WM: Die herrschenden Systeme haben ihren Zenit überschritten

Der bisherige Verlauf der Fußballweltmeisterschaft fördert eine Erkenntnis zu Tage: Die noch bis vor kurzem erfolgreichen Systeme haben ihren Zenit überschritten. Sie überzeugen nicht mehr. Konnten in Brasilien vor vier Jahren noch verschiedene Teams mit der Ballbesitzphilosophie wie mit Konterfußball und schnellem Umschaltspiel bereits in der Vorrunde für Furore sorgen, so ist bis auf zwei Ausnahmen deutlich geworden, dass der Rest der Welt, auch die kleineren Nationen, gelernt haben, diese Systeme zu lesen und mit ihnen umzugehen. Allenfalls Spanien und Portugal zeigten in ihrem Aufeinandertreffen, dass sie noch zu Superlativen taugen, wobei die Einschränkung gelten muss, dass dieses auf geniale Individualisten zurückzuführen war, die zu den großen Sonnen des Sports schlechthin zählen. 

Vielleicht war ja der 3:0 Sieg Kroatiens über den deklassierten Vizeweltmeister Argentinien signifikant für die paradigmatische Erkenntnis. In den Reihen Kroatiens befinden sich Spieler, die aus den Herzkammern der weltweit erfolgreichsten Mannschaften stammen. Sie beherrschen die trendsetzende Taktik aus dem FF und nutzen diese Kenntnis, um sie zu entlarven und mit ihren brillanten technischen Mitteln zu entzaubern. Das ist meisterhaft und überzeugend gelungen. Aber, bei allem Respekt und ohne damit die Perspektive Kroatiens bei dieser WM minimieren zu wollen, es war das Besteck aus dem Hause der Herrschaft. Und im Spiel gegen Deutschland hat Mexiko bewiesen, dass es auch schlichtweg mit einer rebellischen Mentalität geht, den satten Koloss vom Sockel zu stoßen.

Die aufgestellte These, dass die alten Systeme nicht mehr überzeugen, wird sich bis an das Ende des Turniers fortsetzen, auch wenn noch das eine oder andere spannende Spiel folgen wird. Obwohl wir uns immer noch im Stadium der Vorrunde befinden, die Konzentration der schwerfälligen vermeintlich Großen, oder Favoriten, deren Glanz verblasst, ist zu groß: Frankreich, Großbritannien, Argentinien, Brasilien, Deutschland und, nach dem ersten Spiel eben auch Spanien und Portugal zeigten laue Vorstellungen. Dass Italien und die Niederlande fehlen, sorgt vielleicht auch noch dafür, dass keinerlei Hoffnung Systemstabilität einerseits und Innovation andererseits entstehen wird.

Dass alte Systeme irgendwann ihren Charme verlieren, ist ein historische Axiom. Meistens geschieht dieses jedoch mit dem Entstehen einer Alternative, einer Zukunft, im Vergleich. Diese Option fehlt bei dieser WM. Alternative nicht in Sicht. Das kann beunruhigen, muss es aber nicht. Was entscheidend sein wird, ist, ob die Vertreter der alten, herrschenden Systeme sich des Niedergangs bewusst werden oder nicht. Das kann dazu führen, dass auch dort über alternative Konzepte nachgedacht werden kann. 

Das, was die vermeintlichen Underdogs im Falle ihres Erfolges angeboten haben, war die Renaissance bereits bekannter Konzepte, was sie nicht diskreditieren soll. Wie gezeigt, enttarnten in den Herrschaftsmetropolen ausgebildete Agenten den Masterplan und schlugen die Herrschaften mit ihren eigenen Mitteln wie im Falle Kroatiens gegen Argentinien oder sie rebellierten und hatten den Mut zum Aufstand wie im Falle Mexikos gegen Deutschland. Oder es gelang, die Wucht des Kollektivismus für einen Moment der Geschichte zurück zum Leben zu bringen, wie im Falle Russlands. Das ist noch nichts Neues, aber es zeigt, dass das Alte vom Sockel gestürzt werden kann. 

Und wieder zeigt der Fußball, wie sehr er mit dem allgemeinen Geschehen der gesellschaftlichen Existenz korreliert. Schauen wir also weiterhin genau hin. Jedes noch so kleine Zeichen von Veränderung kann hilfreich sein für das das Verständnis dessen, was da kommen wird.

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5 Gedanken zu „WM: Die herrschenden Systeme haben ihren Zenit überschritten

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  2. autopict

    Für die Halbzeitpause treffend, jedoch: die Erkenntnisse bei Fußballturnieren haben mMn eine Halbwertszeit von eben einer Halbzeit. Und das ist auch gut so.
    Interessant aus meiner Sicht ist die verzweifelte mediale Suche nach den Stars, denen alles gelingt oder die vollumfänglich scheitern. Inkl. anschließender Sezierung.
    Aber auch das ist nicht neu.

  3. gkazakou

    Das sind hoch interessante Beobachtungen: Drei Varianten fanden Beachtung: (a) die „in den Herrschaftsmetropolen ausgebildeten Agenten“, die „die Herrschaften mit ihren eigenen Mitteln schlugen“, (b) die „Rebellen“, die „den Mut zum Aufstand“ hatten, und (c) der „Kollektivismus“, kurzzeitig wiederbelebt. Und dann natürlich immer auch die glänzende Leistung des Einzelnen, die in allen Systemen nötig ist, damit es Erfolg hat.
    Wer weiß, ob es am Ende doch nicht auf das System, sondern auf die Genialität des Einzelnen ankommt, um die Dinge in Bewegung zu bringen? Es waren das System herausfordernde Einzelne – von Moses über Jesus bis Mohammed und Marx, von Alexander über Napoleon bis Hitler und Lenin -, die Bewegungen auslösten, durch die vorhandene Strukturen zerschlagen wurden – oft mit grauenhaften Mitteln. Kurzum: die Sache ist ambivalent. Am Fußball lässt sich so was wie im Reagenzglas studieren, ohne dass man um seinen Kopf fürchten muss. 😉

  4. almabu

    Es riecht irgendwie nach Zeitenwende, ob im Fußball oder in der EU oder in Deutschland? Es bleibt spannend!

  5. Achim Spengler

    Weder die Rebellen, noch die Staatskollektivisten, noch die Agenten der Herrschaftsmetropolen werden am Ende obsiegen. Also alles wie gehabt, und kein Grund, von Zeitenwenden zu reden.

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