Archiv für den Monat Dezember 2020

Die Rundung des Kopfes nutzen!

Von dem französischen Schriftsteller Francis Picabia stammt der wunderbare Satz, dass unser Kopf rund sei, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Bei Betrachtung unserer täglichen Routinen stellt sich sehr schnell heraus, dass es sich dabei nur um eine Möglichkeit, keinesfalls um eine Gewissheit handelt. Zu oft müssen wir feststellen, dass genau das nicht passiert: der Richtungswechsel. In Zeiten sich einander ablösender Krisen wird deutlich, dass das Festhalten an alten Gewohnheiten und Denkstrukturen so etwas wie einen vermuteten Rettungsanker darstellt. Indem sich viele Menschen auf das fokussieren, was sie bereits kennen, offenbaren sie das Dilemma ihrer eigenen Existenz: Sie wollen an dem festhalten, was vertraut ist, weil sie meinen, es löse das Versprechen der Sicherheit ein.

Aber genau das ist es, was nicht mehr zu finden ist. Die Sicherheiten, von denen wir glauben, dass sie auch jenseits des Heute bestünden, tragen das Verhängnis bereits in sich. Das Altvertraute verhindert die Offenheit, die nötig ist, dem Neuen positiv zu begegnen. In einer Gesellschaft, die sich trotz des hohen Entwicklungstempos in einer Selbstzufriedenheit badet, ist das Ausblenden notwendiger Veränderung sogar tödlich. Das Neue, das mit jedem Schritt in eine andere Richtung weist, kann nicht verarbeitet werden, wenn es von alten Narrativen zugedeckt wird.

Genau das ist das Problem. Das immer dankbarste Feld für den Nachweis des beschriebenen Dilemmas ist die Politik. Übrigens egal wo, ob im sonnigen Westen oder im dunklen Osten, wo es angeblich nur morgens einmal kurz leuchtet. Wenn sich die Zeiten ändern, wie es so unkritisch heißt, dann werden alte Rezepte hervorgeholt, um die Welt abermals, allerdings trügerisch zu erklären. Das Ergebnis kann nichts anderes sein als eine große Enttäuschung. Denn, das wissen wiederum alle, nichts wird bleiben, wie es war. Auch wenn es dem innigen Wunsch nach Sicherheit widerspricht. 

Angesichts der bevorstehenden Bundestagswahlen wird, und um das vorauszusehen, bedarf es keiner großartigen prognostischen Fähigkeiten, ein Almanach des Gewesenen entworfen werden. Man kann es auch anders formulieren: Ist irgendwo eine politische Partei in Sicht, der zugetraut wird, eine Vision zu vermitteln, die in der Lage ist, Aufbruchstimmung zu erzeugen? Oder werden Ängste heraufbeschworen, um die Menschen der alten Ordnung gefügig zu machen? Das möge jede und jeder für sich selbst beantworten, und es stellt sich die Frage, ob die medialen Consultings bereits an einer neuen Illusion arbeiten, die die Politik dabei unterstützen wird. Man sollte nur eines nicht tun: Sich dem Trugschluss unterwerfen, dass eine Illusion gleichbedeutend mit einer Vision ist.

Die Analysen über die großen Entwicklungstendenzen liegen vor: Globalisierung, neue Herausforderungen aufgrund weltweiter Vernetzung, Produktionsweisen, Lieferketten, klimatische Veränderungen, Pandemien und Kriege. Viele der Stichpunkte umreißen sowohl das Problem als auch die Perspektive. Wer in diesem Konglomerat existenzieller Fragen mit den alten Milchmädchenrechnungen der Vergangenheit hausieren geht, appelliert lediglich an den Wunsch, alles möge wieder so werden, wie es einmal war. Dass das nicht der Fall sein wird, ist bereits deutlich. Also besteht auch kein Grund, den Revisionisten, Nostalgikern und Schamanen erneut auf den Leim zu gehen. Erlauben Sie sich den Spaß, angesichts dessen, was bevorsteht, die einzelnen Akteurinnen und Akteure den erwähnten Kategorien zuzuordnen.

Bleibt, den klugen Satz Francis Picabias im Gedächtnis zu behalten und selbst zu versuchen, die Rundung des Kopfes zu nutzen, um die eigene Richtung zu ändern.

Zur alten Ordnung: Onkel Joe will die ganze Welt zurück — Neue Debatte

Die Neuordnung der Welt im Sinne eines Joe Biden ist die Wiederherstellung der alten Ordnung, die von 1991 bis zur Weltwirtschaftskrise 2008, die die Erosion der US-amerikanischen Vormachtstellung einleitete, existierte.

Zur alten Ordnung: Onkel Joe will die ganze Welt zurück — Neue Debatte

Onkel Joe will die Welt zurück

Während hier der erste Lockdown stattfand und in den USA die Wahlen noch bevorstanden, hatte sich Joe Biden persönlich in einem selbst verfassten Artikel öffentlich zu seinen politischen Absichten erklärt. In dem renommierten Organ Foreign Affairs veröffentlichte er unter seinem Namen einen Artikel mit dem Titel „Why America Must Lead Again. Rescuing U.S. Foreign Policy After Trump“ umriss er die von ihm im Falle eines Wahlsieges projektierte Politik. Der Artikel beinhaltete innen- wie außenpolitische Perspektiven und war alles andere als undeutlich. 

Neben einigen Äußerungen zum Umgang mit der Pandemie beschrieb Biden dort Reformvorhaben, die vor allem dazu geeignet sind, die innere Stabilität innerhalb des eigenen Landes wieder herzustellen. Die wichtigsten Linien beschrieben das öffentliche Gesundheitswesen, Maßnahmen zum Umweltschutz sowie den Bildungsbereich. Das mag als ein Versuch gelten, um innenpolitisch zu befrieden.

Außenpolitisch ist das Program nicht nur eindeutig, sondern auch brisant. Biden spricht davon, dass die USA wieder die unangefochtene Supermacht auf dem Planeten werden müsse. Das Bild, das er in diesem Zusammenhang benutzt, spricht Bände. Er beschreibt die Rolle der USA so, dass sie wieder am Kopf des Tisches sitzen müssten, um den Diskurs über die Geschehnisse auf der Welt zu leiten. In diesem Zusammenhang seien die Bündnisse wieder in die direkte Regie der USA zu bringen. Vor allem die NATO steht an zentraler Stelle. Und, wie sollte es anders sein, es wird nicht von gemeinsamen Interessen der dort assoziierten Mitglieder geredet, sondern von den Werten, die die westlichen Demokratien verbinde. Der Plan, der dahinter steckt, ist der einer Demokratisierung der Welt nach amerikanischem Vorbild. Dass nach diesem politisch-systemischen Vorbild momentan bei gutem Willen maximal ein Sechstel der Weltbevölkerung so organisiert ist, macht deutlich, was auf der Agenda steht.

Ausgesprochen wie unausgesprochen geht es dabei um so etwas, das man als natürliche Gegner bezeichnen kann. Neben den vielen Staaten, die mittlerweile ihre eigenen Wege gehen, sind vor allem Russland und China gemeint, deren Werte denen des Westens entgegenstehen und die in die Defensive gezwungen werden sollen. Da die NATO und ihre Verbündeten dabei eine zentrale Rolle spielen, ist klar, um was es geht. Sie sollen in die Phalanx einer neuen Aggression gebracht werden. Und dass Deutschland dabei eine zentrale Rolle spielen soll, wird ebenso deutlich. 

Die Neuordnung der Welt ist die Wiederherstellung der alten Ordnung, die von 1991, dem Zusammenbruch der Sowjetunion, bis zum Jahr 2008, der Weltwirtschaftskrise, die die Erosion der us-amerikanischen Vormachtstellung einleitete, existierte. Letztere brach nicht durch russische Raketen oder chinesische Annexionen, sondern durch die ökonomischen Wirkungsmechanismen des Finanzkapitalismus ein, an deren Wesen bis heute aus dem Innern keine Änderungen vorgenommen wurden. Weder die dynamische Entwicklung Chinas noch die Behauptung Russlands gegen die NATO-Osterweiterung sind verantwortlich für das Schwächeln der USA, sondern die innere Dynamik der USA selbst. 

Die Willenserklärung, die Welthegemonie zurück zu holen und sich dabei exklusiv auf die eigenen Werte zu berufen, offenbart zweierlei: Erstens soll an dem ökonomischen Prinzip der Verwertung nicht gerüttelt werden. Und zweitens geht es darum, Expansionismus, egal wo auf der Welt, ideologisch begründen zu wollen. Bei allem Wohlwollen, das nach der Episode eines Donald Trump bei dem einen oder anderen aufkommen mag, handelt es sich dabei um ein aggressives, bellizistisches Programm, das am Wesen des destruktiv wirkenden Wirtschaftssystems nichts ändern will und mittels des Krieges die Welt, die sich derweilen multipolar gestaltet, in die alte Ordnung zurückholen soll.