Singapur aus Sicht der Epigonen

Bis auf den edlen Ritter Schäuble sind es nur noch Epigonen, die auf den Prozess der deutschen Wiedervereinigung aufgrund unmittelbarer eigener Erfahrungen zurückblicken. Von den beiden Protagonisten, die einst im Kaukasus zusammen in der Sauna saßen und sich hinterher ein Wässerchen genehmigten, weilt der eine nicht mehr unter uns, dafür aber in den Geschichtsbüchern, und der andere musste miterleben, wie er zu einer Randnotiz der russischen Geschichte verkam. Gorbatschow wird heute von vielen Russen dafür verantwortlich gemacht, dass sich das Land nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat vom Westen nach Strich und Faden betrügen lassen. Das ist zwar nicht ganz gerecht, aber etwas Wahrheit ist schon dabei.

Das, was im Nachhinein als Stück aufgeführt wurde, war ein betrügerischer Akt, der das Vertrauen, welches im langen, beschwerlichen Prozess der Detente entstanden war, restlos zerstört hat. Die zentrale Garantie des Westens, keine NATO-Osterweiterung, wurde bereits einige Jahre später von der Clinton-Administration ignoriert. Seitdem wurde Russland Stück für Stück weiter militärisch eingekreist und die Grenzlinie, an der direkt NATO-Soldaten vor der russischen Tür stehen, reicht heute vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer.

Die Deutschen, die mit der Einheit auch für die Geduld und die Kontinuität in einem beschwerlichen Friedensprozess belohnt wurden, beteiligten sich nach einigem Zögern am Aufbau einer neuen Frontlinie gegenüber Russland. Die Epigonen sind am Ruder und sie sind dabei, auf alles zu pfeifen, was die Zivilisation zurück nach Europa gebracht hat. Sie haben danach den Balkan zerschlagen, sie haben sich an Putschen im Osten beteiligt und sie haben eine eigene Propagandamaschine aufgebaut, die der in Russland in nichts nachsteht.

Dass diese Epigonen nun, bei dem Aufeinandertreffen zwischen Donald Trump und Kim Jong Un in Singapur, diesem mit gemischten Gefühlen gegenüberstehen, entspricht ihrem Charakter. Das war bereits zu sehen, als in Korea Bewegung ins Spiel kam. Für ein Land, das lange selbst gespalten war, begleitete man die Vorgänge in Deutschland mit herzlich wenig Empathie. Und sieht man sich die Kommentare zu dem an, was sich momentan abzeichnet, entdeckt man nur noch Zynismus.

Die alleinige Möglichkeit einer Wiedervereinigung in Korea wird partout negiert, die amerikanische Regierung unter Präsident Trump wird als unberechenbar dargestellt – was nicht stimmt, da keine vor ihr so berechenbar war, ob die Art der Politik schmeckt oder nicht – so als sei die Wiederaufrüstung durch Bill Clinton gegenüber Russland das Natürlichste von der Welt gewesen.

Im Kern jedoch geht es um das Psychogramm der Epigonen: Mit ihrem Zynismus, mit ihrer Missgunst und ihrem Defätismus beweisen sie, dass sie mit dem emotional so beladenen Akt der Wiedervereinigung selbst nicht das Geringste zu tun haben. Nicht in Deutschland und schon gar nicht in Korea. Sie gleichen den Charakterköpfen, die im Spanischen so treffend als Chaqueteros bezeichnet werden, die ihre Position so wechseln wie ihre Jacketts, wenn es ihnen nur opportun erscheint.

Einmal abgesehen und weg von dem ständig wiederholten Kritikpunkt mangelnder Strategie und Programmatik: Wer keine Empathie hat, wer sich nicht hineinversetzen kann in die Traumata der Völker, und wer psychisch nicht das zu durchleben in der Lage ist, was die Menschen unseres Zeitalters bewegt, der hat in dem Geschäft, in dem es letztendlich um das gesellschaftliche Schicksal aller geht, nichts, aber auch gar nichts verloren.

5 Gedanken zu „Singapur aus Sicht der Epigonen

  1. monologe

    Das ist genau richtig. Die verstehen auch die Empfind- und Befindlichkeiten im Osten Deutschlands nicht, und sie verdanken so gut wie alles, alles, was sie wie Krokodile aus einem Teich zähnefletschend beklagen – ihrer eigenen Politik.

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  3. Alice Wunder

    Ich widerspreche. Unsere westlichen Demokratien sind in ihrem Wesen großbürgerliche Händlerrepubliken. Die propagierten Werte immer eher als schmückender Marketing-Tand zu verstehen. Die Worte seien zuckersüß, die Taten Gewinnmaximierend. Insofern alles in bester Ordnung mit der Chefetage.

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  5. alphachamber

    Ein koreanischer Zusammenschluss ist in absehbarer Zeit praktisch unmöglich. Für China ist NK die „Dame“, die den „König“ im Schach hält. Bei einer Annährung oder einem Deal handelt es sich nicht um eine Vorstufe zur Wiedervereinigung, sondern eher um taktische Positionierung.

    Was Russland anbelangt, wurde Gorbatschov von den USA beim Malta-Gipfel uber den Tisch gezogen, ohne Stärke gibt es eben keinen Frieden, und der USA kann nicht vertraut werden. Vergessen wir auch nicht, dass der „Friedensobama“ dieses Spiel gegen Russland verstärkt vorantrieb.

    Frage ist: Wer hat die Epigonen geschaffen und wer gab ihnen die Macht…

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