Das Schweigen am 8. Mai

Das nimmt jetzt alles Formen an, die auf dramatische Entwicklungen hindeuten. Da fährt ein französischer Staatspräsident, eskortiert von Schutztruppen, durch menschenleere Champs-Élysées und feiert den 8. Mai, den Tag der Befreiung und das Ende des II. Weltkrieges, mit sich alleine. Einer der Anlässe in der jüngeren französischen Geschichte, zu denen große Einigkeit über die französische Identität bestand. Nicht so jetzt, tausende bis an die Zähne bewaffnete militärische Sondereinheiten und Polizisten schirmten das Zentrum von Paris ab vor dem, so wie es heißt, gewaltbereiten Mob der Gelbwesten. Und wenn, so diejenigen, die doch noch den Mut haben über das zu berichten, was sie tatsächlich sehen und hören, wenn Menschen in die Hörweite des Präsidenten vordringen konnten, dann riefen sie, er solle zurücktreten.

Hierzulande, östlich des Rheins, wurde über die gespenstische Kulisse nichts berichtet. Es passt nicht in das Bild, das kurz vor den Europawahlen noch gezeichnet werden soll, nämlich, dass die Welt so in Ordnung ist und das Credo der Regierungsparteien von dem „Weiter so!“ und „Mehr davon!“ mehrheitsfähig bleiben soll. Der Aufwand, der betrieben wird, um das hohe Lied eines geeinigten Europas zu singen, ist immens. Und das Bestreben, alles auszublenden, was diesem Bild widerspricht, ebenso. Es wird lästig, zu wiederholen, dass das alles mit Pressefreiheit und kritischem Journalismus in den von Think Tanks durchtränkten öffentlich-rechtlichen Medien nichts mehr zu tun hat. Ihr Handeln desavouiert den Gedanken der Demokratie ebenso wie die gepriesenen Akteure, allen voran der Franzose Macron, der einen Krieg gegen das eigene Volk angezettelt hat, den er verlieren wird.

Wenn die Argumente ausgehen, wird das Böse gesucht. Und so sind es nicht Versäumnisse im eigenen Handeln, sind es nicht die Schemata, mit denen über Jahrzehnte in Europa neue Märkte generiert wurden, deren Instabilität von den eigenen Steuerzahlern getragen wurde, ist es nicht eine dramatisch ungleiche Besteuerung in den einzelnen Mitgliedstaaten der EU, ist es nicht der Regelungswahn für marginale, völlig irrelevante Standards, die jedoch ganze Branchen in Bedrängnis bringen und ist es nicht ein erbärmlich bürokratischer Geist, der stattdessen eine politische Vision erforderte. Nein, es sind die Europahasser von innen und außen, die das Leben so schwer machen.

Und ja, Juncker hat es nochmal gesagt, der Bergarbeitersohn mit der großen moralischen Hypothek, wenn er wissen wolle, warum wir Europa brauchen, dann sehe er sich Bilder aus dem großen Krieg an. Da hat er sicherlich einerseits Recht. Andererseits ist zu fragen, wer es zu verantworten hat, dass die EU so frei allen Verstandes agierte, als sie, wie im Falle der Ukraine, EU- und NATO-Mitgliedschaft miteinander als Bedingung verknüpfte? Das war Kriegstreiben, und diesen Irrsinn kompensieren keine Bilder aus dem großen Krieg. Sie verdeutlichen vielmehr, wie absurd und unerträglich das Handeln derer geworden ist, die sich in diesen Tagen als die Treuhänder des europäischen Gedankens aufspielen.  

Das Bild des französischen Präsidenten am 8. Mai ist das Omen, was den Dekonstrukteuren einer europäischen Friedenspolitik wahrscheinlich den Schlaf raubt. Der 8. Mai, das Ende des II. Weltkrieges, der Sieg über den Faschismus und die vermeintliche Geburtsstunde des neuen europäischen Gedankens, verbringt der französische Präsident ohne Volk. Wer darüber nicht sprechen will, wer versucht das zu verschweigen, dem kann keine positive Zukunftsprognose mehr ausgestellt werden.

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7 Gedanken zu „Das Schweigen am 8. Mai

  1. gkazakou

    … und gestern der 9. Mai: Beginn eines aggressiven NATO-Großmanövers gegen Russland, das am gleichen Tag den Sieg über den Faschismus mit eindrucksvoller Waffenschau feiert. Warum schreien die Bergarbeitersöhne da nicht auf, verweigern einem neuen Krieg die Unterstützung? „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ – auch das war einmal.

  2. alphachamber

    „Der 8. Mai, das Ende des II. Weltkrieges, der Sieg über den Faschismus…“
    Sollte heissen: der Sieg des „sittlichen“ Faschismus ueber den rechten Faschismus. Der eine, ein schleichendes globales Siechtum, der andere eine offen klaffende Wunde. Sehen wir mal, was schliesslich allen den Untergang bringt.

    Europa war – wie wir schon oefters schrieben – niemals ein Friedensprojekt, sondern eine Machtuebernahme. „gkazakou“ sieht es richtig: Die „gemeinsame“ EU muss demontiert werden – des Friedens willen.

    1. fibeamter

      Falsch! Demontiert werden muss der undemokratische und unsoziale Staatenverbund Europa. Unsere regierenden Politiker verstoßen laufend gegen unser Grundgesetz, vor allem Art. 20. Zur Verfassungswirklichkeit gehören auch Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. Zu Europa gibt es 2 wichtige Entscheidungen: 2 BvE 2/08 vom 30.06.2009 – Vertrag von Lissabon und 2 BvE 2/13 vom 26.02.2014- Sperrklausel im Europawahlrecht. Lesenswert sind die Pressemitteilungen des BVerfG vom gleichen Tag. Auf http://www.Bundesverfassungericht.de die Aktenzeichen und Datum eingeben sowie Mitteilungen (Presse). Daher bleibt nur, zu Europawahl zu gehen, aber die kleinen Parteien zu wählen. Protestwahl hat diesmal nur geringe Konsequenzen, vgl. Urteil vom 26.02.2014.

    2. gkazakou

      ich habe nie gefordert, die EU aufzulösen. Woraus schließen Sie das, alphachamber? Die Verbindung NATO-EU ist freilich einer Friedensordnung nicht grad förderlich. Aufgelöst werden sollte die NATO, die seit dem Ende des Warschauer Paktes obsolet,geworden ist.

      1. alphachamber

        Mmmh, wir nahmen wohl an Sie wuessten, dass beide Machtstrukturen zusammen Teile einer fortgehenden Planung sind – oder nehmen SIe an, die EU ist aus dem freien Willen der Nationalbuerger aller 28 Staaten entstanden?

  3. alphachamber

    Hallo fibeamter,
    „Falsch! Demontiert werden muss der undemokratische und unsoziale Staatenverbund Europa.“
    So wollten wir das auch verstanden wissen.
    HG

  4. monologe

    Mag alles richtig sein, aber das »Durchhalten« und das »trotz allem«, die geschürte Angst, was nach der NIederlage kommt (entsprechend den Russen), dürfte für die Bürger denn doch zu stark oder zu verlockend sein. Im Straßenverkehr ist es zu sehen: schon eine Blitzersäule stellt für die Leute oft eine solche Bedrohung dar, dass sie sich keine 50 mehr zu fahren trauen, sie fahren 40. Sie haben vor dieser Autorität offenbar das Gefühl, man müsse besonders brav sein, übererfüllen… Es scheint in den Genen.

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