Ruhm in gebrochenem Licht

Klaus Mann. Alexander. Roman der Utopie

Als der Roman erschien, war Klaus Mann 23 Jahre alt. Es handelt sich also um ein Frühwerk. Der Sohn Thomas Manns, der für die kurze Zeit seines Lebens im Schatten seines berühmten Vaters stand, hatte da bereits beträchtliche Widrigkeiten seiner Bildungskarriere hinter sich. Er hatte das Gymnasium in München abgebrochen, und zwei weitere gescheiterte Versuche in Privatschulen, unter anderem der zu zweifelhaftem Ruhm gelangten Odenwaldschule, hinter sich. Stattdessen waren bereits einige Erzählungen erschienen, mit denen er positiv auf sich aufmerksam machen konnte. Der Roman einer Utopie, wie Klaus Mann ihn selbst nannte, war sein erstes größeres Werk. Alexander, so der Titel, schilderte in einer erstaunlich elaborierten Sprache den Weg dessen, der in den Geschichtsbüchern „Der Große“ genannt wurde und wird.

Was den Roman so erstaunlich macht, ist die erzählerische Konsistenz und die Reife, mit der der Weg des jungen Mazedoniers nachgezeichnet wird. Historisch genau werden die Stationen seines atemberaubenden Weges nachgezeichnet. Neben der Faszination für die homoerotischen Implikationen der Persönlichkeit, die zur intrinsischen Motivation des Autors werden gehört haben mögen, schildert Klaus Mann in dem Werk die Persönlichkeitsveränderungen, die der ungeheure Zuwachs von Macht mit sich brachten. Aus dem juvenilen Liebling seiner Generation wurde zunehmend ein vereinsamter, verhärmter, in sich selbst und in seiner Liebe zu sich selbst verirrter  Mann, der sich seinem eigenen Gefolge nicht mehr durch die Vision einer gemeinsamen Perspektive verständlich machen konnte.

Wenn Erfolg der Treibstoff jeglicher Motivation genannt wird, dann ist es im Hinblick auf den Machtzuwachs ein irritierender, in die Irre führender Indikator. Macht, als Mittel zum Zweck, degeneriert in seinem Zuwachstempo zu einer nicht mehr zu kompensieren Eigendynamik, die isoliert und verbittert. Klaus Mann zerrt diese Erkenntnis in seiner Erzählung immer wieder zurück auf die Realität von Alexanders Beziehungen zu seinen nächsten Weggefährten, zu denen er auch erotische Beziehungen pflegte. Zunehmend kommen ihm die Fähigkeiten abhanden, deren eine soziale Beziehung bedarf: Alexander hörte nicht mehr zu, er nahm nur noch Gefühle entgegen, ohne in der Lage zu sein, sie zu erwidern und er verlor das Maß an Empathie, das erforderlich ist, erfolgreich zu kommunizieren.

All diese Eigenschaften besaß der junge Mann, als er mit seinen Getreuen auszog, ein Weltreich zu schaffen und seine Grenzen zu erreichen. Mit der Dimension des Erfolges wuchs das Dilemma. Er verlor die Fähigkeiten, die ihn zur Größe gehoben hatten mit dem Tempo, mit dem er erfolgreich wurde. Das ist eine weise Betrachtung, die unter normalen Umständen jenen vorbehalten bleibt, die bereits ein reiches Leben hinter sich haben.

Dass Klaus Mann im Alter von 23 Jahren zu so etwas fähig war, spricht für seine großartigen Fähigkeiten. Dass ihm das auch erzählerisch gelungen ist, macht das Buch zu einer aufregenden und denkenswerten Lektüre. Alexander ein gelungenes Frühwerk zu nennen, ist deshalb zu kurz gegriffen. Es hilft auch heute, gut neunzig Jahre nach seiner Veröffentlichung, um den Ruhm in dem gebrochenen Licht zu betrachten, der ihm gebührt! Chapeau!   

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