Schlimmer als im Kalten Krieg

Der Westen, so die Sage, sei die Heimat des Kritischen Rationalismus. Gemeint ist mit dieser Feststellung nicht unbedingt die sich dahinter verbergende positivistisch durchtränkte Lehre des Carl Popper, sondern ein phänomenologischer Kotau. So nach dem Motto, wir sind nicht nur Kritisch, sondern auch rational. Wir, d.h. der Westen, wir lassen uns nicht einfach etwas vorsetzen und nehmen es für die unbestreitbare Realität. Nein, wir, der Westen, hinterfragen alles kritisch und finden auch des Wesens Kern oder das Wahre hinter dem schnöden Schein.

Vielleicht ist es diese Art der subjektivistischen Weltverzerrung, die zunehmend zu einer Selbstwahrnehmung führt, die, gelinde gesagt, nur noch von denen geteilt wird, die der selben optischen Täuschung unterliegen, nicht aber vom Rest der Welt. Es erfordert keine anstrengenden Reisen mehr und auch keine gefährlichen Missionen, um in die Winkel der Welt zu kommen, wo die Erfahrungen mit unserem goldenen Westen eher rostig sind und man auch ohne Umschweife ein Urteil bekommt, das der Realität näher kommt als unsere eigene Selbstverliebtheit.

Und wenn man schon mal da ist, in den anderen Winkeln der Welt, sollte auch die Chance genutzt werden, um das Wahre und Schöne dort zu identifizieren. Ohne hochbezahlten Reiseführer und ohne die immer wieder angedrohte Selbstverleugnung bietet diese eine Welt dem wirklich Reisenden nämlich eine Erkenntnis frei Haus: Unsere Welt besitzt nicht nur eine Wahrheit, diese Welt ist multi-polar und diese Welt kann auf sehr verschiedene Weise gelebt wie interpretiert werden.

Der Spiegel, dieses Blatt, das schon einmal als das Sinnbild des Affronts gegen die Selbstgefälligkeit galt, aber nun zum Hause Springer gehört und folglich zielgerichtet zur Kontaminierung menschlicher Hirne beiträgt, injiziert am heutigen Tag folgende Schlagzeile: „Militärische Muskelspiele. Putin weitet „SAPAD“ Manöver an NATO-Ostgrenze aus.

Dabei handelt sich um ein Verteidigungsmanöver auf russischem oder russisch alliiertem Boden gegen mögliche NATO-Angriffe. Und schon sind wir bei der Selbsttäuschung hinsichtlich des kritischen Rationalismus in unseren Breitengraden. Einem Land vorzuwerfen, es betreibe eine Aggression – wie es tatsächlich in dem Spiegel-Text geschieht -, weil es auf eigenem Territorium die Verteidigung des eigenen Bodens übt, ist derartig vermessen, dass es sich nur um eine pathologische Verirrung handeln kann. Gleichzeitig werden die NATO-Verbände, die direkt an der russischen Grenze stehen und ihrerseits tausende von Kilometern von ihrer national-staatlichen Bestimmung stehen, als Friedensstifter charakterisiert.

Mit Verlaub. Die ideologische Verbrämung des Westens ist seit dem II. Weltkrieg zu keinem Zeitpunkt als dem jetzigen derartig fortentwickelt gewesen. Die Aussagen, mit denen das Publikum in diesen Zeiten konfrontiert wird, haben eine Dimension von Chuzpe angenommen, die hinter den Tiraden der Gerhard Löwenthals und Eduard von Schnitzlers im Kalten Krieg hervorragen wie nicht zu versteckende Monumente. Oder anders ausgedrückt: Diese Art von Berichterstattung, die aus sehr sachlichen Erwägungen nichts anderes verdient als die Bezeichnung Propaganda, ist in den Ideologie-Labors des Nationalsozialismus entstanden.

Wer die historischen Fakten, die fälschlich und vorschnell als Wahrheit bezeichnet werden, dermaßen malträtiert, um seine perfiden, bellizistischen Botschaften abzusetzen, hat eine gesellschaftliche Gefahrenquote, die hinter der der so einig kritisierten AFD nichts nachsteht. Wer sich Geschichten wie die heutige im Spiegel gefallen lässt und sie als alltägliche Nachlässigkeit durchwinkt, der braucht den Kamm gegen die AFD nicht zu stellen. Seine Glaubwürdigkeit ist dahin.

 

 

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3 Gedanken zu „Schlimmer als im Kalten Krieg

  1. Pingback: Schlimmer als im Kalten Krieg | per5pektivenwechsel

  2. Red Skies Over Paradise

    Hat dies auf ragbag rebloggt und kommentierte:
    »[…] „Militärische Muskelspiele. Putin weitet „SAPAD“ Manöver an NATO-Ostgrenze aus.

    Dabei handelt sich um ein Verteidigungsmanöver auf russischem oder russisch alliiertem Boden gegen mögliche NATO-Angriffe. Und schon sind wir bei der Selbsttäuschung hinsichtlich des kritischen Rationalismus in unseren Breitengraden. Einem Land vorzuwerfen, es betreibe eine Aggression – wie es tatsächlich in dem Spiegel-Text geschieht -, weil es auf eigenem Territorium die Verteidigung des eigenen Bodens übt, ist derartig vermessen, dass es sich nur um eine pathologische Verirrung handeln kann. Gleichzeitig werden die NATO-Verbände, die direkt an der russischen Grenze stehen und ihrerseits tausende von Kilometern von ihrer national-staatlichen Bestimmung stehen, als Friedensstifter charakterisiert. […]«

  3. Bludgeon

    Jau. Deshalb antworte ich auf die (genervte) Frage meiner Umwelt, wenn ich mal wieder ein „Heißes Eisen“ anschneide: Was willst du eigentlich? Meine Antwort: Niveauvoller belogen werden – wenigstens.

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