Das Superioritätsgefühl gegenüber noch kleineren Würstchen

Der Spiegel berichtet über eine Studie des Sozialpsychologen Oliver Deckert, der sich mit der Psychostruktur von Rechtsradikalen in Deutschland befasst hat. Die Quintessenz deutet auf einen starken Drang nach Unterordnung hin, was dem Bericht auch den Titel gab. Das ist sicherlich interessant, aber nun wirklich nichts Neues. Wer das viel pointierter und knalliger lesen will, der möge sich noch einmal die „Die Massenpsychologie des Faschismus“ des so schillernden und tragischen Wilhelm Reich beschaffen. Darin steck mehr Essenz als die Reduktion menschlichen Verhaltens in Bezug auf bestimmte Stimuli, es ist der gelungene Versuch, das Konzept der faschistischen Massenmobilisierung in Bezug auf menschliche Grundmuster zu dechiffrieren. Derartig radikale politische Ansätze sind allerdings in den gegenwärtig praktizierten Wissenschaften nicht en vogue.

Was mich bei dem erwähnten Artikel allerdings stört, das ist diese leicht arrogant näselnde Art, in der über die untersuchten Objekte berichtet wird. Nicht, dass vieles nicht zuträfe. Aber die Erzählung wird unterbreitet mit einer Note, die besagt, dass hier die kritische reflektierte Leserschaft versammelt ist und sich dort die deutsch-nationalen Dumpfbacken tummeln, die nichts kapieren. Es wäre dagegen ein Anlass für Freudenfeste, wenn daraus so etwas wie eine selbstkritische Reflexion resultierte, die versuchte, psychologische Wirkungsweisen von Unterdrückung auch auf andere Lebensbereiche auszudehnen. 

Was vielleicht kryptisch daherkommt, ist die einfache Überzeugung, dass gerade der Drang nach Unterordnung, der bei den Rechtsradikalen vielleicht psychopathologische Dimensionen annimmt,  ebenso ein Massenphänomen in der heutigen bundesrepublikanischen Gesellschaft ist. Wo wird denn gegen die Positionen der Obrigkeit öffentlich gestritten, wo wird das Recht auf Dissens in einem ur-demokratischen Sinne gelebt? Das Gerede von der Alternativlosigkeit wird seit langer Zeit hingenommen, die Narrative für eine schlechte Politik, die mit Feindbildern und verquasten  Dogmen arbeiten, erhalten kaum Widerspruch. Wer es dennoch wagt, der ist schnell geächtet und landet bezüglich seiner gesellschaftlichen Reputation schnell an Rändern, zu denen er nicht gehört. 

Distanziert betrachtet hat der medial vermittelte gesellschaftliche Konsens etwas Inquisitorisches erhalten. Und kommen wir einmal auf die eingangs erwähnte Studie zurück, so haben wir es hier, im Moment, eher mit dem zu tun, was der ebenfalls bereits zitierte Wilhelm Reich so vortrefflich in seiner „Rede an den kleinen Mann“ beschrieben hatte: An ein Phänomen der Massenunterwerfung, das den Faschismus erst möglich gemacht hat. Dieses selbstgefällige Wursteln zwischen der gefühlten eigenen Benachteiligung und der vermeintlichen Überlegenheit über andere, noch kleinere Würstchen. Genau das ist der Tenor des Artikels. Und somit ein alarmierendes Symptom für die existierenden Bewusstseinsströme. Ein Bericht über das psychische Elend einer politisch radikalisierten Gruppe wird benutzt um an das Superioritätsgefühl des Kleinbürgers zu appellieren, der seinerseits genauso zu beklagen ist wie die untersuchte Zielgruppe.

Es wäre an der Zeit, sich genauer die Mechanismen anzusehen, die bei der gegenwärtigen Durchdringung der Gesellschaft durch einen unkritischen Mainstream wirken. Die Institutionen, die dabei eine Rolle spielen, sind bekannt. Die Wirkungsmechanismen in Innern derer, die an der Nase herumgeführt werden, das Spiel aber mitspielen, müssen von Interesse sein.

Und, lesen Sie noch einmal Wilhelm Reichs „Rede an den kleinen Mann“! Das hilft gegen die Arroganz!

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10 Gedanken zu „Das Superioritätsgefühl gegenüber noch kleineren Würstchen

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    1. Nitya

      Der Faschismus lässt sich nicht BEZWINGEN.

      Wer die „Massenpsychologie des Faschismus“ und „Hör zu kleiner Mann“ und vieleicht sogar „Christusmord“ von Wilhelm Reich gelesen und verstanden hat, wüsste das.

      1. alphachamber

        Hallo Nitya,
        Ich freue mich aufrichtig wieder von Ihnen zu hören.
        Sie haben recht, der Faschismus lässt sich nicht bezwingen, genauso wenig wie die anderen Attribute menschlicher Gemeinschaften. Aber die Versuche sind, wenigstens seit ’45, enorm populär. Habe Reich (MdF) zwar gelesen, brauchte ihn aber nicht, um das zu begreifen; Sie?

        [OT: Auf Ihrer Webseite erscheinen verschiedene Portraits (im Wechsel), von Persönlichkeiten an denen Ihnen offensichtlich liegt; darunter auch Max Stirner. Es interessiert mich, was Sie von seinen Werken halten und warum.] Vielen Dank, HG

      2. Nitya

        Wir haben es ja schon miteinander versucht. Wir konnten zusammen nicht kommen – das Wasser war vi-ie-iel zu tief … 🙂

  2. alphachamber

    @Nitya,
    Warum haben Sie dann auf unseren Kommentar geantwortet?
    Sie dürfen annehmen, dass wir uns auf diesem guten Blog nicht unbedacht äußern. Wir ‚zusammenkommen‘ sicher nicht in allen Bereichen; Stirner schätze ich selbst überaus und wüsste gerne, wie er in Ihre Welt passt.

    1. Nitya

      Lieber Gerd, ich hoffe du verzeihst mir, dass ich jetzt doch nochmal kurz deinen guten Blog für eine Antwort missbrauche.

      @alphachamber

      Also erstmal, ich rede eigentlich nicht gerne mit einem „Wir“. „Wir“ ist einmal eine reine Fiktion und darüberhinaus gehe ich davon aus, dass ich immer mit derselben Person spreche, die sich alphachamber nennt und sich gleichzeitig hinter einer mir unbekannten Gruppe versteckt.

      Was ich annehmen möchte, müssen Sie mir nicht vorgeben, das müssen Sie schon meiner Beurteilung überlassen. Stirner würde sich bei Ihrer Formulierung im Grabe umdrehen. Ich habe Ihren Kommentar als alles andere als wohl bedacht empfunden, sonst hätte ich nicht so darauf geantwortet,wie ich darauf geantwortet habe. Dass hier eine ganze Gruppe sich für dies Formulierung entschieden hat, macht die Sache für mich ganz sicher nicht besser. Aber das soll Ihrer Selbstbeurteilung nicht im Wege stehen. Da es hier um den guten Blog von Gerd Mersmann geht und nicht um meinen Blog, werde ich auf Ihre Frage, wie Max Stirner in meine Welt passt sicher nicht eingehen. Er passt in meine Welt und zwar ausgezeichnet. Mehr ist aus mir heute nicht mehr rauszuholen.

  3. Bludgeon

    Bezugnehmend auf den überbordenden Hang zu Unterordnung und Personenkult: „Führe du, ich will nicht mehr denken!“ nun das Folgende: Man braucht da gar keine Standartliteratur. Nur offene Augen und ein wenig DDR-Erfahrung: Neulich vor ungefähr 3 Wochen stieg eines Freitags einer ins Talkshow Gestühl des NDR hernieder, der nahezu kniend empfangen ward. An seinen Lippen hing die dort versammelte Prominenz aus Funk und Fernsehen und jede seiner Small Talk Floskeln mit der Botschaft“ Ich fühl mich gut!“ ward als letzte Weisheit empfangen mit AAAAA und OOOOO und fleißiglich beklatschet. Sein Name: St. Herbert G., Bruder eines Mediziners. Drittes und wichtigstes Drittel der deutschen Dreifaltigkeit: Goethe Gottschalk Grönemeyer. Oder einfach kurz zusammengefasst. Es war kein Nazi in der Runde, aber es war widerlich.

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