Mach´s noch einmal, Maxe!

Jener berühmte Max Liebermann war es, seinerseits Berliner, Maler und Professor, der trotz der Expertise als bildender Künstler den Draht zu Volkes Stimme bewahrte. In gewisser Weise war er sogar Volkes Stimme, denn von ihm stammt das eine, sehr berühmte Zitat, das er ausspie, als man ihn kurz nach der Machtergreifung durch die Nazis nach den Zuständen der Zeit befragte und er retournierte „ick kann jar nich so vülle essen, wie ick kotzen muss.“ Obwohl ein solcher Spruch vielen anderen das Leben gekostet hat, Liebermann konnte es sich leisten.

Schon fünfzehn Jahre früher war er als Berliner Schnauze auffällig geworden, als man ihm antrug, den ersten Reichspräsidenten Ebert zu porträtieren. Letzterer fand aber nie die nötige Zeit, um Modell zu sitzen bis es Liebermann reichte, er den Auftrag zurück gab mit dem Beiwort, jetzt brauche der werte Präsident nicht mehr still zu sitzen, denn er, Liebermann, pinkle den feinen Herrn besoffen in den Schnee.

Im Laufe der Zivilisation ging es nicht immer wohlig zu und hätte es nicht immer wieder Menschen gegeben, die sich weigerten, ihre Klasse, ihre Stadt oder ihre Herkunft zu verraten, dann wäre das Experiment der menschlichen Gesellschaft bereits zu deren Ungunst beendet. Deshalb, und gerade deshalb ist es so erfreulich, dass sich das Max-Liebermann-Haus zu Berlin, am Pariser Platz und nicht weit zum Brandenburger Tor, ein Gedicht an der Fassade aufhängt, das aus der Feder Eugen Gomringers stammt und den Titel Avenida trägt.

„Avenidas“ besteht aus 20 aneinandergereihten Begriffen und erzählt von einer Szene auf den Ramblas in Barcelona, die der Dichter Eugen Gomringer in den Fünfzigerjahren beobachtet hat. Sie lauten übersetzt so: „Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“. (Quelle: Spon)

Der Text mit dieser Aussage reichte aus, um es an einer benachbarten Hochschule durch Studentenvertreter zu verbannen, da es sexistischen Charakter habe. Hic transit gloria mundi, kann man da nur sagen, der Wille, einem Subjekt die eigene Phantasie und Triebwelt auch nur im platonischen Sinne zuzugestehen, ist auch bei Teilen der nachkommenden Generation bereits nicht mehr vorhanden. Der Bann von Avenidas in Berlin ist genauso ein kannibalischer Akt wie die Räumung einer Galerie in Manchester, aus der die Bilder nackter Frauen aus der Renaissance in den Hinterhof verbannt wurden.

Da weht ein Wind durch die zeitgenössischen Gesellschaften, der von denen ausgeht, die tatsächlich glauben, sie repräsentierten nicht nur die neue, sondern auch die Zeit, die frei von Diskriminierung ist. Mein Gott, wie töricht muss man sein, im Rausch des Ideals die Historizität der Gesellschaften zu vergessen. Die Tatsache, dass es einen Prozess der Zivilisation überhaupt gegeben hat, wird mit einem Schlag aus dem Bewusstsein getilgt und da sitzt ein Volksgerichtshof über diesen Prozess zusammen, der in seiner geistigen Verfassung an die kältesten, dümmsten und destruktivsten Seiten und Schattierungen der vergangenen Diktaturen erinnert.

Jede Regung gegen die zeitgenössischen Formen der Inquisition ist zu begrüßen und jede Stadt, die sich daran beteiligt, ist dabei zu begrüßen. Was die schlauen, vom eigenen Ekel nach vorne gepeitschten Asketen anbetrifft, da sei jedem ein schönes Zitat von Max Liebermann gegönnt. Mach´s noch einmal Maxe, die Dummen sterben nicht aus!

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