Verbrannte Illusionen: Zeit für einen Neuanfang

Behalten wir die Augen offen! Obwohl der Aktionsradius gewaltig eingeschränkt ist, sind Verhaltensweisen zu beobachten, die den Status unserer Befindlichkeit deutlich machen. Da sind die Nachrichten, die sich erhärten, dass die USA überall, wo sie Zugriff haben, Flugzeuge mit Masken und Desinfektionsmitteln, die von anderen Ländern angekauft wurden, zwangsweise in die USA umleiten. So geschehen gestern mit einer Ladung, die nach Frankreich sollte. So, wie es aussieht, macht Not nicht nur solidarisch, sondern auch egoistisch. EU wie NATO zeigen gegenwärtig, zu was sie taugen, wenn es brenzlig wird. Die EU findet nicht statt und die NATO beharrt auf einer Erhöhung der Militärausgaben. Das sind Bilanzen, die man sich wird merken müssen. Es bedarf allerdings der Präzision.

Die pandemische Krise, die von einer ökonomischen wie der des Zerfalls der geostrategischen Ordnung nicht mehr zu trennen ist, zeigt das Gesicht der freien westlichen Wertegemeinschaft zunehmend als das, was sie ist: eine Schimäre. Nicht, dass eine solche Feststellung Spaß machte, aber es ist zu überlegen, ob die Zeit für Illusionen noch vorhanden ist. Charaktere wie der gegenwärtige Präsident der USA schrecken vor nichts zurück. Sie kalkulieren Massentod betriebswirtschaftlich, sie spielen High Noon auf der internationalen Bühne und sie werden die mit der Krise hingenommenen Ausnahmezustände dazu nutzen, ihre Macht ins Unverschämte und Diktatorische auszudehnen. 

Die Skepsis, die auch hierzulande herrscht, hat mit den täglich neu bekannt werdenden Beispielen zu tun, die zeigen, dass auch in Europa das Lied an die Freude eine Hymne ist, die mit der Alltagspraxis der Herrschereliten nicht viel zu tun hat. Die deutsche Vorstellung, alles müsse in der EU einheitlich und abgestimmt sein, ist zudem eine Vorstellung, die sonst niemand teilt. Und das zu Recht. Denn die lokalen Gegebenheiten sind nun einmal unterschiedlich, das Wissen um die Notwendigkeiten vor Ort ist nicht in den Fluren einer zentralen Bürokratie vorhanden, sondern vor Ort. Und wem, das ist die Frage, trauen die Menschen mehr Kompetenz in der Beurteilung der Krise zu, den Brüsseler Spitzenbeamten oder den Bürgermeistern vor Ort? Die Vision von der Einheitlichkeit, die im übrigen innerhalb der Republik erneut die Kritik am Föderalismus nährt, hat totalitären Charakter. 

Die ökonomisch hoch entwickelten Zonen, von der Lombardei über Bayern bis nach Stuttgart, wo die Epidemie am stärksten um sich greift, sind genauso zu administrieren wie die wenig betroffenen und dünn besiedelten Zonen am friesischen Watt? Aber, so die Antwort, eine Differenzierung sei der Bevölkerung aufgrund der Komplexität nicht zuzumuten. Ja, da haben wir es, und das wird alles zum Einstürzen bringen: Die Bevölkerung ist eben nicht so dumm, wie  gerne angenommen und vorausgesetzt. Daran werden die rund um die Uhr laufenden Sondersendungen und Talk Shows nichts ändern, die versuchen, mit Halbwahrheiten, Desinformation und Feindbildern die Hirne zu vernebeln. 

Und nun beginnt es auch noch in den Mikrokosmen. In den Nachbarschaften brechen Konflikte aus, die es in sich haben. Da werden in den Hausfluren Rechnungen aufgemacht, die seit Jahrzehnten in den geistigen Archiven lagen. Das, was noch vor kurzem der Fußball Community als schlechtes Benehmen exklusiv angehaftet wurde, beginnt nun überall, in jeder sozialen Schicht, sein Gesicht zu zeigen. Die Verrohung ist Gemeingut geworden. Es bedarf eines radikalen Neuanfangs. Da heißt es nüchtern bleiben. Die Illusionen verbrennen gerade. Eine nach der anderen. Aber, für einen Neuanfang ist das doch gar nicht so schlecht, oder? 

4 Gedanken zu „Verbrannte Illusionen: Zeit für einen Neuanfang

  1. Pingback: Verbrannte Illusionen: Zeit für einen Neuanfang | per5pektivenwechsel

  2. Alice Wunder

    Betriebswirtschaftlich kalkulierter Massentod ist eine sehr hübsche und treffende Beschreibung für unser Senioren-Verwahr(losungs)-System. Das kalkulierte Sterben ist dabei zeitlich so zu gestalten, dass man mindestens noch ein Knie und ne Hüfte verkaufen kann. Sollte ein unkalkuliertes Virus den Zeitplan gefährden, ist unverzüglich der nationale Notstand auszurufen.

  3. wolfbaer

    Wenn es schon ein kalkulierter Massentod sein soll, dann allenfalls ein volkswirtschaftlich kalkulierter. Doch selbst das geht mir zu weit.
    Der insgesamt kluge Artikel hätte auf diesen Seitenhieb auf Donald Trump gut verzichten können. Alle Staaten dieser Welt stehen im Hinblick auf die um sich greifende Seuche vor schwierigen Entscheidungen, am Ende aller dieser Entscheidungen – nicht am Anfang! – steht die Entscheidung über Leben und Tod. Als in Tschernobyl die Liquidatoren mit Hubschraubern auf dem Dach havarierten Reaktors abgesetzt wurden, um den Bau des ersten Sarkophags überhaupt möglich zu machen, wussten die Verantwortlichen, dass dies kaum einer der eingesetzten Männer überleben würde. Dennoch waren sie dort und – das sollten wir nicht vergessen – haben auch uns vor weit schlimmerer Strahlenbelastung bewahrt. Heute geht es darum, denen, die eine höhere Chance zum Überleben haben, den Vorzug vor denen zu geben, deren baldiges Sterben, auch unter intensivmedizinischer Betreuung sehr sicher bevorsteht. Das sind Entscheidungen der Ärzte, da geht es um das Leben anwesender Patienten.
    Auf höheren Entscheidungsebenen geht es um Tausende oder Millionen, über die man Quarantäne verhängt, um Tausende oder Millionen, vor allem im Einzelhandel, die man weiter zur Arbeit schickt, obwohl ihnen keine Schutzausrüstung zur Verfügung steht, weil man weiß, dass der Zusammenbruch der Versorgung mit hoher Wahrscheinlichkeit für weit mehr Menschen weit schlimmere Folgen hätte.
    Alle stehen vor solchen Entscheidungen, Merkel, Seehofer und Spahn, mit Scholz und Altmeier in Deutschland. Sie treffen Entscheidungen, die denen Trumps, Macrons, Contes, Putins, usw., usw., vom Grunde her und auch von den Zielen her gleich sind.
    Es stehen nicht allen die gleichen Ressourcen und die gleichen Kompetenzen zur Verfügung, also fallen die gewählten Methoden in Teilen unterschiedlich aus, aber allen geht es jetzt primär darum, zu retten, was zu retten ist.
    Wenn die Feuerwehr ihre ganze Kraft darauf setzt, das Überspringen des Feuers eines schon im Vollbrand stehenden Hauses auf die Nachbarschaft zu verhindern, statt die nicht mehr zu rettende Ruine zu löschen, hat niemand ein Problem damit.
    Mag sein, dass es immer noch viele gibt, die sich über diese „Dramatisierung“ kringelig lachen und hinter Dr. Wodarg herlaufen, doch dass diese – und es sind übewiegend diesselben – aus der Seuche, die es ihrer Auffassung nach gar nicht gibt, den Vorwurf unmenschlichen Handelns gegen jene konstruieren, die mit ihren Mitteln und Kräften tun, was zu tun ist, finde ich zumindest merkwürdig.
    Egon W. Kreutzer

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Vielen Dank für den klugen Einwurf! Da muss ich noch einmal ausholen, um Missverständnisse zu vermeiden. Wenn möglich, im morgigen Blog. Ich bitte um Geduld!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.