Bad Boy Putin?

Heute wird in Russland gewählt. Und es wird berichtet, an der vierten Wiederwahl von Wladimir Putin bestehe kein Zweifel, obwohl sich insgesamt 8 Kandidatinnen und Kandidaten bewürben. Zurückgeführt wird die Prognose auf die Behinderung anderer, tatsächlich potenter Figuren durch Justiz und Geheimdienst. Das mag stimmen, sich ist aber auch, dass die Reputation Putins während der Ukraine-Krise innerhalb Russlands in den Himmel geschossen ist. Eine harte Haltung gegenüber dem Westen wie am Beispiel der Krim wird seitens der russischen Wählerschaft honoriert. Insofern kam die allerbeste Wahlkampfhilfe für Präsident Putin aus dem Westen. Aus den USA, von der NATO und jüngst von der britischen Regierung. Alle Beschreibungen, alle Anschuldigungen und alle Bündnispartner, die der Westen aufführt, sind ein Schlag ins Gesicht der meisten Russen. Man könnte fragen, woher die Dummheit des Westens kommt, aber diese Frage spielt keine Rolle, viel wichtiger ist die Überlegung, was in den Russinnen und Russen vorgeht.

Mit dem Untergang der Sowjetunion und deren Rolle als imperialistischer Supermacht zerfiel ein Weltreich. Mehr als 50 Millionen ehemalige Sowjetbürger fanden sich in in neue Republiken wieder, was nicht schlimm schien, soweit sie den Ethnien zuzuschreiben waren, die sich vom sowjetischen Joch befreiten, wie Usbeken, Tadschiken, Litauer oder Esten. Was jedoch zu einer Art Demütigung der russischen Nation führte, waren insgesamt 27 Millionen native Russen, die fortan nicht mehr in ihrer Heimat, sondern in anderen Staaten lebten, in denen das Russische kaum noch eine Rolle spielte. Dass die westliche Propaganda daraus im Laufe der Jahre russische Agenten machte, gehört zu den Tollheiten der dortigen Ideologiefabriken. Dass die verbliebenen Russen im eigenen Land darunter litten und es als Schmach empfanden, sollte die Vorstellungskraft nicht überfordern.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion setzte eine De-Sozialisierung aller Produktionsanlagen, der Infrastruktur und der nahezu unendlichen natürlichen Ressourcen ein. In Mafia-Manier, nur wesentlich rigoroser, wurde alles verteilt. Gewinner waren die Oligarchen, Verlierer war das Volk, dem es in dieser Zeit so schlecht ging wie kurz nach Weltkrieg, Revolution und Staatsgründung 1917. Nur dass dieser bestialischen Re-Privatisierung der Westen Pate stand und die Entwicklung sehr begrüßte. Der damalige Präsident Boris Jelzin tanzte besoffen vor irgendwelchen Militärkapellen herum und Bill Clinton fand das alles drollig. Für die meisten Russen war es ein Albtraum.

Die Ära Putin war geprägt von dem Versuch, ein vernünftiges Verhältnis zum Westen herzustellen, was daran scheiterte, dass er die Oligarchen enteignete und des Landes vertrieb und erklärte, dass auch an die 27 Millionen Russen gedacht werden müsse, die außerhalb des neuen Russlands lebten. Man stelle sich nur vor, so etwas sei auf amerikanischer Seite passiert. Faktum ist, dass mit dem Kampf gegen die Oligarchen-Mafia die Aktivitäten der NATO einsetzen, um die gesamte Westgrenze Russlands gegen alle Beteuerungen aus dem Jahr 1990 mit NATO-Raketen zu bestücken. Die einzigen Länder, in denen das nicht gelang, heißen Georgien und die Ukraine, ansonsten erstreckt sich die militarisierte NATO-Linie auf über 1000 Kilometer russische Grenze. Dass sich die dortige Bevölkerung bei diesem Szenario nicht wohl fühlt, sollte nachvollziehbar sein. Und dass sich die russische Bevölkerung die Frage stellt, warum der Westen ausgerechnet die Figuren als Kronzeugen auspackt, unter denen sie am meisten gelitten hat, um das russische System als marode zu charakterisieren, spricht für ihre Intelligenz.

Ob es vielen Betrachtern schmeckt oder nicht, und trotz aller Verschwörungstheorien und Komplottszenarien aus dem Westen, es scheint gute Gründe zu geben, warum sich die Russen heute zu einem Votum für Wladimir Putin entscheiden.

 

Advertisements

3 Gedanken zu „Bad Boy Putin?

  1. Pingback: Bad Boy Putin? | per5pektivenwechsel

  2. Alice Wunder

    Ich hörte Mitte der 1990er einen Bundeswehrausbilder das heutige Szenario vorhersagen. Der Beschrieb es als eine Art Naturgesetzlichkeit, an der keiner Schuld trägt: Der Westen fürchtet die Ausbreitung Russlands und versucht, es einzuschnüren; Russland fürchtet die Umarmug des Westens und will sich ausbreiten. So wie alle Flüsse aus den Bergen ins Meer fließen. Nur ein Narr würde versuchen, sie umzukehren…!?!

  3. fibeamter

    Gegenfrage: Warum haben die US-Amerikaner Trump gewählt?. Weil sich der Clinton-Clan um die falschen Personen bemüht hat. Nicht der bevölkerungsreiche und wirtschaftlich gut stehende Osten gab den Ausschlag, sondern der vergessene mittlere Westen. Von dort kamen die Wahlmänner, die Trump den Sieg brachten. Da nützte Clinton auch nicht die höhere Zahl der Wählerstimmen. Deshalb ist auch Putin beliebt wegen der Zustimmung der asiatischen und
    ländlichen Bevölkerung.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.