Diese Welt retten? Ein Re-Framing

Nein, nichts wird gut. Und vor allen Dingen nicht wieder. Denn wieder gut würde bedeuten, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Und das, soviel ist sicher in einer unübersichtlichen Lage, waren wir nicht. Die Bilanz, zu der die Pandemie zwingt, ist verheerend. Der Unterschied zwischen Arm und Reich war noch nie so groß, die Verwüstung von Natur wie Mensch hatte niemals solche Ausmaße und die Lernfähigkeit, fassen wir uns an die eigne Nase, war noch nie so dürftig. In der Krise, so heißt es, zeige sich, ob Systeme das Potenzial haben, zu überleben. Na dann, gute Nacht. Denn nichts deutet darauf hin, dass an den Ursachen der grausamen Bilanz gearbeitet würde. Weiter so, heißt die Parole, geschmückt mit der fatalen Hoffnung, dass alles wieder so wird, wie es war. Ja, wer will das denn? 

Gerade las ich einen Roman, der in den Wirren der 1920iger Jahre in Deutschland spielt und das ganze Auf und Ab und die Suche nach einem Weg sehr gut illustriert. Und da tauchte das Zitat einer bayerischen Bäuerin auf, das mich nachdenklich stimmte, weil es von tiefer Weisheit zeugte: „Was sie doch immer dahermachen mit dieser beschissenen Welt!“ Es handelte sich um eine Frau, die nichts kannte als Verantwortung und Arbeit, von morgens früh bis abends spät, und die nie Zeit und Gelegenheit hatte, um sich über Politik Gedanken zu machen. 

Alle seien daran erinnert, dass es sich bei dieser Frau, vom Prototypen her, um die Mehrheit der Weltbevölkerung handelt. Ob sie, sollte sie der Unmut übermannen, sich noch einen Dreck um diese ihre beschissene Welt scheren, ist fraglich. Diese Destruktionskraft übersteigt alle Waffenarsenale. Und wenn die Zorndepots voll sind, dann kann alles geschehen. In den Zentren des mittelständischen Wohlstands hat man diese Realität aus den Augen verloren. Und denen, die das System mit immer weiter gehenden Macht- und Bereicherungsphantasien befeuern, ist es in ihrem Junkie-Dasein völlig Wurscht, was mit dem Rest geschieht.

Re-Framing nennt man die Technik, wenn man aus einer schlechten Nachricht durch die Einbettung in einen anderen Rahmen eine positive Option macht. Gehen wir davon aus, dass diese beschissene Welt nicht mehr zu ändern ist, dann werden die Optionen klar. Es gibt nichts mehr zu verlieren, es darf nicht so weitergehen, wie es war, und es kann nur noch gewonnen werden, wenn es anders ausgeht, als zu vermuten. Das hört sich doch schon ganz anders an und hebt sich wohltuend ab von dem Lamento über eine verlorene Welt, womit der Irrweg in die Dauerkrise gemeint ist.

Gehen Sie, ab dem kommenden Montag, durch die Straßen Ihrer Stadt und schauen Sie genau hin. Flanieren Sie an geschlossenen Museen und Theaterhäusern, Kinos und Restaurants vorbei, betrachteten Sie die dicht gedrängten Reihen vor den Brutal-Discountern, beobachten Sie, in welchen Stadtteilen die Polizei besonders patrouilliert, sehen Sie sich die Menschen an, bei denen sich die Armut aus jeder Pore meldet und halten Sie die Ohren offen, ob Sie das Lachen hören, das es längst nicht mehr gibt. Gehen Sie an den Schaufenstern vorbei und sehen Sie sich den ganzen Ramsch an, der überall auf der Welt gleich ist. Und denken Sie an den Satz der bayrischen Bäuerin. Wir sollten nicht soviel dahermachen, mit dieser beschissenen Welt. Wenn überhaupt, dann sollten wir sie ändern.

7 Gedanken zu „Diese Welt retten? Ein Re-Framing

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  2. rotewelt

    Gerade heute morgen habe ich wieder daran gedacht, dass ich nicht nur das vielbeschworene neue Normal will, sondern auch nicht das alte. Denn – und das sehe ich als das Positive dieser schrecklichen Zeit – was bisher den meisten verborgen blieb unter der Oberfläche des schönen Scheins – war schon lange faul und wurde immer fauler. Jetzt kommt vieles davon ans Licht – für die, die es sehen wollen und sich informieren und das bleibt wohl die Minderheit. Auch ich, obwohl ich mich für aufmerksam und immer kritisch hinschauend hielt, stelle fest, dass ich in manchen Bereichen doch auch noch völlig arglos war und mir manche Hintergründe verborgen blieben. Gestern hörte ich im Corona Ausschuss zum Beispiel etwas über die wahren Motive der Pisa-Studien und war perplex. So oft wie mir derzeit die Augen geöffnet werden, müssten sie eigentlich nie mehr zugehen. Das Negative an der Sache ist, dass man noch seine letzten winzigen Illusionen verliert und damit fertigwerden muss, dass man noch mehr getäuscht wurde als man sich vorstellen konnte. Das ist schwer zu schlucken, aber mit der Zeit wird es einfacher: kein Entsetzen mehr, sondern nur noch ein lakonisches „ach so, dort auch“. Puzzleteil für Puzzleteil fügt sich alles zu einem Ganzen. Der Anblick, diese grelle Luzidität tun weh und doch machen sie mich gerade nicht mehr verrückt, sondern bestärken mich eigentlich darin, dass mit mir alles in Ordnung ist (was derzeit vielleicht von vielen angezweifelt wird) und dass mein oft diffuses Unbehagen und meine Skepsis mehr als berechtigt waren.
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    Ich glaube, es gibt trotz allem doch noch mehr zu verlieren, aber ich stimme zu, dass wir diese beschissene Welt ändern müssen. Sofort.

  3. gkazakou

    Diese Welt ist nicht beschissen – sie ist ein unglaubliches Wunder. Natürlich weiß ich, was hier gemeint ist. Aber als Devise für die notwendige Änderung gefällt mir ein solcher Negativsatz nicht. Nein, nicht aus dem Negativen wird das Positive geboren, sondern indem ich das Positive tue. Und das wäre: teilen was ich habe und kann, solidarisch sein, unterstützen was meiner Unterstützung bedarf, kooperieren, den Kopf und das Herz frei halten von Angst. Aus der Fülle in der Fülle leben. „Lass dich nicht betrügen, dass Leben wenig ist“ (BB)

  4. rotewelt

    Ich finde, ihr seid im Grundsatz kaum oder gar nicht voneinander entfernt, denn ihr wollt doch alle, dass sich das Negative (ob es nun so bezeichnet wird oder ob es Verbesserungsbedarf gibt) zum Positive(re)n wendet. Auch muss das Negative ja oft erst als solches erkannt werden, um etwas anderes zu wollen und zu tun.

  5. mikesch1234

    Hat dies auf ilseluise rebloggt und kommentierte:
    Mersmanns dringliche Anregung:

    „Gehen Sie, ab dem kommenden Montag, durch die Straßen Ihrer Stadt und schauen Sie genau hin.
    Flanieren Sie an geschlossenen Museen und Theaterhäusern, Kinos und Restaurants vorbei, betrachteten Sie die dicht gedrängten Reihen vor den Brutal-Discountern, beobachten Sie, in welchen Stadtteilen die Polizei besonders patrouilliert, sehen Sie sich die Menschen an, bei denen sich die Armut aus jeder Pore meldet und halten Sie die Ohren offen, ob Sie das Lachen hören, das es längst nicht mehr gibt.
    Gehen Sie an den Schaufenstern vorbei und sehen Sie sich den ganzen Ramsch an, der überall auf der Welt gleich ist.

    Und denken Sie an den Satz der bayrischen Bäuerin. „Wir sollten nicht soviel dahermachen, mit dieser beschissenen Welt.“

    Wenn überhaupt, dann sollten wir sie ändern.“

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