Der schwere Weg vom Objekt zum Subjekt

In Gesellschaften, die von Formulierungen wie der normativen Kraft des Faktischen zehren, ist es offensichtlich, dass sie an einem Mangel an Strategie leiden. Unsere Alltagserfahrung dokumentiert dieses Defizit in vielerlei Hinsicht. Einerseits wird die Faktizität dessen, was waltet, als Realität gepriesen, andererseits wird sehr viel von Strategie geredet. Letzteres speist sich aus der zutreffenden Wahrnehmung, mehr getrieben zu sein als selbst das Heft des Handelns in der Hand zu haben. Strategie ist ein Sammelbegriff für ein gefühltes wie reales Defizit geworden. Der Begriff drückt die tiefe Sehnsucht nach einer Orientierung aus, die denen, die sich immer mehr als Objekt und nicht als Subjekt sehen, tatsächlich fehlt. Das große Rätsel, welches sich mit dem beschriebenen Umstand stellt, ist die Frage, wie die Transformation vom Objekt zum Subjekt gelingen soll.

Menschen, die sich als Sklaven von Prozessen und Verhältnissen sehen, können aus dieser Passivität nur herauskommen, wenn es ihnen gelingt, die Verhältnisse, die sie entmündigen, fundamental zu kritisieren. Das wiederum ist nur zu vollbringen, wenn die Geschichte, die zu dieser Passivität geführt hat, aufgearbeitet wird. Wenn die Frage, warum sich Verhältnisse durchgesetzt haben, die den Menschen entmündigen und in die Rolle des Objektes zwingen, gestellt wird, muss auch beantwortet werden, welche Option die Opfer nicht gezogen haben. Die beklagte Realität als etwas hinzunehmen, das quasi aus dem Nichts und ohne das Zutun der Betroffenen selbst entstanden ist, schafft keine Abhilfe.

Nur wenn es gelingt, die eigenen Anteile der geduldeten Bevormundung zu dechiffrieren, besteht die Chance, zwischen dem zu unterscheiden, was selbst gemacht und was fremd bestimmt zu den Zuständen geführt hat. Wer die Eigenanteile an beklagenswerten Zuständen in der Lage ist zu identifizieren, hat die Möglichkeit, diese selbst abzustellen, indem das eigene Verhalten verändert wird. Einfach gesprochen: wer sich der normativen Kraft des Faktischen widersetzt und sie nicht als vom Schicksal gegeben akzeptiert, hat bereits den ersten Schritt gemacht.

Und wenn die Ablehnung der nebulösen Macht des Faktischen dazu führt, dass zu Sanktionen gegriffen wird, um die angeblich unpersönliche Faktizität am Leben zu erhalten, lassen sich die Interessen identifizieren, die hinter den Verhältnissen stehen, die von der Mehrheit als unglücklich angesehen werden. Wer Flagge zeigt, sieht auch bald die Flaggen derer, die Interesse an Entmündigung und an der Haltung von potenziellen Subjekten als Objekten haben. 

Es führt also kein Weg daran vorbei, den Eigenanteil an der Misere zu thematisieren und sich damit auseinanderzusetzen. Wer sich nur als Opfer fremder Mächte sieht, wird in der Rolle des Opfers bleiben. Das ist in einem Zeitalter, in denen Wohlfühl- und Komfortzonen als angestrebtes Lebensmodell gepriesen werden, eine durchaus bittere, aber eben auch heilsame Erkenntnis. Der tradierte Spruch alter chinesischer Militärs, der da lakonisch lautet „kennst du deine Feinde, kennst du dich selbst, hundert Schlachten ohne Schlappe“, bringt diesen Umstand auf den Punkt.

Es hilft also nichts. Wenn Strategien entwickelt werden sollen, die ermutigen und gleichzeitig ertüchtigen, muss der mühevolle Pfad der Selbstkritik beschritten werden. Und die Selbstkritik muss zu einer Veränderung der eigenen Haltung und der eigenen Verhaltensweisen führen. Geschieht dies nicht, bleibt das klagende Objekt in seinem beklagenswerten Zustand. Wer Subjekt sein will, muss raus aus der Komfortzone. In deutschen Landen eine unbequeme Wahrheit.   

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6 Gedanken zu „Der schwere Weg vom Objekt zum Subjekt

  1. Nitya

    „Wenn Strategien entwickelt werden sollen, die ermutigen und gleichzeitig ertüchtigen, muss der mühevolle Pfad der Selbstkritik beschritten werden. Und die Selbstkritik muss zu einer Veränderung der eigenen Haltung und der eigenen Verhaltensweisen führen. Geschieht dies nicht, bleibt das klagende Objekt in seinem beklagenswerten Zustand.“

    Das Haus brennt. Entwickle ich jetzt wirklich Strategien, die ermutigen und gleichzeitig ertüchtigen, muss ich den mühevollen Weg der Selbstkritik beschreiten,die zu einer Veränderung der eigenen Haltung und der eigenen Verhaltensweisen führen – oder lösche ich so den möglich das Feuer oder rufe die Feuerwehr oder/und renne fluchtartig das Haus? Oder kurz: iHANDLE ich hier und jetzt?

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Wilhelm, wir handeln immer hier und jetzt. Natürlich kann man sich nicht erst hinsetzen und alles bis ins Detail klären, bevor gehandelt wird. Die Trennung von Wort und Tat ist artifiziell! Auf zur Aktion!

      1. Nitya

        Irgendwo habe ich mal den Satz mal gelesen: „Während die einen noch diskutierten, schufen andere Tatsachen.“ Lieber Gerd, dein Einwand ist völlig berechtigt und ich bin von meinem Charakter her auch nicht der Hau-drauf-Typ. Aber es kommt halt immer auf den rechten Zeipunkt an. Es gibt eine Zeit, tiefgründig zu analysieren und zu diskutieren, und es gibt eine Zeit zu handeln. Mir scheint, dass es höchste Zeit für das Handeln ist – auch wenn es fehlerhaft sein sollte. Wir können nicht verhindern, Fehler zu machen. Aber das darf uns nicht vom Handeln abhalten. Deshalb, ja: Auf zur Aktion!

  2. Pingback: Der schwere Weg vom Objekt zum Subjekt — form7 | per5pektivenwechsel

  3. gkazakou

    „kennst du deine Feinde, kennst du dich selbst..“ Was ist blindes Handeln wert? Nichts. Man muss seinen Feind, seine Feinde kennen. Und da hapert es, wie die meisten Diskussionen zeigen. Da wird auf „Feinde“ eingeschlagen, da werden Stellvertreterkriege geführt, verbale und tatsächliche, und die Spieler im Hintergrund lachen sich ins Fäustchen.

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