Lebensmut speist sich aus Zukunft

Es kursieren immer wieder dieselben Geschichten über die Atmosphäre, die herrschte, wenn Systeme untergingen. Sehr anschaulich sind die, die erzählt werden von den letzten Zügen des deutschen Kaiserreiches. Da ist vielleicht der letzte, unwissende Spott des deutschen Kaisers zu erwähnen, der angesichts des bereits mit den illoyalen Kräften operierenden Cousins, dem Prinz Max von Baden, lediglich vom Bade-Max sprach und sich wiehernd auf die Schenkel schlug.

Das so genannte Dritte Reich war von Anfang an so dekadent, dass es sich kaum noch steigern konnte, zumal der totale Krieg die situative Pestilenz gar nicht mehr so zum Zuge kommen ließ. Vielleicht beeindruckte da noch die Haltung von Goebbels Frau, die im Moment des Untergangs, zusammen mit ihren Kindern in feierlicher Stimmung bei Mann und Führer sein wollte. Das war heroisch, so eindimensional borniert Heroismus eben auch sein kann.

Und dann gibt es noch die Geschichten aus der DDR, besser gesagt, den wiederum letzten Tagen, die dadurch geprägt waren, dass niemand mehr die Initiative ergriff, auch wenn die Optionen naheliegend waren. Da saßen Arbeiter in einer defekten Straßenbahn, morgens um Fünf, und warteten zwei Stunden auf den Reparaturdienst, obwohl sie hätten nur noch aussteigen und die letzten hundert Meter zum Werkstor gehen müssen.

Oder, um noch einmal auf ein richtig großes Ereignis zurückzublicken, da ging der letzte König Frankreichs, dessen gesalbtes Haupt kurze Zeit später abgetrennt in einem Weidenkorb landete, morgens auf die Jagd. Am selben Tag erstürmten drüben in der Stadt Paris die aufgebrachten Massen die Bastille. Und was schrieb der Unglückselige abends in sein Tagebuch? „Drei Hasen, zwei Fasanen.“

Wenn das Profane so ausgeprägt ist, dass das Große, womit eine fortschreitende Gesellschaft die Zukunft assoziiert, keinen Platz mehr hat, dann gewinnen Phänomene wie die erwähnten Überhand. Zu beobachten ist dann auch, dass der Missmut vieler wächst, erst heimlich, still und leise, später anwachsend grollend. Und auf der anderen Seite flüchten immer mehr Menschen in Spezialwelten, die nicht selten ein gehöriges Aroma von Dekadenz versprühen. Während die einen in den Abfalltonnen wühlen, um ihr Leben zu bereichern, legen die anderen tausende von Euro auf den Tisch, um für eine Mahlzeit Trüffel zu kaufen oder ein erlesenes Fläschchen Wein dazu zu trinken. Nicht, dass das nicht etwas Feines sein kann! Es fällt nur auf, dass das Auseinanderdriften der Existenzen etwas von der Agenda streicht, das jede Gesellschaft braucht: den Konsens.

Aus Zukunft und ihrer Perspektive speist sich Lebensmut. Folglich ist es naheliegend, dass eine Gesellschaft, die sich nicht mehr mit der Zukunft befasst, den Lebensmut verloren hat. Die Spezialität einer solchen Gesellschaft ist es, auf der einen Seite die Stimmung derer zu nähren, die sich nichts mehr wünschen, in einem finalen gewalttätigen Bacchanal mit allem abrechnen zu wollen, was den vorhandenen Verdruss genährt hat. Auf der anderen Seite wächst die Anzahl derer, die auf eine letzte, große Befriedigung hoffen, bevor alles verloren geht. Es handelt sich in diesem Falle um die Gier vor dem endgültigen Absturz.

Wem das im aktuellen Zeitgeschehen in irgendeiner Weise bekannt vorkommt, der ist was? Ein Defätist, oder ein Zyniker? Lebt er oder sie überhaupt noch?

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2 Gedanken zu „Lebensmut speist sich aus Zukunft

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