Archiv für den Monat November 2020

Das Dilemma mit der Verschwörung

Glaubt man dem Erscheinungsbild, das sich darbietet, so leben wir in einem Zeitalter der Verschwörungstheorien. Um sich ein zutreffendes Bild verschaffen zu können, ist es zunächst einmal erforderlich, sich mit dem zu befassen, woher der inflationär verwendete Bericht eigentlich kommt. Leider ist es so, dass er in seiner Entstehung aus Zusammenhängen stammt, die eines sehr deutlich belegen: als Verschwörungstheorie wurde, etymologisch, zumeist ein der Versuch bezeichnet, tatsächlich drastische Verhältnisse zu beschreiben und zu erklären. Und er wurde verwendet von denjenigen, die etwas zu verbergen hatten. Und, ob man es will oder nicht, in den Anfängen seiner Hochkonjunktur tauchte der Begriff auf, wenn Geheimdienste, in besonderer Weise die amerikanische CIA, sich des Begriffes bemächtigten, wenn sie sich entlarvt fühlten. 

Dass nicht alles, was unglaubliche Vorgänge beschreiben will, frei ist von absonderlicher Spekulation und irrsinniger Deutung, ist die andere Seite der Wahrheit, die zu einer Aufklärung gehört. Heute, in Zeiten dramatischer Ordnungsauflösung, ist der Verdacht, dass sich hinter vielem dunkle Mächte verbergen, eine naheliegende, jedoch auch oft nicht zutreffende Erklärung. Nein, weder jüdische Finanzhaie an der amerikanischen Ostküste, noch russische Spione oder chinesische Bots sind Ursache für die dramatischen Veränderungen, die die globalisierte,  krisenhafte Welt und beschert. Diese Form der Interpretation läuft nicht nur auf diskriminatorische Feindbilder hinaus, sie lenkt auch ab von einer präzisen, kalten Blutes durchgeführten Analyse der Verhältnisse.

Der unbeschränkte Austausch von Waren, der globale Zugriff auf Ressourcen, das allmächtige Gesetz der Verwertung und der massenhafte, direkte Kontakt von Menschen in der ganzen Welt sind die Quellen für Raubbau, soziale Spaltung, Umweltvernichtung und Epidemien. Selbstverständlich spielen, wie beim allem, konkrete Individuen und Organisationen eine Rolle, aber ohne die logischen Prinzipien, die sie treiben, könnten sie diese Rolle nicht spielen. Es greift zu kurz, sich auf die Individuen und Organisationen zu fokussieren. Es geht um das Prinzip.

Im Grunde ist das, was als Verschwörungstheorie bezeichnet wird, Ausdruck einer gewissen Unbeholfenheit der Welterklärung. Und so sehr die zum Teil abstrusen Erklärungsmuster auch daherkommen mögen, sie haben, was das Prinzip, sprich die Produktions- und Eigentumsverhältnisse anbetrifft, eine nützliche Rolle. Sie lenken von den Ursachen ab und bieten einen wunderbaren Anlass, um sich zu mokieren über die Abseitigkeit der Interpretation von Missständen. Ja, auch Verschwörungstheorien haben einen Doppelcharakter. Sie sind zum einen eine Spielart der verwegenen Illusion, zum anderen jedoch ein Aufbegehren gegen Verhältnisse, die nicht mehr richtig erscheinen. Wie bei der Religion, wie bei der Romantik und wie bei der Illusion schlechthin.

Den absurden Part spielen in diesem Spiel diejenigen, die sich darauf konzentrieren, den Erklärungsversuch als solchen pauschal zu diskreditieren. Sie sehen sich als die Besitzer einer Wahrheit, die nichts erklärt. Sie verkaufen den Status quo als das natürlich Gegebene, zu Erstrebende und Unausweichliche und schließen die Notwendigkeit einer Analyse, die der Sache auf den Grund geht, aus. Sie machen sich somit zu Verfechtern einer Realität, die mit ihren Ordnungsprinzipien im Zerfall begriffen ist und grenzen diejenigen, die dem Prozess hilflos gegenüberstehen, als Begriffstutzige, von der Komplexität Überforderte aus. 

Ja, es ist ein Dilemma. Da stehen sich Apologetik und absurde Theorie diametral gegenüber. Weiter führt weder das eine noch das andere. Helfen kann nur die Analyse, mit scharfem Verstand und ohne Tabus. 

Paris: Die Zentralbank brennt! — Neue Debatte

Es ist noch nicht abzusehen, ob in Frankreich der letzte Tropfen aus Polizeigewalt und Willkür das Fass zum überlaufen bringt. Sicher ist aber, dass sich Hunderttausende an den Protesten beteiligten und in Paris ein Symbol der verhassten Macht brannte: die Zentralbank.

Paris: Die Zentralbank brennt! — Neue Debatte

Paris: Die Zentralbank brennt!

Und wieder einmal muss der Blick nach Frankreich gehen. Was durch eine systematische Ignorierung der dortigen Verhältnisse seit ca. eineinhalb Jahren, als die Bewegung der Gelbwesten nahezu komplett in der hiesigen Berichterstattung ausgeblendet wurde, setzt sich fort und ergreift immer größere Teile der Gesellschaft. Die Spaltung in der französischen Gesellschaft ist ähnlich fortgeschritten wie in den USA, Macron ist, was den Reflex der Wählerinnen und Wähler in der Enttäuschung gegenüber den „etablierten Parteien“ anbetrifft, der französische Trump. Beide wurden ungefähr zur gleichen Zeit gewählt, beide waren ein Affront gegen das Establishment. Sie waren ein Reflex auf die Spaltung, aufgelöst haben sie sie nicht.

Macrons Versuch, aus seiner Sicht die französische Gesellschaft durch radikal-liberalistische Maßnahmen zu modernisieren, drängte diejenigen, die so gerne und abschätzig als die Verlierer der Globalisierung bezeichnet werden, noch mehr an den Rand. Was mit dem Protest gegen eine Benzinpreiserhöhung begann und damit zu erklären war, dass Tagelöhner sich nicht mehr den Sprit für ihr Moped bezahlen konnten und in die Städte kamen, um sich dort anzubieten oder zu arbeiten, aus denen sie längst aufgrund der Mieten verdrängt waren, wurde zu einer mächtigen Bewegung. Sie zu ignorieren, während man es nicht versäumte, erschütternde Berichte aus Hongkong, und neuerdings aus Belarus zu fertigen, stimmt skeptisch. Selektive Wahrnehmung ist ein Phänomen, das den Standpunkt stante pede entlarvt.

Die Entwicklung des französischen Widerstands gegen die Politik der Macron-Regierung wurde im Laufe der Zeit immer rasanter. Mehr und mehr Kräfte reihten sich ein in den Kampf gegen die weitere Verarmung. Die Rentenreform zeigte noch einmal die Kontur der Politik. Entrechtung der Versicherten und radikale Privatisierung illustrierten immer mehr Menschen, wohin die Reise ging. Beachtlich vor allen Dingen, dass sich die großen französischen Gewerkschaften wieder positioniert haben und den Widerstand mitorganisieren – im Gegensatz zu ihren deutschen Nachbarn.

Präsident Macron hingegen fackelte nicht lange. Zu Beginn der Corona-Krise ließ er zunächst keine Masken und Hygienemittel für die Krankenhäuser anschaffen, sondern orderte Equipment für die Polizei, vielleicht in weiser Voraussicht eines anschwellenden Widerstands. Dass in Folge der dramatischen Zustände in den französischen Krankenhäusern bei Protesten von Medizinern und Pflegepersonal die seit dem Ausnahmezustand wegen der Anschläge, die in den letzten Jahren Paris erschütterten, zu vielem autorisierten Polizeikräfte zuschlugen wie die Berserker, war wohl als leidlicher Kollateralschaden gesehen worden.

Doch es ging und geht immer weiter. Der Konflikt zwischen wachsenden Bürgerprotesten und der Regierung ist zu einem etablierten Dauerzustand geworden. Immer, wenn davon ausgegangen gen wird, die Lage könne nicht weiter eskalieren, kommt die nächste Welle. Die letzte begann damit, dass die Polizei innerhalb von Paris Zeltlager von Obdachlosen mit einer Brutalität sondergleichen räumte. Der Protest, der sich wegen solcher Aktionen formiert, wird mittlerweile von immer größeren Bevölkerungsteilen unterstützt, weil sie das staatliche Vorgehen nicht mehr ertragen. In den letzten Tagen folgte die Koinzidenz von einer brutalen Misshandlung eines dunkelhäutigen Musikproduzenten in seinem eigenen Geschäft seitens einer Polizeieinheit, die gefilmt worden war und einer von der Regierung eingebrachtenGesetzesvorlage, in der das Mit-Filmen von Polizeieinsätzen bei Strafe verboten werden soll. 

Ob das, wie in der letzten Nacht in Paris zu sehen war, der Punkt war, der das Fass zum Überlaufen bringen wird, ist noch nicht abzusehen. So viel ist jedoch gewiss: dem Protest schlossen sich Hunderttausende an und in der Nacht brannte Paris, im wahren Sinne das Wortes. Dass das erste Gebäude, das in Flammen aufging, ausgerechnet die Zentralbank war, mag das ein Zufall sein?