Wenn alles zu zerbrechen droht

Es gibt die Momente. Plötzlich taucht das Unheil auf, wütet, und hinterlässt nichts als Trümmer. Die Generationen, die ihrerseits einen Krieg miterleben mussten, wissen sehr genau, wovon die Rede ist. Sie können sich noch daran erinnern, wie es sich anfühlte, aus der Fabrik, vom Fußballtraining oder aus der Schule zu kommen und auf der Straße zu erfahren, dass der Krieg ausgebrochen war. Da war die alte, zivile Welt auf einen Schlag vernichtet. Und dann, dann kam im Laufe der Zeit noch die Steigerung. Obwohl die Entwicklung immer wieder dazu einlud, sich täuschen zu lassen. Denn zuerst fühlte sich der Krieg noch wie Frieden an, alles ging seinen Gang und irgendwie sah man nichts Schlimmes. Erst mit der Zeit tauchten die ersten Zeugen des heißen Krieges auf, und sie raunten einem, mit ängstlichen Blicken Ausschau haltend, zu, dass man nicht glaube, was sie gesehen hätten. Und dann tauchten die Flugzeuge am Himmel auf, die tonnenweise die Vernichtung abwarfen und die tatsächlichen Trümmer schufen.

Auch wenn wir uns das gerne einreden, die beschriebene Entwicklungslinie ist nicht ausschließlich die der heißen Kriege, sondern sie ist auch sehr oft identifizierbar bei ganz normalen Vorgängen. Handelt es sich nun um Konflikte im Arbeitsfeld, in der Familie, im Verein oder wo auch immer. Irgendwann wird deutlich, dass etwas passiert ist, das die Lager innerhalb einer Gemeinschaft zu spalten in der Lage ist. Und es folgt auf dem Fuß der Schock. Der ist heftig und lässt böse Ahnungen über die Folgen hochkommen. Zumeist stellen sich diese dann aber gar nicht so schnell ein. Auch die mentalen Systeme brauchen Zeit, um sich auf Krieg zu justieren. Ist dieses jedoch geschehen, dann ändert sich vieles im einstigen Miteinander und die Zeit der Vernichtung feiert Triumphe.

Menschen ertragen vieles und in ihrem Leben sind sie immer wieder mit Situationen konfrontiert, die dafür sorgen, dass ad hoc eine Katastrophe befürchtet wird, diese aber dann nicht gleich eintritt und erst später folgt. Oder auch nicht. Das hängt davon ab, wie die Menschen damit umgehen. Oft ist nämlich nicht einmal entscheidend, von wo ursächlich die schlechte Atmosphäre ausging und welches Fehlverhalten zu dem Konflikt führte. Die Frage ist, in welchem psychologischen Umfeld das Ganze zu wirken beginnt. Sollten die Konfliktparteien in der Lage sein, das einzelne Ereignis zugunsten des großen Ganzen auszublenden, dann sind sie auch in der Lage, sich erneut zu arrangieren. Geht es aber um das Festhalten an einer ganz besonderen Sichtweise, die die andere Seite nicht so teilen kann, dann ist der Korridor zu einer dauerhaften Verwerfung offen.

Es ist relativ schnell ersichtlich, in welche Richtung sich Konflikte entwickeln. Sind sie an dem großen Rahmen interessiert, in dem die beteiligten Akteure engagiert sind, dann sind die Aussichten auf eine erneute gemeinsame Lösung durchaus vorhanden. Beharren sie, oder auch nur eine Seite, auf Details oder Spezifika, dann ist der Ausgang so wie bei einem heißen Krieg. Irgendwann bleibt nichts als verbrannte Erde und eine immense Bitterkeit. Und dann fragen sich alle, Beteiligte wie Beobachter, wie es nur so weit kommen konnte.

Ist der große Rahmen in Sicht, darf nichts unterlassen werden, um das Gemeinsame zu retten. Geht es dogmatisch ums Detail, lohnt es sich nicht einmal zu kämpfen, dann ist der schnelle Rückzug eine kluge Entscheidung.

3 Gedanken zu „Wenn alles zu zerbrechen droht

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