Sprache: Seichter Nebel und rohe Gewalt

Astrid Séville. Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft

Das Unbehagen, welches sich über das Land gelegt hat, wird in starkem Maße von der Degression der verwendeten Sprache gespeist. Einerseits sind es die zunehmend völkischen Parolen, die bewusst in den gesellschaftlichen Diskurs geworfen werden. Andererseits haben die Mandatsträger in Regierungsverantwortung seit Jahren einen blasierten, inhaltslosen Sprachstil etabliert, der seinerseits zur Abwendung von Regierung und Staat geführt hat. Erinnern die blutbeladenen und schwülstigen Formulierungen aus der braunen Kanalisation an das historische Debakel von Faschismus und Krieg, so ist das abstrakte, unverbindliche und bewusst diffus gestaltete Wording der offiziellen Politik eine Übung, die aus Orwells 1984 stammen könnte. Frei nach dem Motto: Herrschaft, vermittelt mit der seichten Diktion der Unverbindlichkeit.

Gut, dass sich die Politikwissenschaftlerin Astrid Séville mit diesem Thema beschäftigt hat. In ihrem Buch mit dem Titel „Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft“ geht sie auf das Phänomen der Sprachverwendung von Herrschenden und der neuen Opposition ein. Sie fügt ein Puzzle zusammen, das durchaus Kausalitäten aufzeigt und die schlichte Auffassung, irgendwann seien die Barbaren aus ihren Löchern gekrochen und hätten alles auf den Kopf gestellt, ad absurdum führt. Die Barbaren bleiben auch in ihren Augen Barbaren, die Herrschenden und ihre Sprache werden jedoch als Mitverursacher der Krise ausgemacht. 

Séville schlägt einen Bogen von der rabiaten Figur der Margaret Thatcher, die ihre politischen Ziele mit berittener Polizei durchsetzte, bis hin zu Angela Merkel, die ihrerseits durch Enthaltung und den Aufenthalt im semantischen Nebel das zu erreichen sucht, was ihr vorschwebt. Bereits Thatcher sprach den berühmten Satz „there is no alternative“, der nach Séville zu einer TINA-Methode avancierte, die bekanntlich bis hin zu Merkel Bestand hat und von dieser mit ihrem Diktum, dass ihre Politik „alternativlos“ sei, auf die Spitze getrieben wurde. Fazit: eine solche Diktion, zudem unter Berufung auf den gesunden Menschenverstand, ist in einer Demokratie, in der es um die Aushandlung tragfähiger Kompromisse geht, unangemessen.

Die Autorin untersucht mehrere Metaphern, mit der sich die Regierenden in den letzten Jahrzehnten an die Wählerschaft gewendet und großen Schaden angerichtet haben. Da fehlen nicht die nicht gemachten Hausaufgaben, da fehlt nicht die legendäre schwäbische Hausfrau und da fehlt auch nicht die Schwarze Null. Abgesehen von der sich zum Teil offenbarenden antiquierten Pädagogik, handelt es sich um beabsichtigte Akte der brutalen Vereinfachung komplexer Zusammenhänge, die gerade in diesen Tagen von denselben Akteuren in der Auseinandersetzung mit den simplifizierenden Programmen der neuen Rechten reklamiert werden. 

Séville versäumt es nicht, die Anteile an der Sprachdiffusion von „oben“ nicht nur auf Merkel und Thatcher, sondern auch bei Figuren wie Tony Blair und Gerhard Schröder zu verbuchen. 

Zwar werden Unmut und abnehmendes Vertrauen durch die TINA-Politik des Neoliberalismus analysiert, aber die Gegenbewegung fällt in der kritischen Betrachtung nicht unter den Tisch. Begonnen mit der sehr treffenden Analyse des „Volkes“ als Chiffre für den Aufstand bis hin zu der Entlarvung des Mantels der Scheinheiligkeit („man wird ja wohl noch sagen dürfen“) über der braunen Ideologie in dem Kapitel „Die Unkultur des Disclaimers“. 

Um den Fokus richtig zu setzen, setzt Séville, die Partei für den demokratischen Verfassungsstaat ergreift, den Fokus auf das irrige Verhalten der Regierenden, die im Rahmen der Koalition in Berlin Kompromisse aushandeln, um sich aus Partei- oder Länderlogik am nächsten Tag wieder davon zu distanzieren. Sie nennt dieses Phänomen die dissonante Herrschaft. Genau dieser Missklang bleibt bei vielen hängen. 

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2 Gedanken zu „Sprache: Seichter Nebel und rohe Gewalt

  1. Pingback: Sprache: Seichter Nebel und rohe Gewalt — form7 | per5pektivenwechsel

  2. fibeamter

    Hat dies auf fibeamter rebloggt und kommentierte:
    Dieses Versagen der derzeitigen Regierung kann im Mai 2019 bestraft werden. Das europäische Parlament besitzt wenig Entscheidungsbefugnis lt. Urteil des BVerfG vom 26.02,2014- 2 BvE 2/13 zur Sperrklausel im Europawahlrecht. Es ist nicht notwendig, ein funktionsfähiges Parlament zu wählen. Daher können die „Volksparteien“ abgewählt und alle kleineren Parteien gewählt werden. Das Entscheidungsgremium der EU sind fast ausschließlich die Vertretungen der Mitgliedsländer im europäischen Rat bzw. die einzelnen Parlamente, die zustimmen müssen. Volle Gesetzgebungsbefugnis für das EU-Parlament ist nur in einem föderativen Bundesstaat Europa möglich. Vgl. hierzu http://www.wordpress.com – Bundesstaat Europa doch nicht so abwegig ?
    Oder die Diskussion bei Mehr Demokratie- AK europa-und welt

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