Misanthropen aufs Schafott!

Immer wieder muss ich schmunzelnd an den Priester zurückdenken, der uns in meiner Schulzeit als Religionslehrer zugewiesen wurde. Es war ein damals junger, übergewichtiger Mann, der stets gemessen auftrat, aber durchaus über Humor verfügte. Wir mochten ihn, weil er jede Frage zuließ und keine Tabus akzeptierte. Ab und zu lud er uns zu sich nach Hause ein, wo es immer gutes Essen und auch Bier und Schnaps gab. Es kam nie zu irgendwelchen Vorfällen, sondern die Abende bleiben allen als gelungene Veranstaltungen in Erinnerung. Das einzige, was uns anfänglich überraschte, war die Offenherzigkeit des Mannes hinsichtlich seiner eigenen Schwächen. Gleich bei unserem ersten Treffen und nach dem dritten Bier begann er einen Choral zu anzustimmen, indem er die folgenschweren Zeilen preisgab: Ich neige zu Trunksucht und Völlerei!

Was dieser Mann, der den Weg, den er ging, aus freien Stücken gewählt hatte und der sich dessen bewusst war, mit welchen Einschränkungen die Entscheidung seines freien Willens verbunden waren sich vorbehalten hatte, war das Recht auf eine Kompensationshandlung, die nicht dem Regelwerk seiner Institution entsprach. Weder der Alkoholrausch noch die dauerhafte Einnahme üppiger Speisen gehören zum Kodex der katholischen Kirche. Und, obwohl gerade diese Institution das Urheberrecht auf die Institution der Heiligen Inquisition erheben kann, diese katholische Kirche hat sich hochgearbeitet zu einer Toleranzstufe, indem sie und ihre Vertreter zumindest inoffiziell von lässlichen Sünden spricht.

Warum ich das erzähle? Weil ich glaube, dass wir, die so moderne und aufgeklärte Gesellschaft, es verlernt haben, lässliche Sünden zu akzeptieren. Gerade gestern noch berichtete ein junger Wissenschaftler, der sich an einem renommierten Institut mit dem Prozess der Digitalisierung aller Lebenswelten befasst, dass derzeit in Berlin alles, was zu diesem Thema gedacht werden könne, mit der Ethikkeule erschlagen werde. Nun sind ethische Fragen immer berechtigt, wenn sie jedoch alles dominieren, befinden wir uns jedoch bereits auf dem Vorhof der Doktrin.

Pfarrer Alfons, so hieß der eingangs erwähnte sympathische Mann, rauchte übrigens nicht. Aber allein das Rauchen, das Trinken, das Essen, die Art Fahrrad zu fahren etc., also alles, was ein vernünftiges Wesen in den glorreichen Zeiten des Aufbruchs der Moderne selbst bestimmen konnte, sind einer argwöhnischen und doktrinären Begutachtung unterlegen. Eine Formulierung wie die der „lässlichen Sünde“ findet in der totalitären Sprache der neuzeitlichen Inquisition gar nicht mehr statt. Es hat den Anschein, als wäre die Nation nach 15 Jahren der großen Koalition unter christdemokratischer Führung gesellschaftlich dort angekommen, wo die Kirche schon nicht mehr war. Ein beklemmenderes Resümee lässt sich kaum anstellen.

Es ist, wie immer in Zeiten gesellschaftlicher Erstarrung, nun an der Zeit, dass sich das mutige Individuum wieder zu Wort meldet und dem folgt, was ihm auch Spaß macht und gut tut. Nein, ihr Krähen der argwöhnischen Beobachtung, nicht auf dem Rücken anderer, sondern gerade dort, wo die Souveränität des Individuums liegt: Im Hinblick auf die eigene Sache. Der allgemeine Zustand der Misanthropie, der aus jeder nur erdenklichen Perspektive beobachtet werden kann, muss abgelöst werden durch eine aggressive Verbreitung von Lust und Freude. Die Devise, nach der ein Neuanfang beginnen kann, muss, und natürlich rein metaphorisch, lauten: Misanthropen aufs Schafott!

3 Gedanken zu „Misanthropen aufs Schafott!

  1. Nitya

    Als ich deinen herrlichen Beitrag las, lieber Gerd, musste ich an einen Besuch beim Kardiologen denken, einem drahtigen Fünfziger, der jede freie Minuten mit seinem Fahrrad irgendwelche Rennen mitmachte. Nach seiner Untersuchung zauberte er sehr bedenkliche Dackelfalten in sein Gesicht und machte mich darauf aufmerksam, dass ich bei meinem Lebenswandel wohl nicht mehr lange zu leben hätte. Also strenge Diät, Verzicht auf alle Genussmittel und Sport, Sport, Sport. Ich sagte zu ihm: „Schauen Sie mich an Herr Doktor. Ich bin fett, faul und gefräßig. Glauben Sie im Ernst, dass das mit mir noch was werden kann?“ Er starrte mich völlig irritiert an, der Unterkiefer fiel ihm fast aus dem Gesicht, dann brüllte er vor lauter Lachen und entspannte sich von jetzt auf gleich. „Mit der Lebenseinstellung können Sie auch steinalt werden“, sagte er schließlich grinsend und verabschiedete mich herzlich. Askese und Selbstgeißelung scheint schon lange keine Domäne der katholischen Kirche mehr zu sein.

  2. Alice Wunder

    Eine nicht gern gehörte Wahrheit: Die Hölle ist voller Protestanten, die sich selbst verurteilt haben, während die Katholiken nach Beichte und Absolution samt und sonders freie Kost und Logis im Himmel genießen. Aber erklär sowas mal einer Preußens Geisteskindern.

  3. monologe

    Naja – schön, solange die Katholiken das Sexuelle außen vor gelassen hätten. Damit haben sies versaut. Man könnte meinen, damit haben sie mehr als nur Genuss und Lebensart den moralinsauren Geisteskindern und Zuchtmeistern Preußens überlassen. Die freuen sich auch, wenn die Kindelein kommen, die Kleinen. Wenns in ihrem Sinn ist, schaudert es auch sie, und es ist kein Schuleschwänzen. Milde, Rührung, Wahlrecht ab 16?

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