Brennt alles nieder!

Notre-Dame de Paris stand in Flammen. Das Ereignis hat eine Diskussion entfacht, die es in sich hat und zeigt, wie gewaltig die Krise der europäischen Identität gediehen ist. Es geht mehr als nur um ein Gebäude. Es geht um nationale und europäische Befindlichkeiten, es geht um Vertrauen und Zuversicht. Der bestürzende Befund ist schlimmer als die angebrannte und eingestürzte Kathedrale. Von allem, weder von der Identität und dem Selbstbewusstsein, noch vom Vertrauen und der Zuversicht ist nicht mehr viel übrig. Und ohne das in der gesamten Tragweite zu überblicken, haben es viele Menschen beim Anblick des Brandes gespürt. Unheil liegt in der Luft. Und wer es leugnet, macht es nur noch schlimmer.

Die Reaktionen selbst reichen, um den Befund zu erhärten: Die einen weinen um die brennende Kirche und das, was sie den Franzosen in der Vergangenheit bedeutete, die anderen spotten über das Symbol des Katholizismus und zählen akribisch auf, wie viele Kulturdenkmäler in aller Welt durch den französischen Kolonialismus und Neo-Kolonialismus bereits vernichtet worden sind. Und es wird darauf hingewiesen, wie die westliche Sentimentalität in diesem Falle wohl von denen, sagen wir einmal den Bewohnerinnen und Bewohnern Aleppos aufgenommen wird, nach deren Schicksal kein französischer Hahn kräht, obwohl in Aleppo bereits eine Hochkultur herrschte, als in Paris noch der Schweinemarkt die größte Attraktion war. Und es wird natürlich darauf hingewiesen, mit welcher Leichtigkeit einzelne Individuen so mal eben 100 Millionen Euro auf den Tisch werfen, während 18 Millionen Franzosen mittlerweile als arm gelten. Wie insgesamt die Spendenerklärungen nach zwei Tagen bereits die Milliardengrenze durchbrachen, während der Brand des brasilianischen Nationalmuseums von einem Jahr bis heute 2,3 Millönchen als Unterstützung hervorgerufen hat.

Das alles zeigt, wie heterogen die Perspektiven sind, was nicht schlimm sein muss, wenn es einen Konsens darüber gibt, worin das kulturelle Erbe besteht und was getan werden muss, um es positiv zu pflegen. Während Präsident Macron die Brandkatastrophe, ganz im Sinne des findigen Parvenüs, als Gelegenheit begreift, wieder eine Gemeinsamkeit im zerrissenen Land herzustellen, sind die Bessermenschen und Inquisitoren östlich des Rheins noch schlimmer abgestürzt. Da werden Bilder des Malers Emil Nolde im Kanzleramt wieder abgehängt, weil jetzt, fast achtzig Jahre danach, herausgekommen ist, dass Nolde mit den Nazis sympathisiert hat. Anstatt die Zerrissenheit besonders der deutschen Kultur dadurch zu dokumentieren, dass im Kanzleramt zusätzlich Bilder von jüdischen zeitgenössischen Künstlern wie von kommunistisch inspirierten Realisten neben die Werke Noldes gehängt würden, kommen sie in den Keller. So entsteht keine Auseinandersetzung mit dem Erbe, mit dieser Auffassung wird das Erbe dekretiert. Übrig bleibt das große Nichts, das nichts vermittelt außer der beklagten Orientierungslosigkeit.

Notre-Dame de Paris ist ein Fanal, im wahren Sinne des Wortes. Es ruft geradezu dazu auf, in eine heftige, aktive Auseinandersetzung darüber zu gehen, was die tatsächlichen kulturellen Errungenschaften der europäischen Zivilisationen anbetrifft. Die schaurigste Figur im Moment gibt die deutsche Bundesregierung ab, die lediglich weiß, dass sie mit ihrem Halbwissen immer Recht hat und immer moralisch im Recht ist. Ginge es nach ihr, so würde auch moniert, dass Notre-Dame de Paris von patriarchalischen, rechten, papistischen Drecksäcken erbaut wurde und der Brand das gerechte Urteil der Geschichte sei. Man müsste nur hartnäckig genug fragen, um eine derartige Antwort zu bekommen. Eine Haltung, die das tatsächliche Erbe der europäischen Zivilisation derzeit bis auf die Grundmauern niederbrennt.

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5 Gedanken zu „Brennt alles nieder!

  1. almabu

    Ein Debakel der planerischen Unfähigkeit, vielleicht? Man hört bisher sehr wenig über über präventiven Brandschutz bei dieser Renovierungsmaßnahme, aber jeder Beteiligte bekommt seine Ehrenmedaille von Macron persönlich umgehängt und Schwamm drüber…

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