Individualismus oder Kooperation?

Zumindest die Anthropologen sind sich einig: Der wesentliche Unterschied zwischen dem Homo sapiens und anderen entwickelten Säugetieren besteht nicht in seiner ausgeprägten Hirntätigkeit und den daraus resultierenden besonderen Fähigkeiten des Intellekts, sondern in der Fähigkeit, gesellschaftlich zu kooperieren. Wenn Kooperation tatsächlich als Alleinstellungsmerkmal zu gelten hat, dann sind alle Superlative, die im Zeitalter der Digitalisierung im Hinblick auf Wissen und die Vernetzung von Wissen verbreitet werden, nicht das Feld, dem die größte Aufmerksamkeit in politischer Hinsicht gewidmet werden müsste.

Es geht um den zivilisatorischen Stand von Zusammenarbeit. Was die globale Ordnung angeht, so ist diese allerdings nicht durch Kooperation, sondern durch Konkurrenz und Konfrontation gekennzeichnet. Diese Erkenntnis sollte allerdings nicht die Einsicht überstrahlen, dass weltweit von Gesellschaft zu Gesellschaft erhebliche Unterschiede in puncto gelebter Kooperation existieren. Auf der Makroebene sieht es jedoch düster aus.

Eine der positivsten Erscheinungen in der zurückliegenden, historischen Ära des Kalten Krieges zwischen Ost und West war die Bewegung der Blockfreien. In ihr hatten sich Staaten zusammengefunden, die nicht als Vasallen oder Satelliten der USA oder der UdSSR galten und für sich eine gesicherte Unabhängigkeit reklamierten. Auf der berühmten Konferenz im indonesischen Bandung fanden sich Länder wie China, Indonesien, Indien, Jugoslawien etc. zusammen und beschlossen, in aktiven wirtschaftlichen Austausch zu treten und sich politisch zusammenzuschließen, unabhängig von den jeweiligen doch sehr unterschiedlichen Gesellschaftssystemen der einzelnen Mitgliedsstaaten. Das war weitsichtig, nutzte den einzelnen Mitgliedern und bescherte der Welt das einzige Korrektiv, das im Magnetfeld der beiden Supermächte etwas bewirken konnte.

Es war folgerichtig, dass die den Kampf überlebende Supermacht USA sofort ans Werk gingen, die Bewegung der Blockfreien zu zerstören. Das aus deutscher Sicht unrühmlichste Kapitel war dabei die Zerschlagung Jugoslawiens und der damit erworbene Ehrentitel eines Kettenhundes.

Zudem entwickelte sich China selbst zu einer Supermacht, dessen Interessen zunehmend mit dem Gedanken der Blockfreiheit kollidierten. Das Kapitel ist Geschichte, die Aufgabe einer internationalen, blockfreien Kooperation jenseits des Konkurrenzkampfes zwischen China und den USA um Weltherrschaft umso dringlicher.

Ressourcenausbeutung und Ressourcenkriege, Kämpfe und Kriege um geostrategische Positionen sowie die weltweite, systematische Verwüstung von Biosphären führen zu einem Punkt, der zunehmend als Showdown zwischen der Existenz des Homo sapiens in einer erlebbaren wie lebenswerten Welt und dem monströsen, destruktiven Gelüste nach universaler Ausbeutung beschrieben werden muss.

Um den Kräften, die nach lebenswerter Existenz streben, eine Chance zu geben, bedarf es der Kooperation im Mikro- wie im Makrokosmos. Ob damit das Zeitalter der Individualisierung seinem schnellen Ende zustrebt, sei dahingestellt. Fest scheint jedoch zu stehen, dass die Sucht nach individueller Selbstfindung und Selbsterfüllung politisch kein positiver und exklusiver Orientierungspunkt mehr sein kann.

Wer eine positive Prognose auf die Zukunft haben möchte, muss die Bemühungen unterstützen, die dem Bau von Koalitionen und Allianzen zur Gestaltung von gesellschaftlichen Verhältnissen dienen, in denen das Gemeinwohl über dem exzentrischen Individualismus steht. Und was für die jeweilige politische Betrachtung in der eigenen Lebenswelt gilt, das muss auch in internationalem Maßstab eine wachsende Bedeutung annehmen.

Ein Modell wie die historische Bewegung der Blockfreien könnte da helfen. Wenn überhaupt, dann kann nur die Fokussierung auf wachsende Kooperation zu einer Wende führen. Dass die Menschheit das kann, sagt die Anthropologie. Ob sie es will, beantwortet die Politik.

Werbeanzeigen

4 Gedanken zu „Individualismus oder Kooperation?

  1. Pingback: Individualismus oder Kooperation? — form7 | per5pektivenwechsel

  2. fibeamter

    Hat dies auf fibeamter rebloggt und kommentierte:
    Die Zerschlagung von Jugoslawien hat mit Kettenhund nichts zu tun. Milosevic wollte ein großserbisches Reich unter seiner Führung mit serbischer Oberhoheit und Unterdrückung der anderen Völker. Im Kosovo-Konlfikt war mit ca. 150.000-200.000 Flüchtlingen zu rechnen…Diesen Flüchtlingsstrom galt es zu vermeiden. Diese Zahl l weiss ich von einem Kosovaren, der ca. 15 Monate Frau und 4 Kinder in Deutschland allein ließ, um im Kosovo seinen Landsleuten zu helfen. Das ist keine Propaganda, sondern Fakt.

  3. Nitya

    Lieber Gerd,

    es dürfte dich nicht wundern, wenn ich dieser Ansicht von dir eindringlich und vehement widerspreche: „Fest scheint jedoch zu stehen, dass die Sucht nach individueller Selbstfindung und Selbsterfüllung politisch kein positiver und exklusiver Orientierungspunkt mehr sein kann.“ Schon allein bei diesem Ausdruck von dir, die individuelle Suche nach Selbstfindung nach so viel Selbstentfremdung als Sucht zu bezeichnen, ließ mein Nackenfell sich sträuben und entlockte meiner Kehle ein tiefes Grollen.

    Wenn ich an die Sache herangehe wie ein Stratege, würde ich dir völlig zustimmen. Mach ich aber nicht. Ich schau mir an, mit wem ich es da zu tun hätte, und ich sehe lauter sich selbst entfremdete Menschen. Was wäre damit gewonnen, wenn die miteinander kooperieren würden? Noch ein Versagen der Blockfreien. „Fest scheint jedoch zu stehen, dass die Sucht nach individueller Selbstfindung und Selbsterfüllung politisch kein positiver und exklusiver Orientierungspunkt mehr sein kann.“ Warum sind denn die von dir so Herabgewürdigten heute längst kein politisch positiver und exklusiver Orientierungspunkt mehr? Meine Antwort: Weil sie sich schon längst selbst untreu geworden sind. Weil sie sich und ihr ursprüngliches Anliegen verraten und verkauft haben. Weil sie mit dem ursprünglichen Ansatz umgegangen sind, wie Geschäftsleute, Banker und Börsianer mit ihrem Kram umgehen. Nimm mal den Vorreiter der Selbstfindung und -erfüllung Jesus. Er hat die frommen Händler, die dort im Namen des Herrn ihre Geschäfte gemacht haben, mit der Geißel in der Hand aus „seines Vaters Haus“ getrieben. Nicht sein Ansatz war verkehrt, sondern die schwache menschliche Natur, die diesen Ansatz nicht leben wollte. Heute stehen wir vor dem Trümmerhaufen dieses menschlichen Versagens. Ich wage nicht zu sagen, dass das die Menscheheit aufwachen lassen wird. Nur ein rein strategischer Ansatz, der auf die Kooperation von Egomanen zählt, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.