Irrpfade

In der Spiegel Online-Ausgabe vom 25. März findet sich eine Kolumne, die in das Journal einer an Selbstüberschätzung leidenden Auffassung in die dokumentierte Geschichte eingehen wird. Titel wie Inhalt dieser Kolumne sind in jeder Hinsicht aufschlussreich, der Autor sei hier nicht namentlich erwähnt, die Leserschaft möge das als eine Art humanitären Akt betrachten. Das „Brexit-Debakel“ wird im Titel konkretisiert: „Unfähig, aus Fehlern zu lernen…“ 

Nach der Lektüre des Textes fragte ich mich, ob es bei der titularen Feststellung nicht um die Position des Autors ginge, und dieser stellvertretend für eine Nation oder eine Klasse, die vorgibt, diese Nation zu vertreten. Wer so wie der Autor die Welt betrachtet, hat Maß und Mitte verloren und bestätigt alles, was der Größenwahn der eigenen Kritik vorwirft: Respektlosigkeit, Verschwörungstheorie und den Unwillen, andere Auffassungen zu verstehen.

Der Inhalt der Kolumne ist sehr schnell zusammengefasst: Diejenigen, die den Brexit in Großbritannien betrieben oder unterstützt haben, sind hirnkrank und/oder russische Agenten. Das ist weder kaschiert noch geschickt verpackt, es steht da so in einem Organ, das sich einmal als Korrektiv der Demokratie verstand und in dem sich nun schäbiger Journalismus weidet, der selbst diesen Namen nicht verdient hat. 

Eine Kolumne im Spiegel hat nun nicht mehr die Wirkung, wie sie noch bei einer anderen Qualität des Mediums selbst und bei einer schlichteren Medienlandschaft insgesamt gehabt hätte. Was dieser Kolumne Gewicht verleiht, ist der Konnex zu der in Politik wie Medien weit verbreiteten gleichen Auffassung. Wer es wagt, an den bestehenden Verhältnissen in der EU Kritik zu üben, wer mit den Taten und Absichten der Bundesregierung nicht übereinstimmt und wer die außenpolitischen Schachzüge derselben als unangemessen erachtet, der muss, so die gängige Meinung, entweder massive Probleme mit dem eigenen Denkapparat haben, oder er ist das Opfer eines dämlichen Populismus oder, Gott bewahre, gleich ein gekaufter Agent von Putin.

Vieles dieser grausam schlichten Logik verleitet zu einer Retourkutsche. Doch das bringt natürlich keine Lösung. Wer allerdings mit einer solchen Logik unterwegs ist, mit dem ist im Sinne einer positiven Gestaltung nicht mehr viel anzufangen. Umgangssprachlich wird das, was als Massenphänomen in Regierung wie Medien an Haltung anzutreffen ist, als „verrannt sein“ bezeichnet. Das heißt, die Verfechter dieser Weltsicht haben sich mit hohem Tempo auf einen Ab- oder Sonderweg begeben, aus dem sie nicht mehr herausfinden. Von dieser Art von Sonderweg, den man in diesem Falle auch getrost den Irrpfad nennen könnte, war eigentlich immer die Rede, wenn von einem deutschen Sonderweg gesprochen wurde. Der ist seit einiger Zeit eingeschlagen, alternativlos, versteht sich.

In seiner Abhandlung über einen zeitgenössischen Ökonomen, Eugen Dühring, der der Sozialdemokratie große Sorgen bereitete, setzte sich Friedrich Engels mit den Thesen des Genannten auseinander. In seinem Schlusswort jedoch sprach er davon, neben der vielen Politik und Wissenschaft müsse auch einmal ein menschliches Urteil erlaubt sein. Seine Quintessenz hieß: Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn. 

Warum mir diese Geschichte einfiel? Ich weiß es nicht. Die Haltung, die die erwähnte Kolumne verrät, ist jedoch dazu geeignet, andere, die sich erlauben, eine andere Sicht der Dinge zu haben, deutlich zu maßregeln. Der gegenwärtige Zustand der Bundeswehr ist wohl das einzige Hindernis. 

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2 Gedanken zu „Irrpfade

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