Die GroKo vor dem Feinkostladen

Es ist immer wieder erfrischend, den Subtext derer zu lesen, die in den Leitmedien nicht nach ihrer Meinung gefragt werden. Heute hatte ich das Vergnügen, einer Runde mittelalter Herren zuzuhören, die ihrerseits vor einem Feinkostladen standen und entweder auf ihre Frauen warteten oder einfach nur Bekannte auf der Straße getroffen hatten. Der Vorteil solcher Runden ist, dass sie keine Einleitung verlangen und es wenig Sinn macht, nach den Umständen zu fragen. Du gehst vorbei, hörst eine interessante Sequenz, bleibst stehen und plötzlich bist du mitten in einem Theaterstück, das du nicht gebucht hast, das aber auch nichts kostet.

„Der Schulz, dieser Komiker aus Würselen, der guckt jetzt ganz schön dumm aus der Wäsche. Von wegen Wir gehen in die Opposition! Dem wird jetzt vom eigenen Mann, der einen Niere aus dem Präsidentenschloss, mal beigebracht, was Staatsräson ist“ johlte der erste aus der Gruppe, der aus sah wie ein Versicherungsvertreter, bis auf den abgeschlunzten Trench und die Pudelmütze auf dem Kopf. Darüber hinaus bestach er jedoch mit seinem gesundroten Gesicht und seinen frisch gewässerten blauen Augen. „Ach was“, tönte schon der nächste, der seinerseits im ewig grauen Herrenanzug mitmischte und die Hände in den Taschen hatte. „wenn hier eines deutlich wird, dann ist es die Götterdämmerung der Protestantin aus Meck-Pomm. Die wollte wie die Königin weiter regieren und fiel dann die Treppe herunter. Und weil sich die alte Blockflöte nicht vorstellen konnte, dass sie so abstürzt, wollte sie noch schnell ein paar andere schreddern. Die Grünen konnten es nicht abwarten, sie bettelten regelrecht um sofortige Liquidation, wurden aber von den nassforschen Jungs des gelben Bandes ausgebootet. Das tut weh und wird bei den Grünen in Erinnerung bleiben. Auch wenn es manche von ihnen, wie den Herrn namens Strychnin, heimlich freuen wird.“

Da schaltete sich noch ein weiterer ein, der auch auf dem Trottoir umherschlich, aber wesentlich proletarischer wirkte. Er trug Sicherheitsschuhe, einen alten Wollmantel und eine Schirmmütze. „Alles richtig, meine Herren“, skandierte dieser, „aber denken vergessen Sie nicht, über die Aussichten nachzudenken. Was kann denn aus einem Konsortium werden, das nur die Sicherheit des eigenen Fortbestands im Kopf hat, sonst aber nichts! Kein Ton über die Zukunft, keine Vision und kein Wort darüber, was anders werden soll. Wenn es an etwas fehlt, dann ist es die nun neu diskutierte Phantasie. Die schleichen alle herum wie Depressive, bis auf die Kleine, wie heißt sie noch, ach ja, die von der Leyen, die sieht so aus, als hätten ihr die Partner in Afghanistan was zu rauchen mitgegeben.“

„Da haben sie Recht“ krähten die anderen, und der Trench mit den blauen Augen zeterte weiter: „Da erzählen sie uns, wie gut es uns geht und dass es eine Freude ist, dieses Land zu regieren, und dann hauen sie in den Sack, wenn es drauf ankommt. Nur wenn sie einen Posten und die 1. Klasse Bahncard 100 bekommen, überlegen sie es sich, ob sie die Bürde der Verantwortung wirklich tragen sollen. Da kommt es mir hoch, meine Herren. Die wissen alle nicht mehr, was richtige Not ist“.

Der Vorteil des nicht bestellten Theaters ist sein ebenso schnelles Verschwinden wie Auftauchen. Gerade, als die Diskussion hätte zeigen können, ob sie sich stumpf im Kreise dreht oder ob sie an die Substanz geht, kamen aus dem Feinkostgeschäft zwei Frauen; die eine im klassischen Zobel, die andere in teurem handgewebten alternativen Design. Ihr Erscheinen führte dazu, dass das Gespräch abrupt versandete und man sich artig voneinander verabschiedete. Und obwohl es sich vielleicht um eine dreiminütig Sequenz gehandelt hatte, verriet die Sequenz einmal wieder mehr als eine halbstündige Reportage im abendlichen, offiziellen Programm.

2 Gedanken zu „Die GroKo vor dem Feinkostladen

  1. almabu

    Erhellendes auf der Straße, wie das Leben so spielt. Das gefällt mir und kann so mancher „Studie“ das Wasser reichen 😉

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