Morde in Halle: Hört auf Wiesel, Brecht und Adorno!

Ein altbekanntes Muster ließ sich bereits kurz nach den Morden in Halle identifizieren. In den sozialen Netzwerken kamen Chiffren der Betroffenheit zum Vorschein. Viele davon hatte es bereits vorher gegeben. Bei Charlie Hebdo, bei dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz, bei dem Blutbad im Pariser Club Bataclan. Immer wieder bringen Menschen ihr Entsetzen und ihren  Abscheu durch Bilder von sich und Symbolen zum Ausdruck. Was sie damit zeigen, ist, dass sie sich nicht gleichgültig zeigen gegenüber Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das ist ein gutes Zeichen und jeder, der sich ermüdet fühlt durch diese Spontan-Kampagnen sollte sich überlegen, ob es wirklich sinnvoll ist, dagegen zu polemisieren.

Es ist nötig, die Umstände genau zu betrachten und zu differenzieren. Die Ikone des Nichtvergessens aus jüdischer Sicht, Elie Wiesel, sei an dieser Stelle zitiert: 

„Ich habe immer daran geglaubt, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Glaube ist nicht Überheblichkeit, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, es ist Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit ist nicht Anfang eines Prozesses, es ist das Ende eines Prozesses.“

Nimmt man Elie Wiesel beim Wort, dann sind wir konfrontiert mit einer schleichend um sich greifenden Gleichgültigkeit. Die viel belächelten Posts in den sozialen Netzwerken sind demnach nichts, was verurteilt werden sollte, sondern sie sind Ausdruck einer nicht geteilten Gleichgültigkeit.

Was diesen Zeichen des Protestes innewohnt, ist jedoch eine Gefahr, die nicht dem gesamten Kollektiv der sich Meldenden zugeordnet werden kann, sondern eines mehr und mehr um sich greifenden Phänomens. Es handelt sich um die zumeist symbolische Ersatzhandlung. Wer einen Post über sein Entsetzen in den viralen Orkus stellt und sich dann in seine täglichen Routinen begibt, ohne diese selbst zu überprüfen, wird keine Veränderung der Verhältnisse bewirken, von denen er sich gerade noch abgewendet hat. Dem Entsetzen folgt, wenn der Impuls noch funktioniert, die Wut.

Und auch in diesem Kontext verfügen wir über eine gute Referenz. Bertolt Brecht brachte es seinerseits so auf den Punkt: 

„Wut im Bauch alleine reicht nicht aus. So etwas muss praktische Folgen haben.“

Besser kann die Notwendigkeit nicht beschrieben werden. Wer nicht gleichgültig ist und wer noch mehr von sich geben kann als eine symbolische Handlung, der hat die Pflicht, sich einzumischen und gegen das anzukämpfen, was die zivile Existenz zunehmend bedroht. Und allen, die jetzt genervt abwinken und sagen, dass alles, was da im politischen Leben kreucht und fleucht nur abgeschmackt und sinnlos ist, sei geantwortet: Auf dich kommt es an! Ein Appell, der in den Zeiten, in denen Veränderungen durch politische Kämpfe herbeigeführt wurden zum Grundwissen gehörten und der nach einer langen Phase der Entmündigung aus der Mode gekommen ist. 

Überall, wo wir uns bewegen, haben wir die Gelegenheit, aufzustehen gegen falsche Parolen und gegen die Gleichgültigkeit. Das ist nicht immer einfach, aber es ist der einzige Weg, um etwas auf den Weg zu bringen, das auch wieder diejenigen dazu motiviert, die paralysiert vom Pessimismus im Abseits stehen. Aus jeder individuellen praktischen Aktion entstehen neue Allianzen und Bündnisse, die politische Relevanz erlangen können.

Gerade in diesen Tagen kursiert angesichts der aktuellen Entwicklungen eine Schrift des längst vergessen geglaubten Theodor W. Adorno. Unter dem Titel „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ liegt diese kleine Schrift in vielen Buchhandlungen auf dem Tisch. Adorno hatte nicht nur ein Phänomen seiner Zeit beschrieben, er, der große Theoretiker, hatte auch noch etwas hinterher gerufen, was zu diesen Überlegungen passt und sich alle, die nicht kalt geworden sind, zu Herzen nehmen sollten:

„Wer standhalten will, darf nicht verharren im leeren Entsetzen.“

4 Gedanken zu „Morde in Halle: Hört auf Wiesel, Brecht und Adorno!

  1. Pingback: Morde in Halle: Hört auf Wiesel, Brecht und Adorno! | per5pektivenwechsel

  2. gkazakou

    ich weiß nicht, ob diese Tat berhaupt in die Rubrik „politisches Attentat“, „politisch motivierter Terror“ gehört. Sie ist meiner Meinung nach psychopathologischer Natur. Wenn ich es recht verstehe, hat dieser junge Mensch einen ungeheuren Minderwertigkeitskomplex, er beschimpft sich selbst wüst als looser, und das Wort, das man auf zwei Zetteln in seiner Wohnung fand, war „Niete“ – und spiegelt damit zurück das, was er vermutlich ständig über sich gehört hat: Du bist ein Versager, eine Niete. Er wollte es „der Welt zeigen“, und „versagte“ auch dieses Mal. Man darf nicht vergessen, dass er das ganze in Lifestream gesendet hat, sich also schrecklich „blamiert“ hat. In seiner Wut über sich selbst und um jedenfalls etwas zustande zu bringen, hat er dann zwei zufällige Menschen getötet. Das ist furchtbar.
    Mit all dem will ich nicht sagen, dass es nicht ein rechtsradikales Klima gibt, auf das er sich bezieht, in dem er denkt und fühlt. Ich fürchte, viele dieser Rechtsradikalen fühlen sich als „looser“ und sind gerade deshalb so gefährlich. Hitler war der Prototyp eines „loosers“. Was ist da zu tun? Hat es Sinn, den Druck zu erhöhen? Die Polizei und Armee von Rechtsradikalen zu säubern? Sicher, das scheint auf der Hand zu liegen. Doch was geschieht dann mit diesen Menschen? Werden sie sich noch mehr radikalisieren? Werden sie zu lebenden Bomben, um das „Unrecht“, das ihnen angetan wurde, zu kompensieren? Gibt es andere Wege, die erfolgversprechender sind? Eine Antwort habe ich nicht.

    1. Jaqueline Chantalle Müller

      Ich denke was wir hier sehen, sind Symptome einer gescheiterten Gesellschaft. Wir genügen uns selbst und einender nicht als Menschen, sondern nur als Symbolträger vermeintlichen Erfolges. Regelmäßig werden so fragwürdige Statistiken verbreitet, wonach die Bürger in bester Konsumlaune seien – sich richtig etwas leisten – und der arme Schlucker hört dem zu und muss feststellen, dass er wohl ein Loser ist.

      Nur so als Mensch, scheint man auch bedeutungslos zu sein. Nicht das, was man im Herzen trägt zählt, sondern irgendwelcher materieller oder gesellschaftlicher Tand, unter dem man sich quasi begräbt. Wenn alle Bemühungen nicht dazu führen zu erreichen, was von einem erfolgreichen Menschen erwartet wird, endet es häufig tragisch – für einen selber und auch für andere. Nur bei den meisten bekommt die Welt nichts davon mit, außer anonymisiert, in irgendwelchen tragischen Statistiken.

  3. monologe

    Naja, und es gibt zunehmend auch das, was man früher »Fanatismus« nannte, ein Sichhineinsteigern und eisernes Beharren. Außerdem geht der Respekt auf Kritik gegen Null, sondern sie hat oft das Gegenteil zur Folge. Man fahre auf die AUtobahn, da lernt man das »Volk« kennen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.