Ein Kreuz aus Asche wird nicht reichen

Vielleicht passt es ja ganz gut, dass die Konkretisierung der Regierungsbildung in die Hochzeit des Karnevals fällt. Noch einmal, so scheint es, kann man es so richtig treiben, bevor die Zeit des Insichgehens und des Fastens beginnt. Das Gewese um die Personalie des Außenministers macht deutlich, dass jegliches Maß verloren gegangen zu sein scheint. Die unglücklichste Figur bei diesem Schauspiels liefert ausgerechnet jener Mann, der noch nicht einmal vor einem Jahr mit 100 Prozent Zustimmung zum Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokratie gewählt wurde. In das Amt, das einmal für Richtung und Haltung stand. Dann, nach einer erneuten Wahlniederlage, die wieder einmal alle Enttäuschungen der letzten Jahre übertraf, formulierte eben dieser Mann die Überzeugung, dass es jetzt an der Zeit sei, in die Opposition zu gehen, auf keinen Fall in eine Koalition mit der CDU einzutreten und dem Land das zu geben, was es so bitter nötig habe: Eine Kraft, die den Regierenden Paroli bietet, um den gesellschaftlichen Diskurs zurück ins Parlament zu holen.

Doch da hatte der Vorsitzende die Rechnung ohne den früheren, genauso unglücklichen Kanzlerkandidaten gemacht, der es aber mittlerweile zum Präsidenten der Republik gebracht hat. Der definierte das Problem der Kanzlerin, ihre Macht verlieren zu können, zu einer Krise des Staates. Und, anstatt dem Präsidenten einmal zu erklären, was eine lebendige Demokratie ist, legte der letzte unglückliche Kanzlerkandidat die Hände an die Hosennaht und widmete sich dem Machterhalt für das Modell Merkel. Und zu allem Elend kam dann noch sein Wunsch, in einer neuen großen Koalition das Amt des Außenministers bekleiden und den Parteivorsitz wieder abgeben zu wollen. Da fühlte sich der noch amtierende, ehemalige Außenminister der gleichen Partei aus dem Amt gemoppt und protestierte öffentlich. Das verursachte ein kräftiges Rumoren in der Partei, was wiederum zur Folge hatte, dass der Parteivorsitzende auf das Amt verzichtete.

Es stellt sich die Frage, was denen, die dort agieren, außer der eigenen Karriere so durch den Kopf geht. Leider kann man, selbst bei wohlwollendem Nachdenken, nur zu dem Ergebnis kommen, dass es nicht viel sein kann. Vieles spricht dafür, dass sich die SPD in der tiefsten Krise ihrer Geschichte befindet. Wie gesagt, wer nach Richtung und Haltung sucht, der wird diese Prinzipien höchstens nur noch in dem einen oder anderen Ortsverein oder bei den Jungen finden. Der Rest ist von Amt und Macht dermaßen korrumpiert, dass es weder Scham noch Hemmungen gibt.

Was meinen diese Figuren wohl, wie sich ihr Stück, das sie aufführen, auf die Befindlichkeit derer auswirkt, die sich durch die Politik der letzten Jahre, die durch große Koalitionen und Friedhofsruhe geprägt waren ständig bedrohlicher wurde? Der schlaue Präsident, der den grausamen Status quo als Staatsräson gepriesen hat, ist wahrscheinlich dabei noch der Verirrteste von allen. Die Politik des Machterhalts von Merkel hat die Sinnkrise des politischen Systems auf eine neue Höhe getrieben. Das politische System hat gelitten und eine der Parteien, die potenziell zumindest die Möglichkeit geboten hätte, gegen das Auseinanderdriften von Arm und Reich aufzustehen, droht in der Bedeutungslosigkeit zu enden.

Noch wenige Tage werden die Narren durch die Straßen rennen und dem politischen Treiben den Rahmen geben, den es verdient. Dann kommt die Zeit des Erwachens. Da ist es mit einem Kreuz aus Asche auf der Stirn nicht mehr getan.

7 Gedanken zu „Ein Kreuz aus Asche wird nicht reichen

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  2. Sven Meier

    Wenn das würde jemand verfilmen wollen, dann würden die Kritiker – die den sozialdemokratischen Januar/Februar 2018 nicht erlebt haben – das Drehbuch verreißen, weil absurd, unrealistisch, usw., usw.. Manche Filme, besser Dramen, gibt’s eben nur im wahren Leben 😉

  3. autopict

    Und was lernen wir daraus? Nicht die Themen sind interessant, sondern Big Brother meets Top Model Dating Show Reality TV. Und danach sagt man, wenigstens war was los.
    Was als Ergebnis der Verhandlungen beschlossen wurde, erfährt man nur über die leiseren Kanäle und wenn ich mich nicht verhört habe, will man reden, nicht handeln.
    Wie muss das Gefühl erst in den Ländern sein, in denen es wirklich schlimm zugeht.

  4. fredoo

    Was wundert , in diesem Possenkontext der Mittelmäßigkeiten , ist die Tatsache , dass da von der SPD ein Opfer Staaträson verlangt wurde … also der Verzicht auf den Führungsstatus in der Opposition … Kann man ja verlangen als Bundespräsident … Doch wo blieb da das Opfer der CDU ??? … Zumindest hätte hier klipp und klar der Rückzug von uns-Angela verlangt werden müssen … Die ja das zuvorige GroKo-Schiff zu heftig auf Grund manöveriert hatte … Gerade weil ihr ( nach eigener Aussage ) die Wahrnehmung jeglichens eigenen Fehlers abgeht , hätte ihr um so konsequenter die Entlassungsurkunde verpasst werden müssen … und zwar von allen Beteiligten … von der SPD – aber auch von der CDU … Alein die CSU scheint das so empfunden zu haben … Es fehlten aber wohl , wie so oft , in letzter Zeit , die Eier in der Hose … 😉

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