Von der Umkehrung aller Werte

Fortschritt, so der kluge Bertold Brecht, bedeutet Fortschreiten, und nicht fortgeschritten sein. Besser kann das Spannungsverhältnis von der Notwendigkeit ständiger Veränderung und der Sehnsucht nach Konservierung des Erfolgs nicht beschrieben werden. Das Problem ist vielschichtig. Es handelt sich einerseits um den energetischen Aufwand, der mit dem Fortschreiten verbunden ist und der Sehnsucht nach Rast, sobald ein großes Ziel erreicht ist. Dann, wenn das Bedürfnis nach Ruhe im Vordergrund steht, wirken genau die Kräfte, die auf erneute Veränderung aus sind, als Störenfriede.

Ein weiteres Hindernis für die erneute Anstrengung ist die Überzeugung, etwas gefunden zu haben, das den Erfolg garantiert. Es ist die Fata Morgana einer Patent-Lösung. Letzteres ist bekanntlich eine Illusion und dennoch spricht vieles für die Erfahrung, die aus dem Satz „never change a winning team“ spricht. Dass gerade die Umkehrung aller Werte, wie Nietzsche es nannte, die Grundlage für ein neues Projekt sind, überzeugt jene nicht, die erfolgreich waren und sich im Verzehr dieses Erfolges genügen.

Auch in dieser Betrachtung stellt sich wiederum die Frage nach Zeit und Raum, und zwar auf sehr pragmatische Art und Weise. Ist die Zeit vorhanden, um eine neue Geschichte zu schreiben und besteht der Raum, um sie nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten? Wenn dem so ist, dann steht der erneuten Veränderung nichts im Weg. Ist dem allerdings nicht so, dann kann das Beharren auf dem Status Quo sogar ein Akt der Vernunft sein.

Die Überlegung ist existenziell. Sie bezieht sich auf alle Bereiche des Lebens, sie ist valide beim Umgang mit jeglichem sozialen System und jeglicher Form der Organisation. Die Bewegung, schrieb Friedrich Engels einst, ist die Grundform allen Daseins. Das war kein politischer Slogan, sondern eine Vorüberlegung in seiner Schrift „Dialektik der Natur“. Ob sich aus naturwissenschaftlicher Erkenntnis etwas an diesem von ihm bemerkten Axiom etwas geändert hat, vermag ich nicht zu sagen. Wichtig scheint mir, dass es sich um ein hervorragendes Kriterium für die Betrachtung von Organisationen handelt.

So wie später die System-Theorie aufdeckte, dass soziale Systeme dazu neigen, Komplexität zu reduzieren und sich durch Sub-Systeme fortzupflanzen, so wie sie zu einer Eigendynamik neigen, die den Zweck bedroht, so kommen sie zum Erliegen, wenn sie sich nicht mehr fortentwickeln. Wenn der Ursprung allen Daseins die Bewegung ist, dann ist folgerichtig das Ende allen Daseins der Stillstand.

Und damit sind wir an dem Punkt, den alle sozialen Systeme durchmachen müssen, um über ihre Zukunftsprognose positiv entscheiden zu können. Existiert bei ihnen ein Programm der Erneuerung, der Umkehrung aller Werte, der Aufkündigung der erfolgreichen Struktur? Ist das Kalkül so geraten, dass das Risiko mit einkalkuliert ist, selbst den erfolgreichen Weg, der unter anderen Umständen beschritten wurde, nun zu verlassen?

Die Anstrengung, etwas Neues zu schaffen und erfolgreich zu sein, darf nicht unterschätzt werden. Diese Anstrengung zu unterlassen, verursacht jedoch einen Schaden, der den Nutzen des Rastens weit übersteigt. Um doch einen Sänger zu Wort kommen zu lassen, sei Wolf Biermann zitiert, der da kundtat, „nur wer sich ändert, bleibt sich treu“.

Wie wahr. Wie anstrengend. Wie absolut.

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3 Gedanken zu „Von der Umkehrung aller Werte

  1. almabu

    Veränderungen setzen punktuell ein und können bei entsprechender Verbreitung global wirksam werden. Bewertung erfolgt vom Standpunkt des Betrachters aus. Deshalb sind wertende Begriffe wie „Fortschritt“ oder „Rückschritt“ nicht allgemein gültig. Werte müssen erst global durchgesetzt werden, wovon wir weit entfernt sind:

    Trumps Trennung von illegalen Migrantenfamilien. Er sieht dies als tollen Fortschritt!
    Wenn man Kinder mit der Erklärung „sie müssten nur kurz duschen und kämen gleich zurück“ von ihren Eltern trennt, (oft für immer, denn die Behörden haben den Verbleib von über tausend Kindern verloren!) dann erinnert das einen Europäer eher an das Vorspiel von Nazi-Gaskammern und an einen grausamen Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten, Systeme und Machenschaften.

  2. Pingback: Von der Umkehrung aller Werte — form7 | per5pektivenwechsel

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