Archiv für den Monat Februar 2018

Kannibalen beim Rollenspiel

Wir alle haben in unserem Leben unterschiedliche Rollen zu spielen. Und das nicht nur sequenziell, eine nach der anderen, sauber getrennt, sondern in unüberschaubarer Menge, schnell wechselnd, manchmal nahezu gleichzeitig. Meistens bleibt kaum Zeit, sich darüber Gedanken zu machen und die wenigsten tun dies überhaupt. Im Großen und Ganzen scheint es auch zu klappen, denn wir sind an keiner Schauspielschule, wo wir mit völlig neuem Stoff zum ersten Mal konfrontiert werden, sondern wir befinden uns im richtigen Leben, dort, wo einem die Rollen „zuwachsen“, die nahezu natürlich erscheinen oder in die wir langsam herein wachsen. Wie gesagt, nur wenige Menschen haben es ständig präsent, was da mit ihnen und ihren Rollen gerade passiert. Diese haben den einen Vorteil, dass sie eine distanziertere Sicht auf sich selbst gewinnen können, die den anderen versagt bleibt. Sie wiederum sind zu nah an sich dran, um in schwierigen Situationen noch rational handeln zu können.

Alle sind wir Söhne und Töchter, viele Väter oder Mütter, Lehrer und Schüler, Boten und Empfänger, Spezialisten und Laien, Liebende und Abgewiesene, Charismatiker und Euphorisierte, Schöpfer und Konsumenten, Bildende und Zerstörer, Krieger und Friedensstifter, Gläubige und Ungläubige, Regierende und Opponierende. Es soll Untersuchungen darüber geben, wieviele Rollen ein Mensch in der westlichen Zivilisation am Tag spielt. Die Zahl ist mir unbekannt, aber es müssen hunderte sein, wenn ich mir mein bescheidenes Dasein alleine durch den Kopf gehen lasse. Da ist es wichtig, sich Klarheit zu verschaffen, was da zum Teil vor sich geht und es ist wichtig, aus allem die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Was immer gleich auffällt, wenn sich jemand nicht mehr bewusst ist, welche Rolle er oder sie zu spielen hat. Dann wird es peinlich. Entweder spricht man davon, dass jemand übergriffig geworden ist oder dass keine Rollensouveränität geherrscht habe. Manchmal, in verantwortlichen Positionen, bedeutet es dann sogar das Aus. Das ist im Geschäft der Politik vor dem Hintergrund funktionierender Institutionen vor allem dann der Fall, wenn sich Politiker von den falschen Leuten einladen lassen. Oder dass sie dort zu intervenieren suchen, wo ihr Kompetenzbereich gar nicht liegt. Im Privaten ist es schließlich gar nicht so anders. Da sind es Konventionen, die darüber bestimmen, ob sich etwas schickt oder nicht. Wer die Konventionen nicht achtet, der bekommt in der Wahrnehmung seiner Rolle ein großes Problem.

Insofern könnte man sagen, das sei alles einigermaßen zufriedenstellend geregelt. Ist es aber nicht. Denn der allgemeine Kodex, d.h. die Art und Weise, wie aufgeklärte und zivilisierte Menschen miteinander umzugehen hätten, gleich welche Rolle sie gerade spielen, ist längst nicht von allen, die in diesem Spiel mitspielen, akzeptiert. Wie überall im richtigen Leben haben sich auch Barbaren und Kannibalen bestimmte Rollen erschlichen und sind beständig dabei, unter dem Schutz der Rolle ihre destruktiven Psychogramme gegen Menschen aller Art auffahren und aktivieren zu können. Sie verschanzen sich dabei hinter ihrer Rolle, die sie, stellt man sie zur Rede, auch umgehend thematisieren und mit großer rhetorischer Eloquenz zu belegen versuchen, dass gerade ihre Rolle dieses Verhalten von ihnen verlange, unabhängig von ihren persönlichen Wünschen. Das Gegenteil ist der Fall. Das einzige, was in solchen Situationen bleibt, ist, diesen Figuren ihre Rolle zu entreißen, um sie tatsächlich als kleine Monster zu demaskieren.

Analogien in der Dunkelzone

John le Carré. Der Spion, der aus der Kälte kam

Wenn so etwas wie ein Ur-Buch des Spionageromans existiert, dann ist es John le Carrés „Der Spion, der aus der Kälte kam.“ Es war zwar nicht Carrés erster Versuch in diesem Genre, aber der Roman verhalf ihm quasi über Nacht zu dem Ruf, ein Meister dieses Faches zu sein und sich exzellent in dem Milieu auszukennen. Dass ein Spionageroman, der 1963 erschien, die Rivalitäten zum Gegenstand hatte, an denen sich der Kalte Krieg entfachte, war keine Überraschung. Ganz im Gegenteil, es bestätigte das vorhandene Weltbild. Was an dem Roman eher sperrig herüberkam, war die Botschaft, dass es zumindest in der Spionage keine Guten und keine Bösen gab. Die Protagonisten auf beiden Seiten erscheinen wie die sprichwörtlichen siamesischen Zwillinge ihrer eigentlich verfeindeten Counterparts.

Und in dieser Botschaft besteht die eigentliche Brisanz des Romans. Denn wenn die Spionage die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln bedeutet, bevor es zum Krieg kommt, um Clausewitz zu bemühen, dann lässt sich keine Differenzierung zwischen Gut und Böse vornehmen? Das war für viele im Jahr 1963 neu, heute allerdings ist das keine heiße Botschaft mehr. Und die Geschichte, die in dem Roman „Der Spion, der aus der Kälte kam“ erzählt wird, ist ein frivoles Wechselspiel des britischen und des ostdeutschen Geheimdienstes. Mit heutigem Maß gemessen überrascht vieles nicht mehr.

Das damals Neue und heute auch noch mit Gewinn zu beobachtende sind die Psychogramme der handelnden Personen. Oder reicht ein Kollektivsingular? Das Psychogramm des Spions, das nicht nur geformt ist durch eine ganz normale Sozialisation in einem ganz normalen gesellschaftlichen Umfeld. Und irgendwann, aufgrund unterschiedlicher Anlässe, lassen sich Individuen auf ein lebensgefährliches Spiel ein, dass immer mit Folter und Tod enden kann und das bestenfalls eine aktive Rolle in umgekehrtem Falle bedeutet. Das ist nicht nur frivol, es ist pervers. Und dass sich Staaten, unabhängig welcher politischen Prägung und mit welchem Wertesystem, sich dieser Individuen bedienen, um die Vorstufe zu Krieg so stabil wie möglich zu halten. Da stellt sich automatisch die Frage, wie das möglich sein soll.

John Le Carré ist in diesem Roman besonders gelungen, die Konkurrenz der Charaktere herauszuarbeiten und die Mittel des wechselseitigen Betruges besonders transparent zu machen. Und, was für seine besondere Expertise spricht, er macht an der Hauptfigur Alec Leamas deutlich, dass das Spiel, das da gespielt wird, absolut ist. Es duldet weder Ausnahme noch Ausstieg. Wer darauf setzt, dem wird das Licht schnell ausgeblasen. Da sind sich beide Seiten einig. Gerade in der brachialen Art und Weise, wie Spionage funktioniert, besteht der Konsens. Wer will, kann sich der abgehobenen Frage hingeben, ob Demokratien oder auf Humanismus setzende Staaten sich eines solchen Mittels bedienen dürfen.

Die Frage ist deshalb abgehoben zu nennen, weil die Praxis den Fall nicht vorsieht. Um Kriege zu verhindern oder sich für bevorstehende Kriege Vorteile verschaffen zu können, sind alle Seiten bereit, sich mit dem Teufel zu verbünden. Und der erscheint in Form der irren Charaktere, die John Le Carré in diesem Roman so präzise schildert.