Das Lamento über die missglückte Kommunikation

Dass in einer Ära, die als die der Kommunikation bezeichnet wird, versucht wird mit dem Epochenbegriff selbst vieles zu deuten, ist plausibel wie tradiert. Dass sich jedoch vieles nicht aus dem Begriff der Kommunikation erklärt, ist ebenso logisch wie vertraut. Dennoch wird versucht, die komplexe Welt mit dem Begriff der Kommunikation zu entschlüsseln. Das führt zu Mystifikationen, die erheblich sind. Klassische Interessenkonflikte und universale Problemlagen verschwinden allzu oft hinter den seichten Begründungen unzulänglicher Kommunikation.

Da wird immer wieder davon gesprochen, die Informationen seien nicht zeitig oder vollständig genug übermittelt worden, da wird davon gesprochen, die Zeit, sich über den vorhandenen Dokumenten die nötigen Gedanken machen zu können, hätte nicht ausgereicht und da wird davon geredet, das eigene, vielleicht auch bewusst herbei geführte Unwissen habe zu einer Fehleinschätzung geführt.

Wie vielleicht bereits aus der Art und Weise der Dokumentation deutlich wird, ist das Thema Kommunikation und Information in dieser Argumentation nur vordergründig. Vielmehr geht es um die eigene Rolle. Die obige Argumentation passt zur eigenen Rolle als Objekt, als toter Gegenstand in einem Machtfeld, der nicht selbst agiert. Ein Subjekt, d.h. bewusster Teilnehmer und Gestalter in einem Prozess würde sich die Informationen holen und in einem aktiven Diskurs alles einklagen, was er braucht.

Das Lässige und Schöne an der Rolle des Objektes ist die Befreiung von der Eigenverantwortung. Subjekte klagen diese ein, nehmen sie wahr und gestalten den Prozess mit. Dennoch: Die Tendenz eines numerischen Anwachsens der Objekte, d.h. der „toten“ Teilnehmer am gesellschaftlichen Diskurs, ist im Zeitalter der Kommunikation nicht zu leugnen. Und das muss nachdenklich stimmen. Das Anwachsen der Passivierten äußert sich in einem Anschwellen des Lamentos über missglückte Kommunikation.

Da lohnt sich der Blick auf die tatsächlichen Erkenntnisse der Kommunikationsforschung, die, zumindest nach dem maßgeblichen Autor Michael Tomasello aus der Max-Planck-Forschung, beinahe lapidar anmutet: Grundvoraussetzung für eine gelingende Kommunikation, so Tomasello in seiner Schrift „Ursprünge der menschlichen Kommunikation“, ist eine gemeinsame Intentionalität. Das heißt nichts anderes, als dass Kommunikation nur dann funktionieren kann, wenn alle Beteiligten dieses auch wollen.

Was machen mit Menschen, die nicht wollen und trotzdem jammern? Die Frage klingt brutal, ist aber folgerichtig. Die Degradierung, besser gesagt die Regression des Subjektes zu einem Objekt beinhaltet Phasen der Infantilisierung, wie sie in der Haltung der wehmütigen Verweigerung manifest wird. Ob, bei Verweis auf diese irrationale Position, eine Hoffnung auf Besserung besteht, steht in den Sternen.

Denn der Sündenfall liegt weit vor der Regression in frühere Entwicklungsphasen. Der Sündenfall jedes einzelnen Individuums liegt in der freiwilligen Hinnahme einer defensiven Rolle gegenüber der Maschine oder dem Programm. Während der Industrialisierung in England wurden Kinder an Maschinen gekettet, weil sie sonst weggelaufen wären. Im Prozess der Digitalisierung bestehen die Ketten aus dem Suggerieren immer größerer Freiheit und immer größerer Macht, obwohl es sich um virtuelle Kategorien handelt.

Das Diabolische in diesem Prozess ist das Kontradiktionäre: Obwohl die Gier nach Freiheit und Macht das Movens der Beteiligten zu sein scheint, bekommen sie de facto wachsende Abhängigkeit und Unterdrückung geschenkt. Nur denen, die sich als Subjekte begreifen, gelingt es, ohne Herrschaftsemotionen einen Diskurs zu beginnen, bei dem sich einstellt, was die anderen schon längst verloren haben: Wertschätzung und Augenhöhe. Nicht
umsonst werden diese Termini immer wieder bemüht. Das Heer der Objekte hat ihre reale Wirkung längst vergessen.

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3 Gedanken zu „Das Lamento über die missglückte Kommunikation

  1. almabu

    „…Grundvoraussetzung für eine gelingende Kommunikation, so Tomasello in seiner Schrift „Ursprünge der menschlichen Kommunikation“, ist eine gemeinsame Intentionalität. Das heißt nichts anderes, als dass Kommunikation nur dann funktionieren kann, wenn alle Beteiligten dieses auch wollen…“

    Warum fällt mir dabei der nationalkatalanistische Separatisten-Konflikt zwischen einem Drittel der Katalanen und den anderen zwei Dritteln der Katalanen und Rest-Spanien ein?

  2. Pingback: Das Lamento über die missglückte Kommunikation — form7 | per5pektivenwechsel

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