Der richtige Zeitpunkt

Eine der Weisheiten, die immer wieder bemüht werden, lautet schlicht, dass alles eine Frage des Zeitpunktes sei. Die schnell Getakteten nennen es Timing. Will heißen, wer zum richtigen Zeitpunkt das Richtige tut und zudem am richtigen Ort ist, hat alles richtig gemacht. Oder anders herum, wer das Richtige zur falschen Zeit macht, kann dennoch scheitern wie derjenige, der das Falsche im richtigen Moment bemüht. Das ist kein geistiges Wirrwarr, sondern eine der spannendsten Aufgaben in der  menschlichen Existenz. Oder, wie es Luis Cesar Menotti, der Philosoph des argentinischen Fußballs, so wunderbar auf den Punkt gebracht hat: Im Leben geht es immer um Raum und Zeit. Ales andere ist sekundär.

Nehmen wir diese Fragestellung und deklinieren sie bei der Betrachtung der Felder, in denen wir uns bewegen, durch. Schnell kommen wir zu dem Resümee, dass die These Wucht besitzt. Wenn ich mein bisheriges Leben Revue passieren lasse, komme ich sehr schnell zu Analysen, an deren Ende immer steht: zu früh, genau zum richtigen Zeitpunkt, zu spät. Ich rate dazu, die Übung zu machen, die Ergebnisse sind bestechend. Und andererseits, auch bei der Betrachtung anderer Themen haben wir es hier mit der alles entscheidenden Dimension zu tun.

Manche Herausforderungen, die angenommen werden, kommen einfach zu früh, weil bestimmte Erfahrungen noch nicht gesammelt wurden, und die Fehler, die begangen wurden, Kollateralschäden verursachten, die die Vorteile überstiegen. Oder es wurden Aufgaben angenommen, obwohl die eigene Zeit dafür vorbei war und das Bild eines lebenden Anachronismus abgegeben wurde. Das lässt sich verfolgen, im täglichen Leben, und es ist immer gut zu beobachten. Von der Arbeit bis zur Mode. Die Frage ist immer präsent: Passiert da etwas zum richtigen Zeitpunkt oder nicht?

Neben dem besten Material, das wir haben, nämlich dem eigenen Leben, lässt sich die Frage auch an dem abarbeiten, was wir im Allgemeinen die Politik nennen, weil wir alle dabei eine Rolle spielen und alle eine Einstellung dazu haben. Selbst wenn wir glauben, wir hätten keine. Aber auch das ist eine.

Und dann beobachten wir einmal die Schlagwörter, die viele von uns bewegen: Automobilindustrie, Umwelt, Steuerpolitik, Militärpolitik, Internationale Beziehungen, Bildung, Gesundheit, Arbeit, Renten. Sie sehen, egal was, wir haben dazu eine Meinung und wir wissen, zumindest aus unserer Sicht, ob das Thema zu früh in der Bearbeitung ist, ob anachronistisch damit umgegangen wird, d.h. ob es zu spät behandelt wird oder ob der Zeitpunkt genau richtig ist, was wiederum heißt, dass sich die richtigen Leute am richtigen Ort zur passenden Zeit damit befassen. Und dann kann kategorisiert werden: Wo ist unsere Gesellschaft Avantgarde, wo ist sie passend in Charge und wo ist sie Antiquität? Das ist spannend, und das Ergebnis ist aufregend. Und wichtig: Ihre Analyse sollte Konsequenzen auf Ihr weiteres Vorgehen haben.

Meine These ist, dass wir kaum Avantgarde sind und in vielerlei Hinsicht Antiquität. Das können wir uns nicht länger leisten. Aber die Muße zur Analyse sollte dennoch sein. Denn die Investition in eine gute Analyse zahlt sich später immer durch ein Moment der Beschleunigung aus.

Als spirituelle Hilfe bei der anzustellenden Überlegung biete ich drei Titel aus der Musik an: Never Make Your Move Too Soon, B.B. King, Just In Time, Nina Simone und Don´t Wait Too Long, Madeleine Peyroux. Sie werden das Unbewusste inspirieren. Viel Erfolg!

Werbeanzeigen

7 Gedanken zu „Der richtige Zeitpunkt

  1. Pingback: Der richtige Zeitpunkt — form7 | per5pektivenwechsel

  2. Bludgeon

    Seh ich pessimistischer. Deshalb der musikalische Gegenentwurf:

    Stones – Time waits for no one;
    Billy Bragg – Days like this (wearin‘ badges is not enough….)
    Joe Strummer – redemption songs (we got to fullfill the book); resigniertere Version als bei Bob Marley

    Wie lange schon wird von Einigkeit und Recht und Freiheit, von Wertegemeinschaft, von Krönung der Schöpfung geschwafelt? (Irgendwann müsste es dafür doch mal einen günstigen Zeitpunkt gegeben haben!) Und dann frag Maschmeyer, was er davon hält. Oder Merz, oder Meuthen…(MMM = DDR-Deja vu: Messe der Meister von Morgen; und gallig GRINS!)

    Hoffen wir ernsthaft auf die „Durchschlagskraft“ eines Habeck? Oder Schulz? Könnte die Kipping was retten?

    Immer, wenn ich soweit gekommen bin, zieh ich die Notbremse und sage mir: Geh grillen, Baby.

  3. gkazakou

    die Griechen hatten für den günstigen Moment extra eine Gottheit: Kairos! Eukairia ist entsprechend die günstige Gelegenheit, der richtige Moment.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.