ZDF: Fox News aus deutschen Landen

Gestern war wieder High Time in den deutschen Fox News: der 70. Jahrestag der Volksrepublik China bot genügend Material, im Labor der Geschichtsvergessenheit, der Fake News und der Diffamierung so richtig einen loszumachen. Im heute journal. Erst die Bilder von der mächtigen Militärparade aus Peking, dann Krawalle aus Hongkong. Während in Peking sich die Diktatur selbst bejubelte, werden in Hongkong die wahren Kämpfer für Demokratie niedergeknüppelt. So die Botschaft. 

Neben Atlantik-Brücken-Kleber und der Liebesentzug drohenden Trauerweide Slomka ist jetzt der eunuchenhaft anmutende Ulf Röller als High Commissioner von seiner letzten Sauftour aus den USA, wo er das komplexe Land auf sein schlichtes Anti-Trump-Ressentiment einzudampfen versuchte, nach China gesandt worden. Dort spielen, so das Kalkül der die Atlantikbrücke betreibenden Falken am Potomac, die nächsten Dramen der Weltgeschichte. Denn wollen die USA ihre Weltherrschaft behalten, dann ist der Entscheidungskampf mit China erforderlich. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch.

Da ist es wunderbar, dass mit dem Sonderstatus Hongkongs noch ein letztes Relikt der jahrhundertelangen Schmähung, Demütigung, Ausbeutung und Unterdrückung Chinas verblieben ist, wo man seine kolonialen Blue Movies glaubt drehen zu können. Die dortige Demokratiebewegung wünscht sich das alte, demokratische Hongkong zurück, so das wiederholte Lied. Opiumkrieg, Boxeraufstand und ungleiche Verträge haben das britische Empire dazu befähigt, China jene Kolonie zu entreißen, in der nie demokratisch gewählt wurde. Und nun kommen die Investigativen vom Mainzer Lerchenberg und erzählen, bei Hongkong handele es sich um ein Diadem aus den glorreichen Zeiten der britischen Demokratie in China. Da stellt sich die ernsthafte Frage, in welcher Opiumhöhle messerscharfe Analysten wie besagter Ulf Röller nächtigen? 

Das Problem, das von den deutschen Fox News permanent kreiert wird, ist die Destabilisierung des gesellschaftlichen Narrativs von der Demokratie. Der offensichtliche, dauerhafte und systematisch betriebene Akt der Schändung historischer Fakten und gesellschaftlicher Wahrheiten führt nicht zu einer Desorientierung im Einzelnen, aber zu der Zerstörung des Vertrauens insgesamt. Was soll man von wenig argumentierenden, dafür aber ständig emotionalisierenden und für die schlechte Sache Werbenden anderes halten, als dass es sich um Propagandisten im wissenschaftlichen Sinne handelt? 

In diesen Tagen heißt es immer, vertrauen Sie auf die Wissenschaft! Das ist ein kluger Rat. Zu den Wissenschaften gehört auch die Geschichte, zumindest was die historischen Fakten anbetrifft. Und das, was die Volksrepublik China heute darstellt, unterscheidet sich gravierend von den Zeiten des Kolonialismus und Imperialismus. Kaum eine alte Großmacht, die sich nicht an China goutiert hätte. Glaubt irgendwer, die Chinesen selbst hätten kein Bild von ihrer Geschichte? 

Und glauben die Produzenten der Märchenstunde namens heute journal wirklich, eine Militärparade auf dem Platz des Himmlischen Pekings sei mit der Gefahr vergleichbar, die amerikanische und europäische Waffen derzeit im Jemen verbreiten? Oder in Syrien? Oder in Libyen? Oder in Venezuela? Oder im Irak? Oder in Saudi Arabien? 

Ein guter Rat: Von Mainz ist es nicht weit nach Frankreich. Dort lassen sich seit geraumer Zeit auch Geschichten finden, die das Etikett der Sensation verdienen. Da herrscht Ausnahmezustand, da wird geprügelt und geschossen, was das Zeug hält, da gibt es jedes Wochenende Bilder von aus den Rollstühlen geschossenen Menschen, die dann über die Straßen geschleift werden. Das wären True News at their best! Und dazu noch im deutschen Fernsehen! Doch bitte berichtet und kommentiert von neuen Gesichtern! Blieben die alten, dann glaubte das wieder keiner!

3 Gedanken zu „ZDF: Fox News aus deutschen Landen

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  2. almabu

    Die Öffentlich-Rechtlichen in ihrer heutigen Form haben fertig, keine Existenzberechtigung mehr! Die Zwangs-Verdummungssteuer folglich auch nicht, Hurra!

  3. Alice Wunder

    Das ist jetzt nicht so dramatisch. Wir Deutschen haben halt, historisches Faktum, wenig bis gar kein Gespür dafür, wie Weltreiche funktionieren, zumal wenn sie auf Seehandel fußen, anstatt der uns schmerzhaft bekannten Knochen gewisser norddeutscher Grenadiere. Ein alter Engländer wollte einmal höflich zu mir sein und machte mir als Deutschem folgendes interessante Kompliment: Als Child of the Empire, der in Indien und Kenia aufgewachsen war, habe er stets aufrichtig bewundert, wie gut und ordentlich die ehemalig deutschen Kolonien funktionieren. Sollte die richtige Vorgehensweise im falschen Spiel also tatsächlich existieren?

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