Krise IV: Wir liegen vor Madagaskar!

Keine Situation ist besser geeignet, in sehr kurzer Zeit sehr viel zu lernen, als die Krise. Von den strukturellen Fragen war schon die Rede. Es konnte festgestellt werden, dass der Verzicht von Autonomie wegen ökonomisch rentabler Lieferketten ebenso fatal ist wie börsenorientierte Kapitalgesellschaften, denen Versicherungssysteme anvertraut werden. Und es war sehr schnell deutlich, welche Auswirkungen die Umwandlung des Gesundheitswesens in vereinzelte Wirtschaftsbetriebe hat. Dass der Zweck aus den Augen verloren wird, die Patienten leiden und zahlenorientierte Abkömmlinge aus Wirtschaftsberatungsgesellschaften über ein so hohes Gut wie die Gesundheit entscheiden. Seehofer hieß übrigens der Gesundheitsminister, unter dessen Verantwortung diese Entwicklung eine entscheidende Phase durchlief und in der niedergelassene Ärzte, die den hippokratischen Eid ernst nahmen, en bloc kriminalisiert wurden.

Neben den strukturellen Fragen, die im Moment recht schnell geklärt werden können, – ob das zu den notwendigen politischen Entscheidungen führen wird, liegt an uns allen und wird sich zeigen –  sind es die mentalen Erscheinungen, die zeigen, was in der Epoche der reinen Zasterphilosophie so alles an Empathie verloren gegangen ist. Da stehen nun die diejenigen, die für das Wirtschaftssystem, das die Ära geprägt hat und das nicht die Pandemie, aber die aus ihr hervorgehende Krise in einem gehörigen Maß zu verantworten haben in menschenleeren Sälen vor den Mikrophonen und appellieren an die Vernunft der Bevölkerung. Richtig, vernünftiges Handeln ist jetzt notwendig. Und die Dringlichkeit dieses Notwendigen resultiert aus dem unvernünftigen Agieren von zwei Jahrzehnten. Solange das nicht zur Disposition steht, solange niemand aus der Kohorte der Verantwortlichen Worte über die eigene, fehlerhafte Agenda fallen lässt, darf sich niemand wundern, wenn es rumort. Und es wird weiter rumoren, denn je länger die verordnete Ruhe mit der ihr innewohnenden gesellschaftlichen Situation herrscht, desto kritischer wird es in sozialer Hinsicht.

Dass da ein gehöriges Maß an Verblendung herrscht, wird an der Kritik an dem Verhalten derer deutlich, die sich noch im öffentlichen Raum getroffen haben. Es sei empfohlen, wenn es nicht durch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit gefährlich werden könnte, einmal durch die verschiedenen Quartiere einer Großstadt zu flanieren. Da wird dann sehr schnell deutlich, wo die „Unvernünftigen“ und wo die „Vernünftigen“ beheimatet sind. In den Vierteln der Unterschichten ist das Treiben im öffentlichen Raum wesentlich stärker ausgeprägt, weil dort weder private Gärten noch großräumige Wohnungen vorhanden sind. Um der argumentativen Entgleisung der berufsmäßig politisch Korrekten, die exklusiv wohnen, womöglich aus kaum versteuertem Erbgut, und die sich herzzerreißend gegen die Käfighaltung von Legehennen wehren, einmal einen Vorschlag zu machen: Zieht in die Quartiere der Unterschichten und tauscht die Behausung mit jenen, die sich dort auf der Straße herumtreiben. Dann wird zu beobachten sein, wie lange sie es aushalten in den Unterkünften der Armut und Beschränkung. 

Es fällt auf, dass die chronische Ausblendung der sozialen Frage, so wie es in der Epoche des Wirtschaftsliberalismus immer und immer wieder praktiziert wurde, die Spaltung der Gesellschaft immer weiter vorangetrieben hat. Das muss sich nun ändern. Es darf keine Tabus mehr geben. Die Verhältnisse , wie wir sie momentan erleben, haben dazu geführt, dass der Park gegen die Straße pöbelt und es kaum jemand noch merkt. Diese Pöbelei ist das Unappetitliche! Wer einen leeren Magen hat, und stellen sie sich vor, davon gibt es eine große Menge, der hat keinen Appetit auf Diskurse über sublime Gewürzmischungen, sondern dem geht es um ein Stück Brot. Was die Krise zeigt? Unsere Gesellschaft hat kannibalistische Züge, und kaum jemand, selbst die gebildeten Schichten, merken es noch. Das Wasser in den Kesseln fault beträchtlich.

2 Gedanken zu „Krise IV: Wir liegen vor Madagaskar!

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  2. gkazakou

    mir kommt da der Matrosensong aus „Happy End“ von BB in den Sinn: https://youtu.be/_nciv_sfhMg
    „Jetzt braucht da nur einmal ein Sturm zu kommen
    Na ja, da ist’s ja schon das Dock von Birma
    Halt du, das ist doch nur ’ne schwarze Wolkenwand
    Mensch und die Wellen, ’s ist ja allerhand
    Mensch, das verschlingt uns ja die ganze Firma
    Ja, da sind wir jetzt glatt am Rand …. “

    Na, das Ganze halt. Happy End.
    ´

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