Archiv für den Monat Februar 2018

Partizipation und Moderation

Wir waren auch schon einmal weiter. Vor nunmehr mehreren Jahrzehnten, als sich die Republik in einem Aufbruch wähnte, wurde schnell deutlich, dass eine verstärkte Partizipation besondere Erkenntnisse benötigt. Dem Satz „Mehr Demokratie wagen“ folgten sehr reale Schritte dessen, was heute als Empowerment beschrieben werden würde. Es ging nämlich darum, diejenigen, die man am politischen Diskurs beteiligen wollte, dazu zu befähigen, das auch tun zu können. Oder anders herum: Es ging darum, Methoden zu entwickeln, die denjenigen, die durch besonderes Temperament, eine außergewöhnliche Rhetorik oder eine große Durchsetzungsfähigkeit Entscheidungsprozesse immer dominierten, in eine Disziplin zu bringen, in der auch die etwas weniger Exponierten zu Wort kamen. Das hörte sich zunächst leicht an, war schwer, aber letztendlich möglich und führte zu einer Periode von Beteiligung, auf die man aus heutiger Sicht etwas wehmütig zurückblicken muss.

Eine dieser Methoden waren die so genannten Moderationstechniken, die es ermöglichten, eine auf Partizipation angelegte Gruppe methodologisch eng zu einem konkreten Ergebnis zu führen, ohne dazu verführt zu werden, diesen Prozess inhaltlich manipulieren zu können oder zu wollen.

In der Regel fing es damit an, die Gruppe zu der Eingangsfragestellung zu befragen und sie auf Karten schreiben zu lassen, was sie zu dem Thema bewegte. Es folgte das Clustern der eingegangenen Karten nach begrifflicher Nachbarschaft und die Findung von Arbeitstiteln. Letztere wiederum wurden priorisiert und dann nach Priorität bearbeitet. Das wiederum streng nach dem Schema: Problembeschreibung, Lösungsansätze und mögliche Widerstände. Nach der Präsentation dieser Ergebnisse entstand dann in der Regel eine To-Do-Liste, auf der zu lesen war, Wer, Was, bis Wann zu erledigen hatte.

Auch aus heutiger Sicht ist es immer wieder erstaunlich, welche Ergebnisse nach dieser Methode in relativ kurzer Zeit zustande kamen und welche Qualität von Veränderung dadurch erzielt werden konnte. Menschen, die sich dieser Methode verschrieben hatten und derartige Prozesse moderieren konnten, gingen damit durch die Hohe Schule der Meinungsfindung und fanden sich nicht selten nach einiger Zeit in Führungspositionen wieder.

Doch dann stockten die Reformen insgesamt und es begann ein praktisch folgenloser, aber gesellschaftlich anerkannter Prozess der babylonischen Auseinandersetzung. Der partizipativen Methode der Moderation folgte ein Prozess der öffentlichen Geschwätzigkeit mit der furchtbaren Waffe, diese Settings, die aus der amerikanischen Talk-Show kamen, auch als Moderation zu bezeichnen. Plötzlich konnten jede und jeder moderieren, unabhängig von ausgewiesenen methodologischen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Seitdem nennen sich viele Moderatoren, die keinen Begriff davon haben, was eigentlich von ihnen erwartet wird.

Aus heutiger Sicht betrachtet war die Zeit des partizipativen Diskurses qualitativ hochstehender als das, was aus der öffentlichen Behäbigkeit, die, wenn es gut läuft, übrig bleibt, aus den Diskussionen mit den halbseidenen Moderatorinnen und Moderatoren herauskommt. Da wird ein bisschen mit dem Hexenhammer der puritanischen Inquisition gewunken, da werden die Tabus der Hochmoderne aufgezeichnet, die nicht schnittiger daher kommen als ihre antiken Vorfahren und da wird letztendlich das als Konsens propagiert, was vorher bereits als herrschende Meinung feststand.

Ja, auch die Formen der Interaktion lassen Schlüsse zu auf deren Inhalte. Dort, wo die Demokratisierung des Gesprächs durchgesetzt werden muss, regte sich immer großer Widerstand derjenigen, die es gewohnt waren, zu dominieren. Dort, wo es gelang, den Stilleren mehr Raum zu geben, waren die Ergebnisse umso beredter.

Schlimmer als der Kalte Krieg

Um gleich eine Einschätzung abzugeben: Die Münchner Sicherheitskonferenz wird nicht dazu beitragen, die Sicherheit in der Welt zu erhöhen. Es stellt sich die Frage, warum sich die Eliten aus Ost und West dort überhaupt treffen, wenn sie sich sicher sind, dass die Konfrontation immer größer wird. Das, was dort zum Teil abgeliefert wurde, ist schlimmer als der Kalte Krieg. Der hatte unter dem Szenario der gegenseitigen atomaren Bedrohung noch keinen Vorgänger. Und so war vieles der Umgang von Novizen mit der suizidalen Bedrohung. Diejenigen, die sich heute dort treffen, wissen sowohl um die Zerstörungspotenziale wie um ihre Grenzen. Und sie wissen, wie man Weltkriege auf Sparflamme hält, wie seit sieben Jahren in Syrien. Mit Verlaub, was dort in München ans Pult geht, hat bis auf wenige Ausnahmen nichts als Impertinenz, Zynismus und intellektuelle Einschränkung zu bieten.

Da blitzte gleich zu Beginn der ganze Charme der gegenwärtigen deutschen Verteidigungsministerin auf, die politisch nichts, aber auch gar nichts hinterfragte, dafür aber die Aufrüstung pries. Das war ihr einziges Anliegen und damit zeigte sie, dass sie für Kriege zu gebrauchen ist, für die Verteidigung und den Frieden jedoch nicht. Und sie bewies, dass sie weder Scham noch Hemmungen kennt, aber wer vermisst das schon?

Ihr Pendant, der Noch-Außenminister, trat eher als ein Mahner auf. Mit dem Satz, dass es keine Beispiele in der Geschichte dafür gebe, dass sich Feinde so mir nichts dir nichts in Partner verwandeln, griff er auf die Rhetorik von Sozialdemokraten zurück, die einst dem Kalten Krieg ein Ende bereiten konnten. In diesem Kontext empfahl er den Abbau gegenseitiger Sanktionen als ersten Schritt. Leider verzichtete er darauf, die Falken, die die Mehrheit des Münchner Publikums ausmachen, direkt zu adressieren.

Die mit Abstand abgeschmackteste Vorstellung lieferte allerdings der ehemalige Obama-Vize Joe Biden. Mit seinem Auftritt zeigte er, wie verkommen die demokratische Nomenklatura der USA immer noch ist und dass es jenseits des Atlantiks immer noch gute Gründe gibt, diese nicht zu wählen, auch wenn die Alternative zum Himmel stinkt. Biden attackierte in Kalter-Kriegs-Manier Russland und machte es für die allgemeine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Ost und West verantwortlich. So hört sich protestantische Bigotterie auf dem höchsten Niveau an. Bei der Destabilisierung der Ukraine war sowohl Joe Biden als auch sein Sohn kräftig dabei. Und der Filius war bereits im Vorstand einer amerikanischen Fracking-Firma, die in der Ost-Ukraine aktiv werden wollte.

Dass der US-Sicherheitsberater McMaster vor Revisionismus warnte, mutet in dem Gesamtkontext an wie die Eröffnung der Kabarett-Saison. Bis heute hat es das gesamte westliche Verteidigungskonglomerat nicht geschafft, die eigene Geschichte der NATO-Osterweiterung kritisch zu evaluieren und in Beziehung zu den Zusicherungen zu setzen, die der Westen Russland zu Beginn der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts gegeben hat. Die US-Strategie war schlichtweg falsch für Europa. Und die Eigenständigkeit Europas wird erst an dem Tag beginnen, an dem europäische Politiker den Vertretern der kriegstreibenden USA laut und deutlich ins Gesicht sagen, dass ihre Interessen anders liegen. Solange sie wie Chiwawas auf deren Schoß sitzen, kann das nichts werden. Von der zukünftigen Bundesregierung ist in dieser Richtung auch nichts zu erwarten, die Kanzlerin im Amt fuhr erst gar nicht nach München.

Doch die Zeit drängt, die Zeit des systematischen Drückens muss endlich vorbei sein.