutlich nur ein Versuchsballon? „Wir Deutsche“, also Opa und Papa, haben doch nicht nur Polen und Griechenland zerstört im WW2? Unter den gegebenen Bedingungen reicht es nicht alle 27 EU-Mitglieder in die €uro- und Schengen-Zone zu verfrachten und einen gemeinsamen EU-Finanz- und Wirtschaftsminister einzusetzen. Wer wählt die demokratisch und mit gleichem Stimmgewicht? Wer übernimmt wessen Schulden und Inflation? Da würde überhaupt nur Sinn machen, wenn zuvor die nationalen und zunehmend nationalistischeren Parlamente der Mitgliedsstaaten abgeschafft würden. Dies läge im krassen Gegensatz zum gegenwärtigen Politiktrend. EU-Gremien und Führungspositionen direkt gewählt „vom Volk der EU“ mit gleichem Stimmgewicht. Das wäre die Voraussetzung für Jean-Claude Junckers populistische Schnellschüsse der letzten Tage. Diese EU könnte auch kein verlängerter Arm der neoliberalen Wirtschafts- und Bankenlobbies sein. Sie müsste sich erheblich bürgernäher und -freundlicher umgestalten. Das wäre zwar wünschenswert, das sehe ich aber in absehbarer Zeit noch nicht. Die EU hat auch zu lange unbehelligt und nahezu unkontrolliert vor sich hingewurstelt und ein Eigenleben geführt.

    Andererseits zeigen uns aktuelle Konflikte und Probleme in der EU wie langlebig solche Dinge sein können. Ein kleines Beispiel dazu: Der Streit zwischen Spanien und England um Gibraltar und das katalanische Separatismus-Affentheater haben die gleichen Wurzeln. Beide sind Folgen des Spanischen Erbfolgekrieges. Im Frieden von Utrecht, im Jahre 1713 wurde den Engländern Gibraltar zugesprochen. Ein Jahr später, im Jahre 1714, wurde Barcelona besiegt, dessen Machthaber auf das falsche, das österreichische Pferd gesetzt hatten. Beide Konflikte sind bis heute offene Fragen, die bei Bedarf auch gerne uminterpretiert und -gedeutet und aktualisiert werden können. Sie sind dreihundert Jahre alt und bringen bei Bedarf, mit etwas propagandistischer Nachhilfe, zuverlässig das Blut in Wallung…

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.