Schwejk im Asylbewerberheim

Jaromir Konecny. Die unglaublichen Abenteuer des Migranten Nemec

Manchmal ist es nur die Inszenierung, die alles auf den Kopf stellt oder anders gesagt, die es ermöglicht, alles einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Bertolt Brecht machte eine ausgewachsene Theorie daraus. Er verlegte Alltägliches nach Kaukasien oder Sezuan, um einen Effekt zu erzielen, der distanziertes Denken möglich machte. Und da gab es immer auch, seit dem Mittelalter, den Schalk, der mit einer scheinbar naiven Betrachtungsweise den Weg zu einer herrlichen Kritik öffnete, in der die Großen und Mächtigen plötzlich ganz erbärmlich aussahen. Till Eulenspiegel ist so eine Figur, der wir sehr viel verdanken.

Und da ist da natürlich noch Jaroslav Hasek, der mit seinem braven Soldaten Schwejk eine so schreckliche Angelegenheit wie den Krieg zugänglich machte für menschliche Bedürfnisse und auch die Autoritäten wie die letzten Trottel aussehen ließ. Wer wäre, bei all dem Ernst, mit dem wir uns in unseren Tagen über die Kriege im nahen und fernen Osten und das damit verbundene menschliche Elend inklusive der Massenflucht unterhalten, wer wäre in diesem Zusammenhang auf die Idee gekommen, eine Figur wie den Schwejk in unsere bittere Welt zu holen, um uns zu zeigen, dass das positiv Menschliche auch in diesen Kontexten zum Vorschein kommt?

Jaromir Konecny! Ein gebürtiger Tscheche, der selbst vor langer Zeit aus der sozialistischem Tschecheslowakei in den freien Westen flüchtete, der selbst seine Erfahrungen gemacht hat in deutschen Asylbewerberheimen und der es geschafft hat, in dieser Gesellschaft anzukommen. In seiner Erzählung „Die unglaublichen Abenteuer des Migranten Nemec“ erzählt er nicht nur seine Geschichte, sondern er nimmt diese, seine Figur, und setzt sie als jemanden, der wegen Urkundenfälschung zu sozialer Arbeit in einem Asylbewerberheim verurteilt wird, dort auf die armen Seelen aus Syrien, Afghanistan und Eritrea an.

Dieser Nemec bringt die ganze Rhetorik und den ganzen Witz des Schwejk mit in diese in der bayrischen Provinz gelegene Anstalt, in der plötzlich nichts mehr so ist, wie es in den Schilderungen all derer stattfindet, die mit dem Elend anderer Menschen politischen Profit machen wollen. In dieser tschechischen Erzählung wimmelt es von Menschlichem, mit all seinen Stärken und Schwächen, aber eben mit dem Humor und dem Liebenswerten.

Es ist dem Autor zugute zu halten, dass er dennoch nichts ausspart, den Populismus, die Geldgier, den politischen Radikalismus und die kriminellen Handlungen. Aber es wird erzählt und gestaltet von einem, der an das Format des Schwejk herankommt. Und da verlieren sich plötzlich die kleinen Geister, der Witz trennt sie von den großen Herzen und irgendwie verliert man die Angst, die so oft zu Gast ist bei der öffentlichen Diskussion um die große Migration. Wir haben es mit Menschen zu tun, die aber erst zu Menschen werden, wenn wir sie berühren und ihrer habhaft werden. Das ist das Mittel, auf das Nemec verweist. Und damit scheint er Recht zu haben.

Wer keine Lust mehr hat auf so sakrosankte wie absurde Begriffe wie Willkommens- oder Verabschiedungskultur, auf Flüchtlingsströme und Überfremdung, der greife einfach zu diesem Buch. Da bleibt nichts mehr fremd, weil es menschlich, allzu menschlich wird.

Advertisements

6 Gedanken zu „Schwejk im Asylbewerberheim

  1. Pingback: Schwejk im Asylbewerberheim — form7 | per5pektivenwechsel

  2. monologe

    Nicht Capek ist der Autor des braven Soldaten Schwejk, sondern Jaroslav Hasek. Dessen Lebenslauf übrigens äußerst interessant ist. Aber wer hat den Schwejk denn wirklich gelesen? Eine Figur mit Mutterwitz, ein bisschen Film, das ist meist alles, woraus er besteht. Wer aber das Buch liest, bekommt unendlich mehr von dem, was man heute so dringend braucht.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.