Gevatter Pauper tobt durch die Straßen des Planeten

Keine drei Jahrzehnte hat es gedauert. Die goldene Zeit, die von dem amerikanischen Politologen Francis Fukuyama in Anspielung auf Hegels Geschichtsphilosophie als das Ende der Geschichte bezeichnet wurde. Zur Erinnerung: Hegel hatte tatsächlich die Vorstellung entwickelt, dass die Triebkräfte der Geschichte dann verlöschen, wenn die Vernunft zu sich selbst gefunden und sich verwirklicht hätte. Fukuyamas grandioser Fehler war die Idee, mit der Vernunft Hegels sei die liberale Marktwirtschaft gemeint gewesen. Wer so in den historischen Dokumenten der Philosophiegeschichte herumschlampt, darf sich nicht beklagen, wenn er selbst später als ein ziemlich einfältiger Propagandist in den Journalen geführt wird.

Zur Ehrenrettung Fukuyamas sei gesagt, dass er keine exzentrisch neue Betrachtungsweise erfunden hatte, denn viele Menschen glaubten nach dem Zusammenbruch der UdSSR, dass sich das wohl bessere Wirtschaftssystem durchgesetzt hätte. Auch diese Sicht war naiv, denn sie klammerte das zentralistische, staatsmonopolistische Treiben aus dem militärisch-industriellen Komplex des Westens aus, aber das ist ja alles Geschichte. Was zählt, ist die Entfesselung der Ideologie des freien Marktes. Keine drei Jahrzehnte ist es her, und die Bilanz regt dazu an, schleunigst über Alternativen nachzudenken und den Lauf der Geschichte wieder anzukurbeln.

Die Statistiken lügen nicht. Ein Blick auf die Verteilung des Besitzes in den Ländern, in denen angeblich die Vernunft zu sich selbst gefunden hat, zeigt sehr deutlich, dass immer weniger Menschen mehr besitzen, als sie und ihre familiären Clans werden jemals verzehren können und nahezu der Rest der Menschheit sich darauf einzustellen hat, dass das Darben kein Ende nimmt und dass die Grundlagen der Existenz in rasantem Tempo zerstört werden. Gevatter Pauper, ein Gespenst aus uralten Zeiten, tobt mit seiner Sense durch die Straßen dieses Planeten und massakriert jeden, der sich ihm in den Weg stellt. Die Armut ist, trotz aller Fortschritte in der Produktion von Gütern, zu der Geisel dieser Tage geworden. 

Es geht nicht um hehre Werte, es geht bei vielen, von denen allerdings die Geschichten in den offiziellen Journalen nicht erzählt werden, um die nackte Existenz. Wer da noch glaubt, denen, die da dem plündernden Pauper zu entkommen suchen, erzählen zu können, dass diejenigen, die da in inszenierter Form hier und da auf die Straße gehen, und nach der Freiheit lechzen, auch in die Fänge Paupers zu kommen, der ist einer Denkweise erlegen, die suizidalen Charakter hat. Noch einmal an alle: es geht ums Überleben!

In Frankreich brach ein Sturm los, der bis heute anhält, als es viele Menschen traf, dass sie nicht mehr den Sprit für ihre alten Mopeds bezahlen konnten, um aus der entlegenen, angeschnittenen Provinz zu ihren prekären Jobs in die Städte fahren zu können. Und jüngst, als geographischer wie thematischer Bogen, sprangen die Menschen in Chile aus ihren Hütten, weil bei vierhundert Euro Mindestlohn bei einem Preis von einem Euro fünfzig für einen Liter Milch die Existenzfrage direkt gestellt wurde. In Frankreich wie in Chile geht es ums nackte Überleben. Und in beiden Ländern, die stellvertretend für viele stehen, in denen das Ende der Geschichte reklamiert wurde und der freie Westen propagiert wird, hat die Politik des Wirtschaftsliberalismus gewütet und den gesellschaftlichen Reichtum noch einmal privatisiert. Mit dem Finden der Vernunft zu sich selbst hat das nichts zu tun. Mit der Gier von Unersättlichen viel. 

Gevatter Pauper kann das Handwerk nur gelegt werden, wenn die Eigentumsfrage erneut gestellt wird. Vielleicht ist das der böse Geist, der aus den Gräbern der alten UdSSR noch weht, aber sobald der Pauper mit seiner Sense diesen Geist wittert, wird ihm richtig mulmig. Und das ist ein gutes Zeichen. 

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