Billigheimer und Plastiktütenimperialismus

Es ist Brauch, sich zu Anfang des Jahres Dinge vorzunehmen, die anders werden sollen. In einer Zeit und in einem Umfeld, in der und in dem die Konzeption von Plänen regelrechte Allergien auslöst, kann ein so kleiner Brauch regelrecht als Lichtblick gefeiert werden. Wir kennen die Halbwertzeit solcher Vorhaben jedoch alle. Es ist nicht immer so leicht, wie geplant. Aber darin besteht je gerade die Herausforderung. Im Privaten wie im Politischen. Mit den privaten Vorhaben meinerseits möchte ich nun wirklich niemanden langweilen. Was sich aus meiner Sicht politisch ändern müsste, ist sehr vieles. Aber wie im Privaten ist es auch in der Politik: Sich alles auf einmal in kurzer Zeit zu wünschen ist frustrierend. Meistens geschieht dann nämlich gar nichts. Also sollte priorisiert werden. Übrigens eine ganz wichtige Tugend, die in einem Biotop, das zunehmend treffend als Ad-On-Gesellschaft beschrieben wird, vielleicht die letzte Chance, es noch ein bisschen länger zu machen. Aber kommen wir zur Sache. Ich bin bescheiden und wünsche mir als politisch anzustrebende Veränderungen für das neue Jahr 2019 nur zwei Dinge.

Die erste Geschichte dreht sich um die Bezahlung von Arbeit in diesem Land. Zwei Nachrichten haben mir eine krasse Fehlentwicklung noch einmal deutlich vor Augen geführt. Pünktlich zum Jahresende wurden einige Untersuchungen und Bilanzen in den Radionachrichten kommuniziert. Eine davon war die Entwicklung der Bezahlung von Arbeit. Und da lautet die bittere Bilanz tatsächlich, dass mittlerweile nur noch 46 Prozent der Arbeit in Branchen mit Tarifverträgen auch nach den geltenden Tarifen bezahlt wird. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten werden also unter Tarif bezahlt. Das ist eine Entwicklung von 20 Jahren, in denen die mit am best organisierte Arbeitnehmerschaft der Welt über den Tisch gezogen wurde. Eingeleitet von Rot-Grün, fortgesetzt von Schwarz-Rot. Schwarz-Gelb, Schwarz-Rot. Ein Tipp an die SPD: dieser einzige Grund reicht aus für das Absinken in die Marginalität. So einfach kann die Welt sein.

So ist die einstige Republik der Sozialdemokratie zum europäischen Billigheimer degeneriert. In Frankreich, wo ein Mindestlohn von 12 Euro tatsächlich bezahlt wird, stehen die Schlachthöfe leer und werden die Weinlesen kaum eingefahren, weil niemand ein Dumping duldet und so die Arbeit nach Deutschland exportiert wird, wo rechtlose Osteuropäer für drei bis vier Euro das Messer an den Schweinehals legen. Fazit: Richtiger Lohn für geleistete Arbeit, gewerkschaftliche Organisation und Kampfbereitschaft. Vielleicht klappt es dann in den großen Branchen auch wieder mit der Innovation.

Der zweite Wunsch bezieht sich auf den systematischen Öko-Betrug. Auch in diesen Tagen waren zwei Informationen erhältlich. Die eine bezog sich auf die Staaten, die als die schlimmsten Verursacher der Vermüllung der Weltmeere für Plastik gelten. Natürlich waren es meistens asiatische Schwellenländer. Gleichzeitig sah man die Exportsteigerungsraten von Plastikmüll aus der Bundesrepublik in diese Länder. Deutschland – Indonesien, 2017, 6000 Tonnen, 2018, 49000 Tonnen. Nur ein Beispiel. wer noch fragen hat, siehe sich an, wohin die hier entsorgten Dieselfahrzeuge bewegt werden: Sie werden auf dem osteuropäischen Markt verhökert. Die Emissionen bleiben dem Planeten erhalten, die deutsche Öko-Bilanz wird verbessert. Der Plastiktütenimperialismus hat Hochkonjunktur.

Ich wünsche mir das Ende des Billigheimers und das Ende des Plastiktütenimperialismus. Mehr nicht. Mal sehen, was daraus so alles resultieren kann. Und mal sehen, wer sich diesem Wunsch anschließt.

Werbeanzeigen

4 Gedanken zu „Billigheimer und Plastiktütenimperialismus

  1. Pingback: Billigheimer und Plastiktütenimperialismus — form7 | per5pektivenwechsel

  2. gkazakou

    Frohes Neues Jahr! Gerne schließe ich mich diesen beiden Wünschen an. Ändern wird das freilich auch nichts. Wie soll man die Milliarden für die Rüstung aus den Menschen rauskloppen, wenn man nach Tarif bezahlt?

  3. autopict

    Ja, irgendwie schon. Aber auch nicht.
    Der erste Punkt ist vielleicht ein 2-schneidiges Schwert wie man so schön sagt. Ich kenne den Bericht nicht, jedoch bedeuten 46% Tarifbezahlung nicht automatisch 54% Unter-Tarif-Bezahlung. Die Frage stellt sich, was die Statistiken eben nicht sagen. Ein paar gibt es auch, die gehen übertariflich aus dem Rennen, aber ich schrieb es bereits, es handelt sich wohl nur um ein paar.
    Evtl. sehe ich das für den Großraum Stuttgart fehlerbehaftet (was ich nicht glaube, eher unvollständig): die Tarifstrukturen führen jedoch in den Branchen ohne Tarif letzten Endes überwiegend zu Benachteiligungen und auch hier zur Spaltung zwischen tariflich bezahlten Arbeitnehmern und dem Rest. Gerade die Tarife der IGM und der Automobilbranche mit Extras wie teils 5-stelligen Jahresprämien sowie kostengünstige Autonutzung treiben nicht wenige Tränen in die Augen.
    Wer hier selbst einer anspruchsvollen und eigentlich nicht schlecht honorierten sinnvollen Arbeit ohne vorhandenen/umgesetzen Tarifvertrag, vielleicht noch in einem Kleinbetrieb nachgeht, zieht den kürzeren. Das beginnt bei nahezu unbezahlten Überstunden und endet damit, dass man sich Wohneigentum wegen überhöhter Preise nicht mehr leisten kann. Ein Berufseinstiegsgehalt von 60T/a mit Mitte/Ende 20 bei einem namhaften Autoproduzenten lässt da wenig Fragen offen und lässt selbst gut ausgebildete und gef/o/ö/rderte Menschen nahezu hinten runter fallen. Und ja: ich kenne die Sprüche: dann musst du halt, dann mach halt, usf. Persönlich würde ich den einen oder anderen Vertreter der Gewerkschaften gerne von Zeit zu Zeit zusammen mit mancher plumpen Politprominenz in einen Sack stecken und das Übrige tun.
    Auf der anderen Seite führt diese Kritik zu einer möglichen Gesamtregulierung, auch nicht super.
    Reduziert auf die schlecht bezahlten Tarif gebundenen Tätigkeiten bin ich dann aber dabei.
    Ansonsten kann ich den schwarz-weiß-Beschreibungen zunehmend weniger folgen. Das alles ist nur noch eine vermatschte Grauzone.
    Ansonsten: ein gutes neues Jahr wünsche ich.

  4. Alice Wunder

    Richtig! Wird Zeit, dass die Ukraine endlich heim in die EU geholt wird, damit die Billigarbeit unter unserer fürsorglichen Oberaufsicht im Ursprungsland bleibt. Dann geht hier nicht mehr soviel Produktivkraft beim Bilanzfälschen verloren.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.