Mein Kioskmann und der Manchester-Kapitalismus

Er tobte. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Der Mann, der den Zeitschriften- und Tabakkiosk in meiner Straße führt. Ich müsste nicht zu ihm, Zeitungen, physisch, lese ich seit langem nicht mehr und die Zigarillos, die ich bei ihm kaufe, sind woanders besser befeuchtet. Aber gerade weil dort unterschiedliche Menschen ein- und ausgehen, treibt es mich immer wieder dorthin. Dort spricht die Straße. Der Pächter, von dem hier die Rede ist, moderiert normalerweise. Wie das kluge Geschäftsleute meistens tun, exponiert er sich nicht mit seiner Meinung, sondern er hört zu, und wenn manche Kunden aneinandergeraten, dann sucht er zu vermitteln. Doch gestern war alles anders. Der gute Mann war außer sich. Und er griff auch zu Worten, wie ich sie von ihm noch nicht gehört hatte.

Worum ging es? Ich fragte ihn, und mit viel Geduld und gezielter Nachfrage bekam ich es heraus. Er hatte gelesen, dass Firmen die Krise nun dazu nutzten, einerseits Hilfsgelder von Staat und EU zu bekommen, um den Shutdown irgendwie zu überleben, und andererseits in großem Rahmen ihre Belegschaften kündigten, um sich von renitenten, missliebigen und kritischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu trennen. Und den Rest, den sie in diesem Zug mit gekündigt hatten, stellten sie danach wieder zu schlechteren Bedingungen ein. „Diese Brut“, schrie der Kioskmann, „man sollte sie an einer langen Kette zum Arbeiten in den Steinbruch schicken!“ Sein Tag war gelaufen, und zu beruhigen war er nicht.

Das kleine Erlebnis ist kein Zufall. Es macht deutlich, was die Stunde geschlagen hat. Die Zeit der wohlmeinenden Träumereien, die bei Sozialdiät und Quarantäne entstanden, ist vorbei. Das, was „wir“ alles aus der Corona-Krise lernen können, ist bei denen geblieben, die nie das Problem waren. Die Problemerzeuger hingegen sind die gleichen geblieben. Die Abzocker, die Kriegsgewinnler, die Steuerhinterzieher und Subventionsräuber wittern nicht nur Morgenluft, sondern sie sind bereits aktiv und stürzen sich auf die bereit gestellten Hilfstöpfe. Mit ihren gut ausgebildeten und professionell agierenden Rechtsabteilungen sprechen sie bei den staatlichen Institutionen und Bankhäusern vor, die die aus Steuermitteln generierten Hilfstöpfe verwalten und holen sich Subventionen und Kredite, dass die Schwarte kracht. Gleichzeitig trennen sie sich von allem, was nicht mehr rentabel war. Tausende und Abertausende stehen vor der Arbeitslosigkeit und das Ausmaß dessen, was an wirtschaftlichem wie gesellschaftlichem Schaden noch folgen wird, ist kaum seriös zu beziffern. 

In diesem Übergangsstadium zeigt sich, wie ein Großteil der so genannten freien Wirtschaft sich das Marktregulativ vorstellt. Was da zum Teil zu erleben ist, kann als eine mächtige Renaissance des Manchester-Kapitalismus bezeichnet werden. Obwohl es verantwortungsvolle und auch weitsichtige Unternehmen gibt, die anders handeln und mit ihren Belegschaften Pläne für die Zukunft entwickeln, sind es gerade die großen, vermeintlich systemrelevanten Betriebe und Organisationen, die sich so aufführen wie in den Zeiten, als die Arbeitskräfte noch mit Peitschen an ihre Arbeitsplätze geleitet wurden. Es ist so, wie es viele nie glauben wollten: Der Urtrieb des Kapitalismus, ein Maximum an Gewinn aus der Ausbeutung von Mensch und Ressource herauszuholen, zeigt sich in Krisen in seiner ganzen Schönheit und Klarheit.

Da fallen alle Illusionen von der schön erstellten Galerie und der Kioskmann ruft dazu auf, Barrikaden zu errichten. Recht hat er. Was aus den wohlmeinenden Appellen an die Vernunft wird, sehen wir zur Zeit in ihrer ganzen Armut.

4 Gedanken zu „Mein Kioskmann und der Manchester-Kapitalismus

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  2. aquasdemarco

    In NRW sind gerade ohne Not, gegen den Rat der Polizei, der Gewerkschaften, etc auf Wunsch der FDP die Spielbanken privatisiert worden, sie sollen an einen Bieter gehen, möglicherweise Gauselmann. Er war Großspender der FDP.
    Es bleibt beim alten Spiel, aber die Zeit ändert sich, wie das Klima

  3. Bludgeon

    Ähem. Und welche Partei war das nochmal, die die Frustrierten zu sammeln versucht?
    Und was käme dann raus?
    Ach, lass sein.
    Bin ja alt jetz‘.

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