Vom Absolutismus der Transparenz

James Ponsoldt. The Circle

Wie zu erwarten, hat es nach der Veröffentlichung von Dave Eggers Roman The Circle im Jahr 2013 nicht allzu lange gedauert, bis ein daraus entstandener Film in die Kinos kommt. Schon die Rezeption des Buches war sehr aufgeregt und selten konnte man beobachten, wie polarisierend das Thema war. Es ging und geht in dem Film um ein fiktives Unternehmen, The Circle, das im Grunde genommen die Geschäftsideen von Google, Facebook, Amazon etc. vereint. Der Regisseur James Ponsoldt hat daraus einen sehr spannenden Streifen gemacht, der nicht ohne Wirkung auf das Publikum bleibt. Das hat aber damit zu tun, dass die vom Autor Dave Eggers herausgearbeitete Logik der digitalen Industrie im Mittelpunkt bleibt und abgearbeitet wird an einer jungen Mitarbeiterin und ihrer ganz normalen Familie.

Ohne die Geschichte des Filmes erzählen zu wollen, die junge Mitarbeiterin kommt durch die Empfehlung einer Freundin und eine gute Vorstellungsperformance in das Unternehmen. Sie lernt mit Erstaunen dessen Komplexität und universalistischen Anspruch kennen. Weil sie so natürlich wirkt und in in idealer Weise das Mädchen von Nebenan darstellt, wird sie von den Konzernbossen als Marketingprinzessin bei den Versuchen eingesetzt, den Absolutheitsanspruch des Unternehmens zu protegieren. Es geht, so The Circle, um die Verknüpfung aller Daten, um die Fehlbarkeit der Welt zu bekämpfen und die wahre Demokratie zu erreichen. Das geht von allen gesundheitsrelevanten Daten bis hin zur absoluten Wahlpflicht und endet in einem Versuch der Protagonistin, bei dem sie für die ganze Welt sichtbar bleibt, weil sie 24 Stunden mit einer Live-Kamera ausgestattet ist.

Die Atmosphäre, in der das alles stattfindet vermittelt genau das Gefühl, das bei der Lektüre von Huxleys Schöne Neue Welt entsteht. Schon die Rezensionen des Romanes sprachen oft von einer Dystopie, einer negativen Utopie oder einem Schreckensbild für die Zukunft. Und tatsächlich gelingt es dem Film, die wunderbar moderne, von Luxus und Technologie geprägte Fassade aufzubrechen und sehr deutlich zu erzählen, worum es geht. Es geht um das große Geld, das zu gewinnen ist mit einer immer weiteren Monopolisierung der technischen Möglichkeiten, wie sie heute bei den bereits genannten aktiennotierten Giganten vorhanden sind. Es geht um immer größeren Einfluss auf Gesellschaft und Politik, bis hin zur Ersetzung der Politik durch die Compliance-Ordnung der alles beherrschenden Firma. Und es geht um die totale Transparenz des Individuums, dessen Einstellungen, dessen Verhalten, dessen Kaufverhalten, dessen Bewegungsablauf, aber auch dessen Denken, dessen Fühlen und dessen Zweifel.

The Circle argumentiert in einer gar nicht so neuartigen Weise, sondern so, wie wir das alle aus der digitalen Branche kennen: mit der technischen Möglichkeit, alles zu verbessern und mit der Utopie, bei totaler Kontrolle alles Negative verhindern zu können. Keine Unfälle mehr, weil man über den Zustand aller Verkehrsteilnehmer bestens informiert ist und natürlich auch keine Opposition und keinen Widerstand mehr, weil alle Dialoge erfasst sind. Der Plot des Films setzt sich mit dem Gültigkeitsbereich der totalen Transparenz auseinander.

Die Substanz, um die es in dem Film geht und die er tatsächlich erfassbar macht, ist die Ethik des Individuums. Sie wird das Opfer der Vision von der totalen Kontrolle. Der innere Dialog, der Zweifel, die Skepsis, ihrerseits Grundformen der Autonomie des Individuums, werden durch die Idee von der totalen Transparenz vernichtet. Das hält kein Mensch aus! Absolut sehenswert!

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4 Gedanken zu „Vom Absolutismus der Transparenz

  1. Pingback: Vom Absolutismus der Transparenz — form7 | per5pektivenwechsel

  2. Bludgeon

    …kenn ich die Vorstufe zu: Walley – der Disneyfilm über den Müllsortierroboter, der das letzte Pflänzchen findet. Ging unter die Haut und hat doch DEN GRÜNEN nicht geholfen… tja, mach watt…

    Antwort

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